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Religiöse Appropriation, oder: Muss Buddha weg?

Der Buddha vor meinem Fenster schaut friedlich durch mich hindurch. Er meditiert im Sommer wie im Winter zwischen Farnkräutern. Auf dem Lockenkopf und den Schultern hat die Steinfigur Moos angesetzt. Ich kenne den Nachbarn, der den Buddha in den Garten unseres Mehrparteienhauses gesetzt hat. Er ist nicht religiös.

Mich stört der Deko-Buddha nicht. Im Gegenteil: Ich mag ihn. Und lieber als ein Plastikgartenzwerg ist er mir allemal.

Bis vor kurzem habe ich bei Buddha-Darstellungen nicht an die Problematik der Vereinnahmung fremder Zeichen gedacht. Mit zunehmender gesellschaftlicher Sensibilisierung bin aber auch ich sensibler geworden.

Ich zuckte beispielsweise leicht zusammen, als mir neulich bei einer Geburtstagsparty eines Künstlers in dessen minimalistisch eingerichtetem Loft am Zürichsee unvermittelt Buddha erschien: als fünfzehn Zentimeter hohe Alabasterfigur zwischen gegrillten Hähnchenschenkeln und Melonen mit Feta. Was die spirituelle Figur in diesem Kontext symbolisieren sollte, war bewusst offen gehalten.

Und auch bei diesem Beispiel lässt sich die Frage nach Vereinnahmung stellen: Die Meditationsgruppe trifft sich einmal im Monat in einer protestantischen Citykirche. Im Zentrum steht das Stillwerden. Spezifisch christliche Formen pflegt der Kreis nicht, er ist asiatisch angehaucht. Davon zeugen Yogamatten und japanische Sitzkisten, die im Pfarrhaus verstaut werden, und «Om Chanting». Seit Corona ist die Veranstaltung zudem hybrid: mal vor Ort, mal zu Hause per WhatsApp und geistig verbunden.

Kinder der Postmoderne

Als Kinder der Postmoderne sind wir hybride, also gemischte, oder genauer: gekreuzte Formen gewohnt. Mixen und Sampeln ist selbstverständlicher Teil unserer kulturellen DNA, egal ob es um Musik, Kino, Literatur oder Religion geht. Symbole anderer Kulturen und Religionen sind längst Teil unserer Alltagswelt. Und sie nehmen, weitgehend befreit von Ursprungskontexten, neue und andere Bedeutungen an.

Mit einem Buddha im Bücherregal kann ich geistige Aufgeschlossenheit und Weltoffenheit demonstrieren.

Das Spektrum möglicher Haltungen variiert von der Nutzung der Symbole anderer Religionen als pure Deko (häufig Buddhismus, selten Islam) über Sympathie für andere Weltanschauungen und Ethik bis zu dezidierter Abgrenzung gegenüber der eigenen, westlich-christlichen Tradition, à la:

«Mit dem Christentum habe ich nichts am Hut, aber für Spiritualität bin ich offen.»

Der spielerische Umgang mit Zeichen, der noch bis vor kurzem postmoderne Normalität war, wird aber zunehmend nicht nur problematisiert, sondern skandalisiert. Die Übernahme kulturfremder Symbole und die Bildung von Mischformen werden heute von zwei entgegengesetzten Seiten scharf kritisiert: linken «Woken», die «kulturelle Appropriation» anprangern, und rechten «Ethnopluralisten», die einer Ideologie kultureller Separation und Reinheit anhängen.

Kulturelle Appropriation

Jüngstes Beispiel für verschärfte Kulturkämpfe ist der Berner Rasta-Gau. Sogar die britische «Times» und die italienische «Repubblica» berichteten, dass Konzertbesucher:innen im Berner Lorraine-Viertel sich beschwerten, weil einige weisshäutige Musiker Rastalocken trugen; wo dies doch «kulturelle Appropriation» sei, also eine ungebührende Vereinnahmung fremder Symbole. Sollen weisse Musiker überhaupt Reggae spielen? Nach der Brasserie Lorraine in Bern und der Ausladung derselben Band vom Quartierfest Lorraine-Chilbi sagte nun auch ein Zürcher Kulturlokal einen Auftritt eines weissen Musikers mit Rastafrisur ab.

Die einen applaudieren, andere schütteln über scheinbar überzogene Sensibilität den Kopf – und Fronten verhärten sich.

Religiöse Symbole sind von Verschärfungen der Wahrnehmung natürlich nicht ausgenommen. Es sind ja sogar besonders aufgeladene Zeichen. In den USA gibt es seit Längerem eine Debatte über «religiöse Appropriation». Asian Americans etwa stossen sich (nachvollziehbar) an der kommerziellen und respektlosen Ausschlachtung der Buddha-Figur und anderer asiatischer Symbole.

Tibetische Gebetsfahnen werden als Partygirlanden zweckentfremdet und entheiligt, an Holloween laufen Leute in orangen Mönchskutten herum und der Buddhakopf findet sich auf Duftkerzen und Bettwäsche.

In Verdrehung spiritueller Lehren wird mittels Werbung suggeriert, dass durch den Kaufakt von Buddha-Bettwäsche oder Zen-Duftkerzen innere Ruhe und Frieden erwerbbar sei. Und damit auch, dass es also auf Gebete, Wissenserwerb und eine ethische Lebensführung gar nicht so sehr ankomme.

Kapitalistische Vereinnahmung

Die kapitalistische Vereinnahmung und Entleerung religiöser Symbole mache aus ihnen konsumistische Götzen, sagen Kritiker:innen, die «religiöse Appropriation» anprangern. Der Jesuskopf oder der Prophet Mohammed würden nicht in derselben Weise ausgeschlachtet, dies deute auf eine Andersbehandlung oder gar Rassismus hin.

Aber nicht nur Kommerzialisierung und Verulkung stehen in der Kritik.

Auch und gerade die bewundernde Umarmung und Romantisierung fremder Kulturen gilt als problematisch: als ein sich Schmücken mit fremden Federn oder sogar ein Partizipierenwollen am Opferstatus einstmals kolonial oder noch immer neokolonial Ausgebeuteter.

Postkolonialismus- und Orientalismustheorie haben uns darüber aufgeklärt: Selbst in der umarmenden Aneignung anderer Kulturen und vor allem unserem Phantasma des Exotischen schreiben sich koloniale Muster fort. Romantische Überhöhung des/der Anderen und kulturelle Abwertung als «primitiv» seien Ausdrucksformen ein und desselben Denkschemas. Sogar auf das Imaginäre der Anderen werde invasiv zugegriffen.

Geköpfte Buddhas

Die grosse Nachfrage nach asiatischen Antiquitäten im Westen und die enormen Summen, die dafür gezahlt werden, leisten Raub Vorschub. Aus Jahrhunderte alten Reliefs werden Buddhaköpfe herausgehauen. In Sammlerwohnungen stehen die Köpfe dann für innere Sammlung.

In der westlichen Adaption erscheint der Buddhismus als Inbegriff des Friedfertigen, während der Islam als Stereotyp für Gewaltbereitschaft und Märtyrertum steht.

Deswegen mag es im ersten Moment sogar schwer einleuchten, dass Buddha-Darstellungen in interkulturellen Begegnungsorten keine gute Idee sind. Angehörige der muslimischen Minderheit des buddhistische dominierten Myanmar etwa würden sich in einem solchen Ambiente kaum willkommen fühlen.

Tibet, der spirituelle Sehnsuchtsort des Westens, war, bevor es Gegenstand des chinesischen Kolonialismus wurde, Objekt europäischer Kolonialpolitik. Tibetaner wurden von Europäern sowohl als rückständiges Gebirgsvolk beschrieben als auch als spirituelle Ausnahmewesen; eine merkwürdige Mischung aus Verachtung und Bewunderung.

Welche alternativen Handlungsoptionen haben wir, wenn multikulturelle  Zeichenübernahme und religiöser Symbolmix zunehmend als fragwürdige Aneignung erkannt werden? Der Philosoph Slavoj Žižek nennt in seinem legendären Aufsatz «From Western Marxism to Western Buddhism. The Taoist ethic and the spirit of global capitalism», der vor zwanzig Jahren erschienen ist, die Amish People in den USA als ein Beispiel für reibungslose Koexistenz mit der amerikanischen Urbevölkerung.

Tolerante Fundamentalist:innen

Die Amish People hätten sich als «authentische Fundamentalisten», im Unterschied zur moralisierenden christlichen Mehrheitsgesellschaft, schlicht auf sich selbst konzentriert und ihre indigenen Nachbarn nicht weiter behelligt.

«Die einzige wirklich tolerante Haltung gegenüber dem Anderen», spitzt Žižek zu, sei «die des authentischen radikalen Fundamentalisten». Die Toleranz der Multikulturalisten sei dagegen vom heimlichen Wunsch getragen, «der Andere möge ‹anders› bleiben, nicht zu sehr wie wir werden».

Tatsächlich aber erscheint es ebenso schwierig, «das Eigene» wie das Andere in Reinkultur zu identifizieren. In der Rastafari-Kultur etwa, deren Haartracht für weisshäutige Europäer:innen und Amerikaner:innen zunehmend tabuisiert wird, steckt neben afrikanischer Tradition auch viel Altes Testament. Rastafari ist selbst ein Hybrid und eine Form kultureller Aneignung.

Fast kann man den Eindruck gewinnen, dass sich auch aufgeklärte und sich tolerant wähnende Christinnen und Christen inzwischen eine stärkere Fokussierung auf «das Eigene» wünschen. Andere Kulturen können, wenn Übernahmen Raum greifen, auch als Rivalen wahrgenommen werden und Neid provozieren (asiatische Spiritualität ist cool, christliche weniger). Das wird aber meist nicht offen ausgesprochen, sondern es wird z.B. vor «spiritueller Verwässerung» gewarnt.

Kultur entsteht im Kontakt mit anderen

Was bedeutet es nun für lieb gewonnene hybride spirituelle Praxen, wenn die Sorge weiter wächst, Gefühle anderer zu verletzen und wissentlich oder unwissentlich Respektlosigkeiten zu begehen?

Wäre es sicherer, Klangschalen und japanische Sitzhocker zu verbannen und auf Yoga und Chi Gong zu verzichten?

Sollte umgekehrt in Asien das Studium von Meister Eckhart unterlassen werden, von dem aus sich wunderbar Brücken zum Zen schlagen lassen? Soll sich also jeder auf eine unique selling proposition zurückziehen? Wäre das ein Gewinn?

Es wäre wahrscheinlich eher eine Verarmung und jedenfalls das Gegenteil einer grosszügigen, angstfreien und spirituell-gelassenen Haltung.

Mir leuchtet eine Beobachtung des Kulturtheoretikers Dirk Baecker ein, nach dem Kultur – und ich denke, gleiches gilt für Religion – genau in dem Moment auftaucht, in dem sie auf andere trifft. Erst der Kontakt zwinge, «aus der Erfahrung des Fremden» auf ein Eigenes zu schliessen. «Dann ist es aber bereits zu spät. […] Das Eigene ist infiziert durch das Fremde.»

Was folgt daraus für den Umgang mit anderen Kulturen und Religionen? Zweierlei: sensibel, rücksichtsvoll und respektvoll sein und es noch stärker werden, und gleichzeitig nicht aus lauter Vorsicht den Kontakt und kreativen Austausch vermeiden – also gerade nicht den Weg des radikalen Fundamentalisten zu gehen.

Eine profunde Darstellung der historischen Wurzeln des Appropriationsbegriffs von Jens Balzer ist im Magazin «Republik» erschienen. Und als Buchneuerscheinung: Balzer, J.: «Ethik der Appropriation».

Foto: Alexy Almond, Pexels

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13 Kommentare zu „Religiöse Appropriation, oder: Muss Buddha weg?“

  1. „Töte den Buddha! Töte den Buddha wenn er irgendwo anders existiert. Töte den Buddha, weil du deine eigene Buddha-Natur fortführen solltest.“
    – Shunryu Suzuki Roshi

  2. Ich versteh wirklich nicht, was schlimm an „Kultureller Aneignung“ sein soll.
    Dadurch wird weder etwas kaputt gemacht noch etwas weggenommen…
    Kann mich da bitte jemand aufklären? Ernst gemeint!

    1. Johanna Di Blasi

      Aneignung kann vieles sein, nicht jede Form ist per se problematisch, manches ist auch einfach Kunst. Unter dem Wikipedia-Stichwort «Appropriation Art» gibt es eine umfassende Aufzählung von Aneignungsformen: Ausleihen, Klauen, Erben, Assimilieren, Beeinflusst-, Inspiriert-, Abhängig-, Gejagt-, Besessen-Sein, Zitieren, Umschreiben, Überarbeiten, Umgestalten, Revision, Reevaluation, Variation, Version, Interpretation, Imitation, Annäherung, Improvisation, Supplement, Zuwachs, Prequel, Pastiche, Paraphrase, Parodie, Piraterie, Fälschung, Hommage, Mimikry, Travestie, Shan-Zhai, Echo, Allusion, Intertextualität und Karaoke.

      1. Sorry, Johanna, aber der Verweis auf eine Aufzählung von Aneignungsformen bei Wikipedia ist keine Antwort auf die Frage. (Das würde mein Lehrer [sic!] nicht durchgehen lassen!) Dass „Aneignung vieles sein [kann], nicht jede Form per se problematisch [ist], manches … auch einfach Kunst [ist]“, ist eine, so unterstelle ich, ungewollte ‚Nebelkerze‘ (wieso soll Kunst als geformte Aneignung nicht problematisch sein können? Wodurch soll sich dieser Befund verifizieren lassen?). –
        Du merkst vielleicht, ich bin hartnäckig. Also bitte nochmal: Was soll schlimm sein an „Kultureller Aneignung“?
        Dadurch wird weder etwas kaputt gemacht noch etwas weggenommen…
        Kann (auch) mich da bitte jemand aufklären? Ernst gemeint!

  3. Johann Hinrich Claussen

    Ein schöner, anregender Text, vielen Dank! Nur eine Nachbemerkung: Mir fällt häufig auf, wie man auch bei der cultural appropriation der eigenen kulturellen Prägung nicht entkommt. So kann man im West-Buddhismus viele Spuren eines liberalen Protestantismus (aus Westeuropa und Nordamerika) erkennen. Man gestaltet also das, was die eigene Religionskultur ausmacht, man in deren klassischen Gestaltungen aber nicht fortführen mag, in einem anderen kulturellen Gewand. Das ist nicht schlimm, sondern kann zu neuen kreativen Lösungen führen. Aber man sollte davon wissen und sich nicht für genuin-buddhistisch ausgeben. Das wäre auch eine Frage des Respekts.

    1. Frage: Gibt es irgendein kulturelles Phänomen in der ‚westlichen Welt‘, in dem man NICHT (mehr oder weniger) viele Spuren eines liberalen Protestantismus (aus Westeuropa und Nordamerika) erkennen kann? Gesetzt der Fall, es verhielte sich so, inwiefern ist das Nachbemerkte dann mehr oder anderes als der Ausdruck einer – prinzipiell von jedermann – beobachtbaren Banalität? Wäre es nicht ehrlicher, zu sagen, dass man (auch) im West-Buddhismus viele Spuren einer protestantischen Gottvergessenheit (aus Westeuropa und Nordamerika) erkennen kann?
      @ Übrige der Nachbemerkung: Bislang bin ich noch nicht auf die Idee gekommen, mit und durch mein mich-verlassen-auf-Gott (= religiöser Glaube) das gestalten zu wollen, was die eigene Religionskultur ausmacht. Diese Vorstellung ist mir nicht nur ne Nummer zu steil, zu ’steril‘, zu sehr durch die Brille eines Kulturbeauftragten der EKD und teutonischen Star-Theologen betrachtet, sondern auch glaubenslebenspraktisch untauglich, wenn es im religiösen Glauben darum geht, eine ganz neue Sicht auf diese Welt einzuüben – und nicht bloß klassische Gestaltungen der eigenen Religionskultur in einem anderen kulturellen Gewand zu gestalten. (OK. ich gebe zu, dass das wieder mal zu scharf gewürzt war.)

  4. Angela Wäffler-Boveland

    Zum einen: „Aneignung“ ist nicht das gleiche wie „Vereinnahmung“. Mir scheint diese Unterscheidung in der ganzen Debatte wesentlich: im einen Fall beeindruckt mich etwas, das in neuer Form auszudrücken vermag, was mir selbst entspricht. Das gilt für Gedanken, Kultur, Kunst, Ethik, Rituale, Modeströmungen gleichermassen. Was spricht dagegen, dieses in die eigene Lebenswelt zu integrieren? Alles Lernen funktioniert letztlich so. Im anderen Fall geht es um einen Übergriff, der in respektloser Weise die Persönlichkeitsrechte anderer missachtet. Um was geht es hier?
    Zum anderen: die Faszination für das Fremde, Andere, entsteht oft aus Nichtkenntnis. Nichtkenntnis des Eigenen wie des Fremden. Wobei das Eigene abstossend wird und das Fremde anziehend. Die eigene Tradition scheint sinnentleert, ein Kinderglaube konnte im Erwachsenwerden nicht standhalten; Sprachgebrauch hat sich verändert und religiöse Sprache wirkt dadurch anschreckend; religiöse Rituale sind so stark kommerzialisiert, dass sie ihre Glaubwürdigkeit verloren haben. Was bleibt da anderes, als sich anderswo, beim anziehenden Fremden umzusehen? Es geht also vielleicht mehr um den Verlust – nicht so sehr den Verlust der eigenen Religion (das auch!) als vielmehr den Verlust der eigenen Kindheit.
    zum dritten: geht es womöglich auch in diesem Fall um Bescheidenheit auf allen Seiten? Warum soll nicht jemand, dem meine Frisur gefällt, diese übernehmen, oder sich meine Gedanken und Meinungen, Werte und Erziehungsziele aneignen, meine Heimat und ihre Kultur kennenlernen, sogar in meine Gebete einstimmen . auch ohne Copyright-Ansprüche? Und wieso sollte das umgekehrt nicht auch gelten?

    1. „… im einen Fall beeindruckt mich etwas, das in neuer Form auszudrücken vermag, was mir selbst entspricht. Das gilt für Gedanken, Kultur, Kunst, Ethik, Rituale, Modeströmungen gleichermassen. Was spricht dagegen, dieses in die eigene Lebenswelt zu integrieren? Alles Lernen funktioniert letztlich so.“ – Was spricht dagegen? Dagegen spricht zuallererst, das alles Lernen letztlich nicht SO und so NICHT funktioniert. Lernen beginnt dort, wo das, was mir selbst nicht entspricht, sondern was mir selbst WIDERspricht, mich so beeindruckt, dass ich dem Widerspruch standhalten kann und will. Und daraus vermag dann in Formen der Aneignung je konkret Neues zu entstehen.
      Dies wird schon durch einfachste Beobachtungen bei dem Versuch, eine fremde Sprache zu erlernen klar: das Hebräische, Griechische, Lateinische oder auch Japanische kann, wenn überhaupt, mich erst dann beeindrucken, wenn ich dem Widerspruch „Du-verstehst-nichts“ standgehalten und ihn mit meiner Anerkennung („Ja, so ist das!“) quittiert habe. Bin ich an diesem Punkt nicht ehrlich mit mir selbst, werde ich auch die entsprechende Kultur mir nicht (wahrhaftig) aneignen könne. Ich kann dann vielleicht irgendwann einmal das ein oder andere aus den Bereichen Kunst, Ethik, Rituale, Religion etc. nachplappern oder nachahmen, von einer (echten) Akkulturation – das wäre das Stichwort – bin ich aber Lichtjahre entfernt. Vor diesem Problem stehen übrigens auch alle Übersetzer, die die Bibel in die Sprache einer völlig fremden Kultur übersetzen wollen.

  5. Gereon Vogel-Sedlmayr

    Nicht zu vergessen – das Christentum beruht auf einer Appropriation aus dem vorderen Orient. Und schon das Alte Testament appropriierte ganz munter: Mein Vater war ein Aramäer…

    1. Wenn „Neuinterpretation der jüdischen Religion“ dasselbe ist und bedeutet wie „Appropriation“, dann kann ich, lieber Gereon, mich deiner Behauptung anschließen. Ansonsten hätte ich tatsächlich was vergessen. Oder ich hab was nicht kapiert. Was auch sein kann.

  6. Als die Römer bei den Griechen ‚in die Schule gingen‘ und deren Götter übernahmen/appropriierten: war das der Beginn der Postmoderne? Wie postmodern ist die Postmoderne, wenn und soweit sie ihre Herkunft in der Moderne verortet?

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