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Lesedauer: 4 Minuten

Der Fremde auf dem Vélosolex

Im Februar des Jahres 1969 schlief ich zunächst in einem umgebauten Stall. Darin roch es noch säuerlich, nach Mist und Tier. Da ich in Italien unter anderem jahrelang als Bauer gearbeitet hatte, machte mir das nicht viel aus. Mein Abenteuer als Saisonnier hatte in der Schweiz gerade angefangen. Ich konnte bereits nach vier Wochen eine kleine 2-Zimmerwohnung beziehen, mit Küche, Bad und fliessendem Wasser und fühlte mich wie ein König. Mein erster Arbeitgeber, der vorwiegend mit Altmetall handelte, lieh mir ein Vélosolex aus, damit ich jeweils pünktlich um 03.00 Uhr morgens meine Arbeitsschicht beginnen konnte. Im Winter musste ich aber zu Fuss gehen, weil die dünnen Räder des Mofas auf den vereisten und verschneiten Strassen gefährlich wegrutschten.

Wenn ich flink unterwegs war, dauerte mein Arbeitsweg eine Stunde. Wenn es glatt war oder der Schnee die Strassen üppig bestreute, benötigte ich für dieselbe Strecke im schlimmsten Fall anderthalb Stunden. Das hiess für mich: jeden Wintermorgen den Wecker ein bisschen früher zu stellen, damit ich vom allfälligen Schnee nicht überrascht wurde. Der mittlere Abschnitt meines Weges verlief durch einen Wald, den Namen habe ich vergessen. Es lag irgendwo zwischen Köniz und Thörishaus im Kanton Bern. Die vom Schnee bedeckten Äste sahen dann wie hängende Arme aus, die mich am Mantel packen wollten.

In einer Nacht wurde ich von der Polizei zwar nicht gepackt aber doch angehalten, was nicht erstaunlich war. Ich war eine dunkle Gestalt, die sich geisterhaft fortbewegte und einen Kleidersack auf dem Rücken gebunden hatte. Nach einem kurzen Telefonat mit meinem Arbeitgeber wurde ich aber freigelassen. Mit Rassismus hatte ich nur vereinzelt zu tun, meistens wenn ich in meiner Freizeit unterwegs war, wie zum Beispiel in Restaurants. Die argwöhnischen Blicke vereinzelter Gäste spürte ich oft, nur selten wurde ich aber angepöbelt oder bedroht.

Einmal wurde ich von zwei Männern in meinem Alter, also Mitte Zwanzig, als Tschingg bezeichnet. Ich müsse das Restaurant sofort verlassen. Damals hatte ich keine Ahnung, was das Wort bedeutete. Ihre Absicht konnte ich aber mimisch und anhand ihrer Gesten gut übersetzen. Wie so oft in meinem Leben fand ich die Hilfe genau dort, wo ich sie am wenigsten erwartete. Ein hünenhafter Schweizer stand im Restaurant von seinem Stuhl auf, ging zu den anderen zwei und sagte, er würde es gerne mit ihnen aufnehmen. Aber gerne draussen. Dann bat er mich aufzustehen und ihn zu begleiten. Wir haben vor dem Restaurant eine Zeitlang gewartet. Die pöbelnden Schweizer sind auf ihren Holzstühlen sitzen geblieben. Der Hüne hat sich beim Bahnhof verabschiedet. Ich sah ihn dann nie wieder.

Wenn ich etwas gelernt habe: Gute und schlechte Menschen gibt es unabhängig von ihrer Nationalität. Solche, die mir geholfen haben, und wiederum andere, die mir Steine in den Weg gelegt haben. In der Schweiz habe ich aber erlebt, dass Aufrichtigkeit schliesslich belohnt wird. Das war in Italien nicht immer der Fall. Da zählen die Schlaumeier, i furbi, viel mehr. I furbi müssen kreative Wege suchen, um sich im Leben durchzusetzen. Der Wind schlägt ihnen stärker entgegen. Sie können sich weder auf Institutionen noch auf den Staat verlassen. Deshalb ist der Zusammenhalt der Familie in Italien wichtiger.

Aus einem Grund habe ich Italien verlassen, die Arbeit, aus verschiedenen Gründen bin ich in der Schweiz geblieben. Und ich bereue meine Entscheidung nicht.

 

Die Überfremdungsinitiative von James Schwarzenbach jährte sich kürzlich zum 50. Mal. Grund genug, um mit meinem Vater darüber zu reden. Ich habe versucht, seine diffusen Erinnerungen schriftlich festzuhalten. Wenn papà erzählt, dann lachen seine Augen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich in seinen Geschichten Fiktion und Realität ständig vermischen… Aber wie schwierig ist es nach Jahren, das Erlebte wirklichkeitsnah zu wiedergeben? Sehr oft sind Vaters Erzählungen aus inhaltlicher Sicht widersprüchlich, sie beschreiben zwei Seiten der gleichen Münze, als könne er sich nicht wirklich positionieren. Er war in der Schweiz ein Fremder, gleichzeitig fühlte er sich hier zuhause und aufgehoben. Er hat Italien vermisst aber auch gehasst.

Bild: Saisonniers aus Italien am Bahnhof Zürich, 1964. (Foto: Keystone)

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