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Me(er)ditation 1: Sandläufig

Sein Image ist derzeit arg ramponiert. Aus der warmen Jahreszeit ist eine Heisszeit geworden, die uns bedrohlich zusetzt: Hitzetote, Dürrekatastrophen, Wasserknappheit, Trockenflüsse und Waldbrände. Klimatreu, wer das thematisiert und sich konkret darum kümmert.

Um aber dem Sommer nachhaltig die Treue zu halten, dürfen wir nicht aufhören, uns seiner Schönheit hinzuhalten.

Auch die müssen wir ins Gespräch bringen. Räumen wir ihm also eine theologisch angereicherte Nachspielzeit ein. Das fällt mir leicht, nachdem zwei Wochen Nordseeferien mir klargemacht haben: Der Sommer mag es, uns treu zu bleiben.

Selig einsanden

Es sind grob tausend Kilometer zwischen Basel und «unserem» Strand in Nordholland. Der Sehnsucht nach Meer ist diese Distanz piepegal. Es ist so vieles, mit dem uns dieses Stückchen Welt seit Jahren zu sich zieht. Und selbst, wenn sich nicht alles so erfüllt, wie es ersehnt war, ein Glück widerfährt uns bestimmt.

Wir haben es ritualisiert: Auto abstellen, die Sachen rasch in die Ferienwohnung räumen und erst mal ab zum Strand. Wir hören das Rauschen und wetteifern, wer wohl die Wellen dieses Mal zuerst erblickt? Und dann kommt‘s: Schuhe aus und endlich wieder Sand unter den Füssen!

Dieses Erlebnis nutzt sich offenbar nicht ab. Ein seliges Hochgefühl, so losgeschnürt zu sein, ins Weiche zu stapfen und sich unversohlt der Lebendigkeit auszusetzen.

Es griff in diesem Sommerurlaub vielfältig nach mir, so dass ich anfing, es tiefer zu ergründen.

Unbeschuht auf dem Sand stehen

Eine erste Deutungshilfe eröffnet der Soziologe Hartmut Rosa. Er beginnt seine Analyse menschlicher Weltbeziehungen mit dem Körper und beobachtet, was mir bisher als selbstverständlich entgangen ist: Wir sind in die Welt gestellt! «Die naheliegendste und grundlegendste Antwort auf die Frage, wie wir in die Welt gestellt sind, lautet: Mit den Füßen. Wir stehen auf der Welt, wir fühlen sie unter uns.» (Hartmut Rosa: Resonanz, S. 83)

Bodenständige und geerdete Wesen sind wir also, allerdings meist beschuht und verschnürt.

Auf Sohlen schützen wir uns vor der Erde, dämpfen sie ab und halten sie uns vom Leib. Aber hier am Strand läuft das so nicht mehr. Wo es so sanft und weich rieselt, da wird man landläufig sandläufig.

Was für eine wohlige Lust, barfuss auf, ja, in der Welt zu stehen! Der Sand zwischen meinen Zehen lässt mich gewahr werden, wie intensiv ich mit der Erde verbunden sein kann. Ich fühle den Boden in allen Variationen von fein bis rau, heiss bis kalt, weich bis hart, feucht bis trocken, glatt bis zerfurcht.

Kann man das Leben mit den Füssen umarmen?

Mir scheint, ich stünde nicht nur auf Sand, sondern er auch auf mich. Er pappt sich an meine Füsse, kitzelt, piekst, reibt und massiert sie. Die wiederum antworten mit Kribbeln, Muskelkater und seliger Müdigkeit. Zeit, dem Sand ins Meer zu folgen, bis die Wellen mich von den Füssen heben.

Ins passende Fussbett laufen

Im Sand zu laufen kann richtig anstrengend sein. Der trockenweiche und instabile Untergrund fordert einem alles ab. Wer will, lässt sich von dieser Trainingspartnerin anstacheln und die Muskeln und Lauftechniken zeigen, die bisher unterentwickelt geblieben sind. Aber dann gibt es auch jene Strandabschnitte, in denen das Wechselspiel von Selbst und Welt so leicht, ja geradezu zauberhaft wird.

Dort, wo der Sand noch feucht ist, wo das Meer gerade zurückgeflossen ist, da wartet auf mich ein Fussbett, das die Laufschuhhersteller neidisch macht.

Es ist weder vorgefertigt noch vorgegeben. Ich muss es immer wieder erspüren. Es entsteht mit jedem Schritt, den ich mache. Spontan und frei passen mein Körpergewicht, die Geschwindigkeit und der Fussabdruck bestens zusammen. Stehen, Gehen und Laufen als purer Genuss – hier ist der einzige Ort, an dem meine Tochter mit mir Joggen geht, beinahe jeden Morgen. Ich laufe wild im Kreis und lass mich von der Fliehkraft aus der Bahn werfen. Rückwärtslaufend sehe ich meine eigenen Füsse abgebildet.

Nicht ich drücke dem Sand hier meine Sohle auf, sondern er bettet meine Füsse. Zu spüren, wie der Boden sich je neu an mich schmiegt, zieht meine Schritte nach vorne.

In solchen Momenten kann mich eine tiefe Dankbarkeit packen, die stille Gewissheit erfüllen:

«Egal, wo ich meinen Fuss noch überall hinsetzen werde, das Leben wird mich passend empfangen.»

Wenn dann alles zusammenstimmt, fühle ich mich ein wenig wie in James Camerons Film «Avatar». Unter meinen Fussballen, die wohl die Feuchtigkeit ein wenig beiseite drücken, erscheinen helle Kreise, die sofort wieder verblassen. Für mich ist das nicht einfach mystischer Kitsch. Mir leuchtet hier in der Nähe der Wasserlinie die freudige Antwort des Sandes entgegen:

«Schön, Dich zu spüren, Du barfüssiger Strandläufer!»

Die eigenen Masse liebgewinnen

Wer am Sandstrand entlangläuft, kehrt meist irgendwann um. Warum ich auf dem Rückweg gerne die unterschiedlichen Fussabdrücke und Spuren anschaue, kann ich gar nicht sagen. «Welche waren noch mal die meinen?» Wenn ich sie finde, stelle ich mich gerne noch mal passgenau hinein: «Ja, das sind meine kleinen Patschefüsse!» Ich laufe rückwärts und merke, dass ich keinen meiner Wege kopieren kann. Selbst wenn ich die neuen Schritte einfach gegenläufig neben die alten setze, ist es ist viel zu anstrengend. Noch müder macht es, wenn ich in den Füssen und Schrittmassen anderer laufe, weil sie so imponierend grösser und weiter sind als meine. Bis mein Glück heranrollt.

Das Meer hat die einengende Fixierung auf jedweden Fussabdruck weggespült und mir eine unberührte, glatte Fläche präpariert. Sonne und Wind haben die alten Spuren versanden lassen und eine gerippelte Weite daraus gemacht.

Was einen auch mal melancholisch stimmen darf, kommt über mich wie ein befreiender Segen: Nichts kommt in diese Welt, um für immer zu bleiben. Schon gar nicht im Sand. Jetzt geht der Kopf wieder in den Wind und ich laufe hinein in die vorgabenfreie Weite. Ich sprinte parallel zur Brandung und bilde mir ein, mit diesem Speed wenigstens ein paar Schritte übers Wasser laufen zu können.

Keine Einbildung ist, dass ich ermächtigt bin, neue Wege zu laufen, noch dazu im eigenen Mass meiner Beine, Schritte und Füsse.

So mag ich durchs Leben laufen, nicht nur am Strand. Und wenn ich mal wieder nicht weiss, wohin mit meiner Dankbarkeit, wird mein Herz die göttliche Adressatin finden:

«Du stellst meine Füsse auf weiten Raum.» (Psalm 31,9)

Illustration: Rodja Galli

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2 Kommentare zu „Me(er)ditation 1: Sandläufig“

  1. Mareike Langenbach

    Um einem cineastischen Sturm der Empörung vorzubeugen: „Avatar“ ist von James Cameron. 🙂 Liebe Grüsse und Danke für den schönen Text!

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