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Me(er)ditation 6: Ergriffen werden

«Je grösser der Dachschaden, desto schöner der Aufblick zum Himmel.» Ein bissiges Zitat des Religions- und Kirchenkritikers Karlheinz Deschner. Es kam mir in die Quere, als ich vor ein paar Wochen die «Me(er)ditation 2: Umhimmelt» schrieb. Verunsichert geriet ich ins Stocken: «Was mache ich hier eigentlich?»

Ist mein gläubiger Dachschaden gar vernünftig?

Allerdings war die multi-sinnliche Erfahrung, am Nordseestrand umhimmelt gewesen zu sein, noch viel zu lebendig. Also dachte ich mir: «Ein Dachschaden soll nötig sein, um sich von Naturphänomenen ergreifen zu lassen und in ihnen das Eingehülltsein in Gottes Gegenwart – den religiösen Himmel – zu ahnen? Dann her mit dem Dachschaden!»

Seither gibt mir Deschners Zitat zu denken: Ist es wirklich irrational, wenn nicht gar leicht bescheuert, Erlebnisse am Strand so zu deuten, dass eine spirituelle Erfahrung daraus wird? Und das dann noch als Me(er)ditationen zu posten?

Keineswegs! Sich auf derartige Welt- und Selbsterfahrungen einzulassen ist nicht nur äusserst vernünftig, sondern auch zutiefst menschlich. Dazu ein paar Erläuterungen mit freundlicher Unterstützung der Religionssoziologie.

Etwas erleben heisst, ergriffen werden

Meine Me(er)ditationen sind schlicht eine Sammlung von selbsterlebten Szenen. Wir alle finden uns in solchen Szenen auf je eigene Weise wieder. In ihnen steckt ein passives Moment.

Etwas passiert uns, widerfährt uns plötzlich und greift unvermittelt nach uns aus.

Wir können gar nicht verhindern, auf einmal berührt, gezogen, vielleicht sogar gebannt oder erfüllt zu werden. Ist es nicht bemerkenswert, wie sehr wir das mögen, wo uns zugleich die Selbstbestimmtheit so wichtig ist?

Bitte ergreif mich!

Mehr noch: Die Sehnsucht danach, von etwas oder jemand ergriffen zu werden, gehört zum Kitt, der uns miteinander verbindet. Sie ist Teil dessen, was soziologisch als «Resonanzverlangen» verhandelt wird.

Es geht um den Wunsch nach einem erfüllten Leben, in dem mich die Welt anspricht, berührt und wandelt, während ich antworte, in die Welt hineinreiche und sie zum Guten hin verändere.

Das Verlangen, positiv vom Leben ergriffen zu werden und es zu ergreifen, scheint gegenwartskulturell besonders stark zu sein. Ob sich dieses «Resonanzbegehren» (Hartmut Rosa) aus einem Mangel speist, der dadurch entstand, dass die moderne Art zu leben ihr Resonanzversprechen nicht einzulösen vermochte? Das darf hier offenbleiben.

Hochgradig pathisch

Wichtiger ist mir die Verwunderung darüber, wie leicht es passiert, und dass wir es alle erleben:

Wir sind maximal offen füreinander und unsere Umgebung, leben in einem ständigen Austausch mit Welt und anderen Menschen und werden dabei mit Leichtigkeit gepackt vom Leben ausserhalb unserer selbst.

Ergriffenheit ist eine jener Basisbedingungen, unter denen sich Menschsein ereignet, ja, überhaupt erst möglich wird. Sie deutet darauf hin, dass wir im Grunde alle pathisch sind. Wir spüren es mal sanft mal überwältigend, dass die Welt uns will.

Weder machbar noch zufällig

An jedem Ort und zu jeder Zeit kann uns die Welt ergreifen. Und doch gibt es Kontexte, in denen die Voraussetzungen besonders günstig sind.

Am Strand ist es äusserst wahrscheinlich, von den Naturelementen Wasser, Erde und Luft (vielleicht auch Feuer/Sonne) geschnappt zu werden. Genauso gibt es atmosphärische Umstände, in denen uns eine tiefe Verbundenheit bis hin zur Liebe besonders gerne durchfluten. Wir kennen die musikalischen oder künstlerischen Räume, in denen uns die Schönheit überkommt. Oder auch die Arenen, in denen uns Wettkampf und Spiel in kollektiver Ekstase verzücken.

Was sich damit andeutet:

Zwar können wir das Erlebnis, ergriffen zu werden, nicht herbeizwingen, aber reiner Zufall ist es deshalb nicht.

Wir sind wohl zunächst passiv und empfänglich. Doch indem wir die Situationen aufsuchen oder gar gestalten, von denen wir uns Ergriffenheit versprechen, werden wir tätig. Und dies setzt sich fort, wenn wir fragen, was uns da eigentlich ergreift, ob wir uns überhaupt ergreifen lassen wollen.

Von was will ich mich ergreifen lassen?

Sich von etwas packen und mitreissen lassen, fällt uns besonders leicht, wenn dabei enthusiastische Gefühle ausgelöst werden und wir die uns ergreifenden Kräfte als gut, belebend, heilsam und lustvoll wahrnehmen und werten. Dann folgen wir ihrer faszinierenden Anziehungskraft. «I’m about to lose control, and I think I like it», singen die Pointer Sisters in ihrem Hit «I’m So Excited».

Bleibt diese positive Bewertung aus, blockieren wir und ziehen uns zurück. Manchmal müssen wir uns und andere geradezu schützen vor Dynamiken, die zu (selbst)zerstörerischer Besessenheit neigen.

Es ist gar nicht so einfach zu entscheiden, wie wir uns gegenüber dem, was uns ergreift, verhalten sollen. Zumal das, was sich theoretisch auseinanderhalten lässt, im Erleben auf einmal stattfindet: Passiv und aktiv sein, affiziert werden und sich hingeben – oder eben abpuffern.

Oft geschieht es so schnell, dass wir uns ganz auf unsere Intuition verlassen müssen. Wohl denen, die sie kultiviert haben.

Etwas ergreift mich schmerzhaft

Vielleicht sind wir dort am lebendigsten, wo wir uns auch den Kräften hingeben, die wir als unangenehm, schmerzhaft oder leidvoll erleben. Diese stumpfe und harte Erfahrung einer widerständigen Welt, der wir ausgesetzt sind, wollte ich in meinen Me(er)ditationen nicht unterschlagen.

Meer, Wind, Sand und Weite sind eben nicht nur angenehm und weich, sondern auch gegen mich, heftig sogar. Sie lassen mich beben, erschaudern oder ängstlich vibrieren. Ob ich die Welle zu surfen vermag oder untergehe, bleibt beunruhigend offen.

Was passiert, wenn ich mich vom Leid anderer zutiefst mitbetroffen sein lasse? Wenn sich mir die Verletzlichkeit und Vergänglichkeit des Lebens aufdrängen? Wie sehr darf mich die dunkle Seite der Natur erschüttern? Kann ich mich einer packenden Idee ganz verschreiben?

Es gibt gute Gründe, mit Zoe Wees «I don’t wanna lose control» zu singen und auch dementsprechend zu handeln. Mögen die Kriterien dafür, ob wir uns für etwas öffnen oder verschliessen, flüssig sein, ab einem bestimmten Punkt wird es eindeutig: Dort, wo die Grenzen unseres Selbst gewaltsam aufgerissen werden.

Wenn andere Personen oder Strukturen uns manipulieren, herabwürdigen, missbrauchen oder – wie auch immer – an Leib und Seele Schaden zufügen, dann gilt es, sich dem zu entziehen und zu widerstehen.

Sich selbst transzendieren

Mit den eben gemachten Beobachtungen ist es möglich, Ergriffenheit als Selbsttranszendenzerfahrung zu interpretieren. Das sind, so der Religionssoziologe Hans Joas,

«Erfahrungen, in denen eine Person sich selbst übersteigt … im Sinne eines Hinausgerissenwerdens über die Grenzen des eigenen Selbst, eines Ergriffenwerdens von etwas, das jenseits meiner selbst liegt, einer Lockerung oder Befreiung von der Fixierung auf mich selbst.» (Braucht der Mensch Religion, 17).

Tatsächlich verlieren wir hier ein wenig uns selbst, mindestens die Selbstkontrolle. Eine heilsame Ichvergessenheit, durch die wir, bei glücklichem Verlauf, umso tiefer zu uns selbst finden. Etwa wenn wir dem Leben ein begeistertes und zugleich tiefes «Ja» zurückrufen. Oder indem uns neue Werte und Ideale derart in Besitz nehmen, dass wir umkehren und das Recht beanspruchen, anders weiterzuleben.

Offene Deutungsräume

Über die eigenen Grenzen hinausgerissen zu werden, kann so intensiv und ausseralltäglich sein, dass wir die Kräfte, die dabei im Werk sind, als etwas Heiliges bezeichnen.

Das Heilige muss in diesem Zusammenhang in keiner Weise religiös gefüllt werden. Es ist eine Erfahrungsqualität.

Und doch erreichen wir hier den Punkt, an dem unterschiedliche Deutungen möglich werden.

Man kann Transzendenzerfahrungen innerweltlich erklären, etwa als psychologische Phänomene, in denen wir das beglückende oder schicksalhafte Betroffensein von irdischen Kräften verarbeiten. Hier wäre von kleinen oder mittleren Transzendenzen zu sprechen (Thomas Luckmann).

Oder man interpretiert die gemachte Erfahrung religiös als Ergriffenwerden von etwas Göttlichem, das unverfügbar von ausserhalb der geschaffenen Wirklichkeit in das eigene Leben hereinbricht – grosse oder robuste Transzendenzen.

Keine dieser Interpretationen kann gegenüber der anderen zwingend demonstriert werden. Aber damit ist der Dialog noch lange nicht zu Ende.

Wenn Deutungen bestimmte Erfahrungen möglich machen

Es stellt sich nämlich eine aufregende Frage: Gehören Deutungen nicht zu jenen Faktoren, welche die Erfahrungen von Ergriffenheit und Selbstüberschreitung begünstigen oder gar erst möglich machen?

Am Beispiel der zwischenmenschlichen Liebe lässt sich das schnell veranschaulichen. Gesetzt, wir begegnen einander eher kühl und passiv, sind hinsichtlich unserer Fähigkeit und Würdigkeit zu lieben und geliebt zu werden skeptisch und warten stattdessen erst mal ab … Für die Erfahrung von Liebe wären das die denkbar ungünstigsten Bedingungen.

Entlang dieser Linien argumentiert Hans Joas für religiöses Glauben, Hoffen und Lieben (Braucht der Mensch Religion, S. 17-34). Das Reservoir an Deutungen, das die jüdisch-christliche Tradition uns anbietet, hilft uns nicht nur, Erfahrungen der Selbsttranszendenz zu interpretieren, sondern hält sie uns weit offen, macht sie wahrscheinlicher und vermutlich sogar erst möglich.

Sich das Leben theologisch erfahren

Tatsächlich begann ich meine Me(er)ditationen als Versuch, alltägliche wie aussergewöhnliche Szenen am Strand spirituell, ja leicht theologisch zu deuten.

Eine solche, empirische Theologie ist für mich vielversprechend, weil sie sich zurückverbindet (religare) mit dem erfahrbaren Leben und gerade darin Gott zu finden vermag.

Mittlerweile aber kommt mir die Theologie zugleich als Vehikel vor, auf dem ich mir das Leben erfahre. Vielleicht so ähnlich, wie es die Verkehrsbetriebe unserer Stadt in ihrer Werbung behaupten: «Basel erfahren!»

Dabei erweist sich für mich vor allem eine Deutungsrichtung als grundlegend:

Gott ist durch seinen Geist in dieser Welt gegenwärtig, hält sie lebendig und spielt mir die vielerlei Kräfte des Lebens ständig zu.

Dadurch bin ich in eine anhaltende Erwartungsbereitschaft versetzt. Ich rechne förmlich damit, vom Leben ergriffen und über mich selbst hinausgerissen zu werden. Seitdem erfahre ich die Welt noch einmal anders – tiefer und reicher, schöner, aber auch ungeschminkter. Irgendwie erhabener, ein wenig göttlich.

So gesehen sind die spirituellen und theologischen Deutungsschätze des christlichen Glaubens ein Angebot, die Selbsteinstellung zur Welt neu zu justieren. Eine Einladung, mit guten Gründen auf ein alternatives Welterfahrungsmittel umzusteigen. Was es da zu erleben gibt, dürfte allerdings alles andere als schienengebunden sein.

 

Illustration: Rodja Galli

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6 Kommentare zu „Me(er)ditation 6: Ergriffen werden“

  1. „Je unwiderstehlich zwingender, umso göttlicher“, hat mal jemand gesagt bzw. geschrieben. In diesem Sinne sind vielleicht wir alle – außer Karlheinz Deschner, versteht sich – die geborenen Dachschäden.

    1. Ich könnte mir auch vorstellen, dass die göttliche Liebe etwas Unwiderstehliches hat. Zugleich aber nicht zwingend, sondern freisetzend. Und beides kommt zusammen im Moment zwischen ergriffen werden und ergreifen: Sich ergreifen lassen.

  2. Damaris Tschirner

    „Gehören Deutungen nicht zu jenen Faktoren, welche die Erfahrungen von Ergriffenheit und Selbstüberschreitung begünstigen oder gar erst möglich machen?“
    => und ich vermute, dass deshalb schon Jesus Gleichnisse geliebt hat. Wir dürfen die Welt um uns herum vom kleinsten Staubkorn bis zum ohrenbetäubenden Baulärm deuten und ich merke dann plötzlich, wie ich mich ergreifen lasse, von einem Gott, der tatsächlich redet und das bringt mich in ein heiliges Staunen, das im besten Fall in eine heilende Selbstvergessenheit mündet.

    1. Eine willkommene, persönliche Konkretion. Und was zusätzlich deutlich wird: Erfahrungen der Selbsttranszendenz und des Heiligen machen wir meist gar nicht im Ausserordentlichen, Extravaganten oder Spektakulären, sondern mitten im Normalen und Alltäglichen. Danke für diese Erinnerung an die Kraft des Ordinären.

  3. Im Ergriffen-Sein schwindet der Unterschied von mir und dem, was mich ergreift. Wenn das ein heiliger Moment ist ( weil ich ihn so erlebe ), wird mir dann dadurch nicht gerade bewusst, dass ich ein Teil dieses Heiligen bin ? Und weil alle andern um mich auch „ergreifbar“ sind, wird das Mit-Sein mit ihnen (still oder ausgesprochen) zur Gemeinde: Die Sicht auf die Welt verändert sich. Warum also Gott draussen, als Gegenüber suchen, wenn ich schon ein Teil von ihm bin ?

    1. Vielen Dank für diese Beobachtungen und die sich daraus ergebenden Fragen. Die klare Unterscheidung zwischen dem, was mich ergreift, und mir selbst, scheint auch mir in manchen Momenten nicht möglich und auch nicht nötig. Etwa dann, wenn ich betend ergriffen werde und den Eindruck habe, dass Gott in mir betet, während ich gleichzeitig zu ihm spreche. Oder spreche ich eher in ihm als eine Art Resonanzraum? Hans Joas fragt in seiner Auseinandersetzung mit Rudolf Otto in ähnlicher Weise nach dem Verhältnis von Subjektivität und Objektivität des Heiligen: „Kann alles in der Welt sakralisiert werden, oder können Menschen in bestimmten Erfahrungen nicht umhin, diese als Begegnung mit einem an sich Heiligen zu erfahren? Kann Letzteres nur geschehen, wenn dieses auch unabhängig von aller menschlichen Erfahrung an sich heilig ist?“ Ich neige zu sagen, dass Gott da draussen an sich heilig ist. Braucht es diesen Gedanken nicht, um das Unverfügbare echter Selbsttranszendenz aufrechterhalten zu können? Und erlebe ich dieses Unverfügbare nicht gerade auch dort, wo ich von etwas ergriffen werde, dass mir als Numinoses begegnet, mich beben, erschaudern und erschrecken lässt?

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