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Solidarität, nicht Zustimmung

Diese Formulierungen sind hämisch und verkehren die Tatsachen: Die Missionarin ist das Opfer von terroristischen Mördern geworden. Deren religiöse Verblendung und deren radikaler Glaube hat sie zum Opfer werden lassen. Dass Hugo Stamm in seinem undifferenzierten Plädoyer gegen die Missionarin diesen selbstverständlichen Umstand geflissentlich unterschlägt, überrascht kaum. Ihm geht es gar nicht um eine Auseinandersetzung mit der Arbeit und dem Leben dieser Frau. Sie ist für ihn nur ein Beispiel, um mit dem missionarischen und hinterwäldlerischen Glauben an Gott abzurechnen.

Was hat Beatrice Stöckli eigentlich getan?

Was hat Beatrice Stöckli in Mali eigentlich getan? Hat sie wie eine Irre versucht irgendwelchen Muslimen Kreuze umzuhängen und sie Zwangstaufen zu unterziehen? Offenbar nicht. Im Tagesanzeiger gibt sich Mirko Manzoni, den vom EDA zuständigen Chef für die Entwicklungshilfe in Mali, von der Arbeit der Missionarin beeindruckt. Sie habe sich für die Ärmsten eingesetzt. Ousmane Hallé, der langjährige Bürgermeister Timbuktus, erzählt, dass Beatrice Stöckli “trotz ihrer Religion” in der Stadt sehr geschätzt worden sei. Täglich hätte sie Mahlzeiten für zwanzig arme Kinder zubereitet.

Unmenschlich

Ich sage es offen: Ich bin gegenüber missionarischen Bestrebungen sehr skeptisch. Ich teile das Weltbild und den Glauben nicht, demgemäss es sinnvoll ist, Menschen zu bekehren. Gleichzeitig bin ich regelrecht befremdet über die Bereitschaft meiner Kolleginnen und weiter Teile der Bevölkerung – mindestens entnehme ich das den Kommentaren auf Watson – den Fehler bei der Missionarin zu suchen:

Stellvertretend für diese Haltung stehen die beiden beliebtesten, bei weitem nicht schrecklichsten Kommentare auf Watson. Der erste Kommentar sagt sinngemäss: Niemand verdient den Tod. Aber es war richtig, nicht für ihr Leben zu bezahlen, da sie ohnehin – aufgrund ihrer (!) mangelnden Einsicht und religiösen Verblendung – wieder Opfer geworden wäre. Der zweite Kommentar erkennt in der Ermordeten aufgrund ihres Glaubens ein therapiebedürftiges Wesen. Mit Verlaub: Das ist menschenverachtend. Wir retten den Suizidalen auch dann, wenn er rückfallgefährdet ist. Wir glauben – als Gesellschaft – daran, dass sich Straftäter bessern, Kranke genesen und Rassisten Einsicht entwickeln können. Das ist nicht linkes Gutmenschentum, sondern unsere Kultur: Wir glauben an die unverbrüchliche Würde jedes Menschen. Da gibt es keine Kosten-Nutzen-Evaluationen.

Der zweite Kommentar ist ein direkter Angriff auf die Freiheit. Wir glauben an viele Dinge, von denen wir andere Menschen überzeugen wollen, die wir streng logisch nicht erklären können: An die Würde des Menschen, an die Sinnlosigkeit von Religion oder daran, dass der drogenkranke Bruder gesund wird. Jemanden für ihren Glauben als psychisch krank zu verunglimpfen, mag zwar durch die Meinungsfreiheit gedeckt sein. Es ist aber eine sehr erklärungsbedürftige Interpretation humanistischer Werte.

Abwehrreflexe

Erschrocken haben mich aber auch die Voten meiner Facebook-Freunde. Sie relativieren die Tragik, indem sie für die Missionarin mindestens eine Mitschuld – “Sie hat sich selbst in Gefahr gebracht!” – insinuieren. Sie finden den Mord “tragisch”, schieben aber im nächsten Satz nach, dass Mission trotzdem immer falsch sei. Ich finde: Man kann mit der ermordeten Missionarin solidarisch sein, ohne ihr in allem zustimmen zu müssen.

Aber woher kommt dieser krasse Abwehrreflex gegen “Mission”? Ich sehe nichts Falsches darin, dass Menschen andere Menschen von dem überzeugen wollen, was sie glauben. Solange dies ohne – tätliche oder strukturelle – Gewalt geschieht, ist das ein wichtiger Teil jeder auf Verständigung basierenden Gesellschaft. Wir wollen Menschen davon überzeugen, dass die Genitalverstümmelung falsch ist, Kondome gegen die Ausbreitung des HI-Virus helfen und gleichberechtigte Lebensformen, demokratische Ordnungen und Bildung gut sind, besser sind. Wenn jemand von der Liebe Gottes erzählen will und mit seinem Leben selbst ein Beispiel dafür sein möchte, muss man das nicht bewundernswert finden, aber man muss es tolerieren.

Ob uns das nicht zuletzt deshalb so schwer fällt, weil wir anders als die Islamisten und die Missionarin nichts miteinander teilen, das uns wertvoller ist, als unser eigenes Leben?

 

Photo by Vanderlei Longo from Pexels

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3 Kommentare zu „Solidarität, nicht Zustimmung“

  1. Danke für diesen Beitrag, der mir aus dem Herzen spricht. Diese Missionarin hat für ihre Überzeugung ihr Leben riskiert, wie es der sehr gute Artikel im Tagi differenziert aufzeigt. Über die Institutionen Mitternachtsruf und vielleicht auch Neues Leben für die sie beide früher tätig war, darf man, ja muss man vielleicht sehr kritisch denken. Nur rechtfertigt dies in überhaupt gar keine Weise hämische Kommentare, sie habe den Tod verdient. Nach dem Artikel dachte ich vielmehr: Wow, das ist Mut und glaubwürdige Überzeugung.

    1. Stephan Juette

      Lieber Samuel,
      danke für deine Nachricht. Ich überlege auch, ob “glaubwürdig (gelebte) Überzeugungen” vielleicht immer dem Vorwurf der Naivität ausgesetzt sind…? Ein bisschen musste ich aber auch an den Witz denken, indem ein Pfarrer um seine Rettung bittet. Und dann die Hilfe der Feuerwehr dreimal ausschlägt.
      Herzlich, Stephan

    2. Du schreibst, dass man die Menschenwürde rein logisch nicht begründen kann (dem stimmenich zu); dennoch engagieren sich Menschen für Überzeugungen, die auf der Menschenwürde fußen.
      Ich verstehe mich ganz, weshalb du friedliche Mission dann skeptisch siehst. Wo machst du da den Unterschied?

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