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Lesedauer: 6 Minuten

PureFlix und das Fernsehen als Kanzel

Bekehrungsfernsehen

Als Kind der evangelikalen Bubble bin ich mit sogenannten »christlichen Filmen« aufgewachsen. Das waren die einzigen Streifen, welche die Verantwortlichen in der Jugendgruppe der Gemeinde ohne Ärger mit den Eltern zeigen konnten. Und sie waren nach einem erstaunlich geradlinigen Muster gestrickt:

Das Leben eines Protagonisten wurde vorgestellt, das sich meistens in einer Abwärtsspirale befand. Zerrissene Familienverhältnisse, Drogenprobleme, ausschweifendes Leben (Sex wurde natürlich nur angedeutet), oder Gewaltexzesse (auch da war man in der Darstellung sehr zurückhaltend).

Und dann trat irgendwie eine Person ins Leben des Protagonisten, die ihn mit dem christlichen Glauben in Berührung bringt.

Die Situation spitzte sich weiter zu, bis die geplagte Seele irgendwann den Mut findet, ihr Leben »Jesus zu übergeben« (das ist Christen-Sprech für eine Bekehrungserfahrung). Weil viele dieser Filme in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Billy-Graham-Association produziert wurden, fand dieser letzte Akt der Geschichte oft in einer Grossevangelisation im Stadion statt, an welcher der Protagonist schliesslich dem Bekehrungsaufruf nach vorne folgt.

Ich fand diese Filme durchaus berührend. Vor allem auch, weil es sich vorgeblich um wahre Lebensgeschichten handelt. Und ich habe keinen Grund, das anzuzweifeln.

Die Agenda hinter den Geschichten

Das Problem dieser Filme war einfach, dass sie mit voller Absicht auf zwei Ebenen kommunizierten. Zum einen wurde eine packende Geschichte erzählt, im Zuge derer man einen Menschen in den Tiefen und Wirrungen seines Lebens kennen lernte (das war jeweils mehr oder weniger überzeugend umgesetzt). Zum anderen war von Anfang an klar, worauf die Geschichte zulief und was sie beim Zuschauer auslösen soll:

Der Protagonist wird sich dem christlichen Glauben öffnen – und der Zuschauer soll sich mit dessen Geschichte genügend identifizieren können, um das auch zu tun.

So wurden diese Filme in evangelikalen Gemeinden auch gerne zu missionarischen Zwecken eingesetzt, um also Menschen zu einer Hinwendung zum Christentum zu bewegen.

Unterschwellig lief immer die Botschaft mit: Du bist ein bisschen wie diese Frau, dieser Mann hier, und du hast die Botschaft bitter nötig, die hier vermittelt wird. Eigentlich war es wie Werbefernsehen. Es ging nur vordergründig um die Story selber – in Tat und Wahrheit sollte der Film bestimmte Überzeugungen im Publikum pflanzen. Ein bisschen konnte es sich für Zuschauer*innen anfühlen wie für Teilnehmer*innen einer (erstaunlich günstigen!) Autobus-Reise durch den Schwarzwald, die sich schliesslich als Werbefahrt zum Verkauf von Heizdecken entpuppt: Der ganze Trip gerät so in einen Verwertungszusammenhang, der die geografischen Eindrücke irgendwie überschattet.

NetFlix für eine saubere Welt

In neuerer Zeit hat »PureFlix« in dieser Hinsicht von sich Reden gemacht. Es handelt sich um ein Portal für Film-Inhalte, das einer streng »christlichen« Agenda folgt. Das bedeutet zwar nicht notwendigerweise, dass alle Filme auf dieser Seite der obigen Strategie folgen – es finden sich dort auch zahlreiche Hollywood-Streifen, die als genügend familienfreundlich und glaubensfördernd durchgehen.

Das Ganze ist aber jedenfalls sehr bewusst als Alternative zu Netflix und anderen »säkularen« Anbietern gedacht, die in der Wahrnehmung der evangelikalen Macher von PureFlix einer zunehmend linksliberalen (sprich: anti-christlichen) Agenda folgen. Vom Radio kennt man das in den USA bereits. Wer durch die Staaten fährt und am Autoradio herumschraubt, stösst auf jeder dritten Frequenz auf »Christian Radio«, das seine Hörer*innen mit dem Versprechen gewinnen will, keine Songs mit »peinlichen Texten« abzuspielen (ein »fuck«-freies Radio also…).

Auf PureFlix wird man entsprechend keine Kraftausdrücke vorfinden, keine expliziten Sexszenen – und auch die angedeuteten sexuellen Kontakte finden nur innerhalb von Ehebeziehungen statt. Und natürlich ausschliesslich von heterosexuellen Partnern.

Homosexuelle kommen da nicht vor, Transgender-Personen schon gar nicht. Die dargestellten Familien sind glücklich (mindestens zum Schluss der Filme), und überhaupt finden alle Geschichten ein Happy End, das die Guten (diejenigen, die glauben und sich an die Regeln halten) belohnt, die Bösen bestraft und unter dem Strich genügend Gründe bietet, sich selbst den propagierten christlichen Werten hinzugeben.

Glaube ausserhalb der Komfortzone

Ich kann kaum beschreiben, wie falsch ich das alles inzwischen finde.

Sicher: Dass man im Anliegen des Kindswohles und Jugendschutzes darauf achtet, Minderjährigen keine ihrem Alter und ihren Sensibilitäten unangemessene Inhalte zu zeigen, sei vorausgesetzt.

Wer aber seinen TV-Konsum auf PureFlix beschränkt, unterzieht sich einer Mediendiät, die seinen Horizont zum Tunnelblick verengt. Es wird eine eigenartig »saubere Welt« präsentiert, die wohl jener Welt gleichen mag, in der manche Zuschauer*innen gerne leben würden, aber nicht der Realität, in der wir tatsächlich leben – eine mit viel Krankem, Schrägem, Unaufgelöstem, mit vielen »Unhappy Endings«, aber eben auch mit vielen Farben, Zwischentönen, und Komplexitäten, die in der monochromen Optik eines »christlichen« Anbieters gar nicht mehr scharfzustellen sind.

Und es wird völlig ausgeblendet, dass doch ein gesunder Glaube gerade an dem wächst, was ihm (noch oder bleibend) fremd ist, was er (noch oder bleibend) nicht versteht.

Was junge Menschen wie auch Erwachsene dringend brauchen, um in ihrer Persönlichkeit und in ihrem Glauben zu wachsen, ist nicht die platte Bestätigung dessen, was sie ohnehin schon immer für richtig hielten. Sondern vielmehr eine gesunde Infragestellung bisheriger Gewissheiten, eine Weitung des Horizontes, eine Bereitschaft, sich auf die Sperrigkeiten, Unvereinbarkeiten, Ungemütlichkeiten des Lebens einzulassen.

Spannungsvolle Wirklichkeit

Es besteht für mich kein Zweifel, dass auch gerade hier der Ort ist, an dem der Geist Gottes sich ausbreitet und das Wirken Gottes Raum gewinnt. Die Idee, gläubige Menschen in einem »Safe Space« zu halten, um die Entwicklung ihres Glaubens nicht zu hindern, droht mittelfristig gerade das Gegenteil zu bewirken. Dasselbe lässt sich von christlichen Schulen, Colleges, christlichen Comics und Computer Games (ja, das gibt es!) sagen:

Sie halten die Dissonanzen und Ambiguitäten des Lebens so weit als möglich vom Glauben der Zöglinge fern, rauben ihm damit aber zugleich die Gelegenheit, an spannungsvollen Realitäten zu wachsen. Denn in Auseinandersetzung mit ebensolchen Dissonanzen und Ambiguitäten kann sich der Glaube erst bewähren, vertiefen oder notfalls auch neu formen.

Ein Glaube, der vor der Wirklichkeit dieser Welt geschützt werden muss, ist kein Glaube mehr, der schützenswert ist. Wer die Welt von Christenmenschen zu einem abgeschotteten, von »weltlichen Verunreinigungen« und verstörenden Eindrücken befreiten »Safe Space« machen möchte, hilft dem Glauben nicht, sondern gefährdet ihn gerade.

Auch wenn sich selbstverständlich nicht jede*r alles auf Netflix oder anderen Portalen reinziehen muss, und auch wenn es zweifellos eine Portion Weisheit braucht, mit der Flut an Filmen und Serien jedes erdenklichen Genres umgehen zu können – es kann keine Art der »Weisheit« sein, die zum Rückzug aus der Welt bläst, sondern die zum kritisch-konstruktiven Umgang mit der Welt befähigt.

PS

Eigentlich wollte ich diesen Beitrag auf einer anderen Note beenden. Ich werde nämlich nicht nur von christlichen Filmen, sondern grundsätzlich nicht gerne unterschwellig angepredigt. Wenn ich eine Predigt brauche, besuche ich einen Gottesdienst. Und natürlich lassen sich die angeführten Beobachtungen auch auf das »richtige« Netflix anwenden. Dazu aber später einmal mehr…

 

Photo by Ajeet Mestry on Unsplash

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10 Kommentare zu „PureFlix und das Fernsehen als Kanzel“

  1. ”Wenn ich eine Predigt brauche, besuche ich einen Gottesdienst”, predigt hier Manuel in seinem Blog. Die realen „Safe Spaces“ der heutigen Zeit existieren via PC, Cancel Culture und an marxistisch indoktrinierten Schulen. Leider lässt sich mit der Kritik dieser Phänomene nicht im selben Mass Tugendhaftigkeit signalisieren wie mit dem obligaten evangelical-bashing.

    1. Ich habe ja angekündigt, dass ich mich in einem nächsten Beitrag mit »Predigten« auf Netflix und Co. beschäftigen werde – ja, auch auf den grossen Streaming-Sercives wird eifrig gepredigt, und auch hier gibt es zweifellos weltanschauliche Verengungen. Dazu in einem nächsten Blogbeitrag. Der Vorwurf, ich hätte es nötig, durch Evangelikalen-Bashing Tugendhaftigkeit zu signalisieren, ist allerdings eine Unterstellung, die ich herzlich zurückweise. Das habe ich nicht nötig. Auch ganz ohne allfällige Erwartungshaltungen einer linksliberalen Bubble kann ich sagen: Ich kann die Idee hinter Pureflix verstehen, finde sie aber trotzdem scheisse.

  2. Turchi Raffaela

    OU Mann Manuel, was ist nur mit dir passiert?….

    Für was wendest du Zeit auf? Um Christen in Zürich und in der Schweiz zu spalten? Menschen verhungern, Kids leiden, Frauen werden geköpft und ihr diskutiert hier in der Weltgeschichte rum, um die Kirchen zu spalten? Text geht in Richtung Thomas Binotto, das ist irgendwie auch so eine verletzte Seele….. Hey lass uns wieder ins Zentrum kommen und denen helfen die grad mega schreien, weil diese Gesellschaft mit all diesen Diskussionen einfach keinen Sinn mehr macht….. Diese Texte verwirren einfach nur noch mehr. Liebe Grüsse, Raffaela; habe mit dir zusammen meine Abschlussarbeit am IGW präsentiert…

    1. Hallo Raffaela! Mach dir um mich keine Sorgen – es geht mir eigentlich ganz gut, und ich schreibe auch nicht aus Verletzungen oder Verbitterungen heraus. Ja natürlich: Das Argument »gibt es denn keine wichtigeren Themen« kann man fast immer bringen. Natürlich gibt es das. Aber das schliesst ja nicht aus, dass man sich über christliche Streaming-Dienste und die Gedanken, Ängste und Engführungen dahinter mal ein bisschen Gedanken macht. Thomas Binotto kenne ich nicht persönlich – und ich habe auch am IGW keine Abschlussarbeit präsentiert. Aber ich hab dort einige Jahre unterrichtet. Vielleicht sind wir uns in diesem Zusammenhang begegnet.

      1. Raffaela Turchi

        https://www.ideaschweiz.ch/glaube/detail/gott-hat-keinen-plan-fuer-dein-leben-104002.html
        Da habe ich meine MTh-Arbeit nach dir präsentiert, kein Problem wenn ich nicht auffalle, das ist nie mein Ziel. Sorgen mache ich mir nicht, ich wünsche mir aber, dass Christen, zwar nicht in allem gleicher Meinung sein müssen, aber doch so diskutieren, dass Menschen, die auf der Suche sind nicht abgeneigt sind eine persönliche Beziehung mit Jesus einzugehen… Wenn innerhalb der Kirche, gegen Kirchen geschossen werden (Reformierte und Kath. Kirche scheint darin sehr kompetent zu sein) wieso wundert sich dieselbe über zahlreiche Kirchenaustritte? – sie schaufelt ihr eigenes Grab. Ermutige doch einen Johannes Hartl, anstatt gegen ihn zu schiessen, er hats sportlich genommen (auf Youtube), aber wen setzt du so in Szene?

        1. Manuel Schmid

          Ach so, du meinst den Vortrag, den ich am IGW-Inspirationstag gehalten habe? Es hat sich von dir so angehört, als ob ich mit dir zusammen oder vor dir eine IGW-Masterarbeit präsentiert hätte. Das war aber natürlich nicht der Fall. Was den Vorwurf der Spalterei betrifft: Das ist ganz sicher nicht meine Absicht. In der Diskussion mit Hartl ging es mir aber um entscheidende Aspekte dessen, was ich unter dem »Evangelium« verstehe – da ist qualifizierter Widerspruch schon angebracht. Und die Antworten von Hartl zeigen doch auch, dass er es durchaus versteht, auf dieser Ebene Auseinandersetzungen zu führen. (Deine ursprüngliche Kritik bezog sich aber auf den Netflix/Pureflix-Beitrag, oder?)

        2. Raffaela Turchi

          Hi Manuel, es geht bei Pureflix Artikel, wie auch bei eurer 7 Thesen Kritik für mich um dasselbe: auch du fandest es vor zwei Jahren noch nicht besonders ermutigend, solche Diskussionen zu führen: “Vielleicht mit der Klarstellung, dass ich diese Zeilen nur sehr zögerlich und nach einer längeren Zeit des Stillschweigens verfasse, weil ich eigentlich weder die nötige Lust noch die Zeit habe, mich zu rechtfertigen oder in endlose und fruchtlose Streitgespräche einzutreten. Wenn es nur um mich ginge, dann würde ich die theologischen Kritiker, Blogger und Facebook-Aktivisten kommentarlos gegen mich anschreiben lassen, bis der Herr Jesus wiederkommt. You’ve only got one life, you gotta choose your battles! – diesen Rat meines Freundes Greg Boyd (ja genau, der von Hanniel sogenannte »Guru« der Offenen
          Theismus…) halte ich für ausgesprochen weise und beachtenswert in solchen Auseinandersetzungen.” (aus: https://www.igw.edu/ch/ressourcen/blog/diverses/inspirationstag-18-statement-manuel-schmid.php)
          Jetzt hast du genau das zu deinem Job gemacht?
          Deine Predigten im ICF waren immer sehr beeindruckend, berührend und lebensverändernd, hoffe bald schon wieder etwas mit ebensolchem Inhalt lesen zu dürfen, da bleibt nämlich Liebe, Freude, Friede, was ich bei Artikeln von Reflab absolut nicht behaupten kann.
          So das war nun mein letztes Statement diesbezüglich, Kritik und Auseinandersetzung ist nämlich nicht mein Hobby, sondern Ermutigung und Einheit gibt Kraft, Licht und Liebe, was die Gesellschaft momentan dringend braucht.

  3. Andreas Spörri

    Der Artikel schient mit nicht gerade ausgewogen (wobei das wahrscheinlich ja auch nicht das Ziel war). Dass eine Plattform wie Pureflix nicht das “Allerheilmittel” darstellt, ist ja (hoffentlich) den meisten Lesern klar. Dass ein “Heileweltchristsein” und eine “Abkapselung” von der Gesellschaft nicht gesund ist, liegt meines Erachtens auch auf der Hand. Diese Plattform nun aufgrund der Schwachpunkte (welche übrigens auch ein RefLab hat) einseitig zu zerreissen scheint mir nicht sehr förderlich und deckt sich im Grunde mit den Texten, welche ich auch auf srf oder watson lesen kann. Diverse Gedankengänge wie bspw. dass Pureflix eine Ergänzung zu Netflix sein kann, oder dass gute christliche Filme durchaus als Ermutigung dienen können, fehlen in diesem Artikel. Persönlich sind mir diese Filme auch häufig ein bisschen zu einfach gestrickt und zu kitschig gemacht. Aber wir Menschen sind ja glücklicherweise sehr unterschiedlich und ich traue es Gott durchaus zu, dass gerade auch durch christliche Filme Menschen positiv angesprochen werden.

    1. Manuel Schmid

      Danke für die Rückmeldung! Ja klar, Einseitigkeiten sind nicht zu vermeiden – darum habe ich diesen Blogbeitrag auch durch einen zweiten ergänzt, der sich den Tendenzen von Netflix widmet und auch dort kritisch anmerkt, dass teilweise klare Agenden in der Programmauswahl erkennbar sind. Das Problem mit Pureflix ist meines Erachtens aber der typisch evangelikale Reflex, die Angehörigen der eigenen Bubble vor den Einflüssen »der Welt« abzuschirmen und sich der Illusion hinzugeben, eine explizit »christliche« Angebotspalette würde hier weiterhelfen. Das glaube ich nicht. Es erinnert mich an die typischen Gedanken hinter der Gründung christlicher Schulen, in denen die jungen Christen möglichst lange in einer abgeschirmten christlichen Blase aufwachsen können – damit aber nicht gerüstet werden zu einem Leben in dieser Welt…

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