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Satanic Panic: Warum Aufklärung à la Böhmermann zu kurz greift

Es wird immer schwerer, anzugeben, wo mehr Panik herrscht: bei Verschwörungsgläubigen, die vor organisiertem Satanismus warnen, oder bei jenen, die den Glauben an kinderschändende satanische Netzwerke bekämpfen – und dabei ebenfalls an schlimme Machenschaften glauben.

Ein sprechendes Beispiel ist die jüngste Ausgabe des ZDF Magazin Royale. Jan Böhmermann greift in seiner Sendung ein Thema auf, das die Schweiz und die Schweizer Medien schon länger beschäftigt: den Glauben einzelner Therapeut:innen an die Existenz von satanischen Netzwerken und «Mind Control» – eine Art Gehirnwäsche, die bei Opfern eine Persönlichkeitsspaltung bewirken soll.

Hierfür hat der bekannte Satiriker in seiner Sendung zu «Satanic Panic» eine einzelne, wenig bekannte Therapeutin und Autorin als Zielscheibe auserkoren. Und kommt dabei selbst dem Glauben an eine Art von «Mind Control» nahe. Die Therapeutin habe, so suggeriert er, in Fortbildungsseminaren Psychiater und Psychotherapeuten mit wahnhaften Vorstellungen beeinflusst. Nun glaubten auch diese, Patientinnen seien durch Satanistenzirkel und «Mind Control» Geschädigte.

Beide Seiten sehen sich paradoxerweise als Aufklärer: Die einen wollen die Gesellschaft über die Gefahren angeblicher satanistischer Praktiken aufklären, die anderen über angebliche Gefahren, die von diesen Aufklärerinnen ausgehen. Wer hat recht?

Wenn das Problem auf die Frage reduziert wird, ob solche satanistischen Zirkel eine relevante Bedeutung haben, dann haben die Kritiker recht. Fälle ritueller Gewalt kommen vor, aber nicht in dem Ausmass, wie das Anhänger der schon vor vierzig Jahren in den USA aufgekommenen «Satanic Panic» glauben.

Und auch daran besteht kein Zweifel: Patient:innen und insbesondere Minderjährige können durch Suggestivfragen und Vorannahmen verleitet werden, nicht Geschehenes zu «erinnern». Das traumatische Gefühl, etwas sei einem tatsächlich zugestossen, muss nicht notwendigerweise mit einem tatsächlichen Ereignis in Zusammenhang stehen. Erinnerungen sind fehleranfällig. Das Gedächtnis ist «rekonstruktiv»: Erinnern ist keine Wiedergabe von Ereignissen, sondern nachträgliche Rekonstruktion.

Das Problem der Erinnerung

Aber das eigentliche Problem liegt tiefer. Um hier etwas klarer zu sehen, lohnt sich ein Blick auf die Psychoanalyse und ihre Geschichte. Seit ihren Anfängen wurde sie von dieser Frage begleitet und beunruhigt: Wie glaubwürdig sind Erinnerungen von Patient:innen? Sigmund Freud glaubte ihnen eine Zeitlang, wenn sie angaben, in der Kindheit (von zumeist nahen Angehörigen) missbraucht worden zu sein.

Der Verdacht war schwerwiegend, er traf das Patriarchat in seinem Kern, weil er insbesondere Väter betraf, häufig aus den höheren Gesellschaftskreisen. Die Reaktion der (männlichen) Fachkollegen war frostig. Freud fühlte sich plötzlich ausgeschlossen, heute würde man sagen: gecancelt. Ein damaliger Böhmermann hätte nicht gezögert, Freud als antipatriarchalen Verschwörungstheoretiker zu denunzieren.

Es ist aufschlussreich, dass genau zu dieser Zeit Freud seine Einsichten mit den Hexenprozessen und Satansvorstellungen in Verbindung brachte:

«Was sagst Du», schrieb er an seinen Freund Wilhelm Fliess, «übrigens zu der Bemerkung, daß meine ganze neue Hysterie-Urgeschichte [sexueller Missbrauch als Ursache ‹hysterischer› Symptome] bereits bekannt und hundertfach publiziert ist, allerdings vor mehreren Jahrhunderten? (…)  Warum aber hat der Teufel, der die Armen in Besitz genommen, regelmäßig Unzucht mit ihnen getrieben und auf ekelhafte Weise? Warum sind die Geständnisse auf der Folter so ähnlich den Mitteilungen meiner Patienten in der psychischen Behandlung?»

Freuds Einsichten über den sexuellen Missbrauch als Ursache neurotischer Symptome und Phantasien liess ihn die in Hexenprozessen mit Gewalt erpressten «Geständnisse» von Frauen, Sex mit dem Teufel gehabt zu haben, als verschobene Phantasien realer sexueller Gewalt deuten. Die damaligen Inquisitoren aber deuteten das als Eingeständnis, dass es sich um Hexen handelte. Vergewaltiger konnten dadurch geschützt bleiben, schuldig waren die Opfer. Die Folge: Victim burning.

Noch im gleichen Jahr, 1897, widerrief Freud diesen Glauben. Nun zweifelte er, dass Missbrauch so häufig vorkommen könne und entwickelte in der Folgezeit seine Lehre von der Bedeutung «innerer» Triebkonflikte für die Entstehung von Phantasien und neurotischen Symptomen. Daraus erwuchsen revolutionäre Einsichten, etwa zur frühkindlichen Sexualität oder die berühmte und umstrittene Lehre vom «Ödipus-Komplex». Dass es tatsächlichen Missbrauch gab, bezweifelte er nicht. Mit der Erklärung (innerer Triebkonflikt) konnten aber hinfort Aussagen von Menschen, die tatsächlich Opfer frühkindlicher sexueller Gewalt geworden waren, stets in Zweifel gezogen werden.

Opfer, denen nicht geglaubt wird, werden doppelt geschädigt

Das Problem wurde schon zu Lebzeiten Freuds gesehen (etwa von Sándor Ferenczi) und seit den 60er, 70er Jahrenn des 20. Jahrhunderts zunehmend virulent. Dass traumatisierten Opfern und ihren Geschichten zu wenig geglaubt würde, brachten auch feministische Kritikerinnen der Psychoanalyse vor, darunter die polnisch-schweizerische Autorin Alice Miller («Das Drama des begabten Kindes»).

Jeffrey Masson, der die Frühgeschichte der Psychoanalyse erforschte und sich auf die Seite ihrer Kritiker stellte, meinte, anknüpfend an Freuds Frage an Fliess:

«[…] Es kommt sehr darauf an, ob man sagt: der Grund, warum der Teufel die Hexe immer sexuell missbraucht, ist folgender: Es handelt sich um eine Phantasie der Hexe, die dem Wunsch entspringt, vom Vater in Besitz genommen zu werden. Oder ob man sagt: Diese Darstellung des Missbrauchs ist eine verzerrte Erinnerung an ein reales und tragisches Ereignis, das so schmerzhaft ist, dass es nur mit Hilfe der Täuschung erinnert werden kann.»

Böhmermanns Sendung mag einer Bewerbung um den noch zu schaffenden Posten eines deutschen Antikonspirationismusbeauftragten dienlich sein. Den Opfern tut sie keinen Gefallen. Sie trägt zu einem Klima bei, in dem Traumafachleute in die Nähe von Verschwörungserzählern gerückt werden – zum Schaden ihrer Patient:innen. Dabei geht es den Therapeuten zumeist nicht um die Frage, ob Erinnerungen wahr sind oder nicht. «Es gehe vielmehr darum», sagte der Psychiater Dominik Schönborn der NZZ, «die Symptome in den Griff zu bekommen. So dass eine Patientin nicht jedes Mal in eine Krise stürzt, wenn ein Parfum oder ein Kleidungsstück sie an einen Täter erinnert.»

Die aktuelle Missbrauchsstudie der Uni Zürich zeugt einmal mehr davon, wie gravierend die Verfehlungen der Katholischen Kirche in der Frage des sexuellen Missbrauchs sind. Jan Böhmermann aber zeigt, wie eine religionsferne Gesellschaft nur zu einer Schmalspuraufklärung fähig ist. Sie verkennt, dass sich frühkindliche Traumata, die symbolisch nicht verarbeitet werden konnten, in bestürzenden Bildern ausdrücken können. Sie fällt damit zurück hinter die Einsichten der Psychoanalyse und einer aufgeklärten Theologie. Die Frage, was sich hinter solchen Bildern verbergen kann, kann nicht nur mit Polizeistatistiken geklärt werden.

 

Zum Thema rituelle Gewalt gibt es auch einen RefLab-Podcast in der Reihe Stammtisch.

Incubus, Aquarell (1870): Der Traum der Gräfin Marguerite von Flandern. Illustration nach der Ballett-Pantomime «Riccardo Cuor di Leone» von Salvatore Viganò, Quelle: Wikimedia Commons.

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5 Kommentare zu „Satanic Panic: Warum Aufklärung à la Böhmermann zu kurz greift“

  1. Ich finde eure Stellungnahme zu Böhmermanns Sendung finde ich sehr gut. Danke.
    Ich hätte gerne den Post bewertet, verstehe aber die Bewertungsskala leider nicht.
    Dann klickte ich auf den unten stehenden Link, wie meine Kommentardaten verarbeitet werden und verstand wieder nicht was da steht, weil alles in Englisch ist.
    Es wäre schön, wenn Ihr schon niemanden ausschliessen wollt und dazu : verwendet, dass möglichst in Deutsch geschrieben wird. Danke.

    1. Herzlichen Dank, Frau Fiorenza. Wir schätzen Ihren Kommentar, weil er eigentlich mehr aussagt, als die knappen Bewertungen, die wir auf Englisch vorinstalliert haben.

  2. Ihre „einzelne, wenig bekannte Therapeutin und Autorin“ ist seit Jahrzehnten die zentrale Figur und Impulsgeberin der „Satanic Panic“ in Deutschland, die noch dazu als Bundesverdienstkreuzträgerin sehr einflussreich ist. Sogar in ihrem Wikipedia-Eintrag nimmt dieser Aspekt breiten Raum ein.

    1. Im Vergleich zu Böhmermann ist sie tatsächlich wenig bekannt. Und um expliziter zu machen, was mit dieser Formulierung implizit gesagt werden sollte: Mit dieser seiner Tendenz, sich gerne auch mal jemanden herauszupicken, der keine vergleichbare mediale Macht hat, verstösst Böhmermann gegen eine Grundregel der Satire: Dass sie nicht nach unten treten soll.

  3. Dass Satire nicht nach unten treten soll, bedeutet nicht, dass „unten“ mit „kennt kaum jemand“ übersetzt werden kann. Das ist schlichtweg falsch. Grade Frau Huber ist in jeder Hinsicht „oben“, weil sie seit den 80er Jahren die christlich-abendländische, patriarchale Leibfeindlichkeit in die deutsche Psychotherapie getragen hat und seitdem auch mehrere Therapeutische Zentren als wissenschaftliche Beraterin begleitet. Ihr Antisemitismus – was Böhmermann leider an keiner Stelle erwähnt – ist damit nicht „unten“.

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