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Me(er)ditation 5: Nassgemacht

«Die besten Surfer stehen immer am Strand …» Ein augenzwinkernder Satz, nicht nur für Wellenreiter, sondern für alle, die an der Wasserkante stehen. Vom Land aus mitreden, kommentieren und auch mal applaudieren, das ist das eine. Eintauchen und hautnah erleben, das ist das andere.

Wer nicht nass werden will, verpasst wahrscheinlich eines der unmittelbarsten und belebendsten Meerlebnisse, das man machen kann.

Dabei muss es zum Glück nicht für alle so wild zugehen wie beim Surfen: Sich sanft die Füsse umspülen lassen oder auch nur mal die Hände ins Wasser halten. Die Hosenbeine hochkrempeln und durchs Wasser waten. Selbst wenn wir uns beim Spazieren das Salz von der Haut schlecken, hat sich die See sanft in alle Poren begeben.

Die heilsame und belebende Kraft des Meeres beginnt dort, wo ich es höre, und vollendet sich, wenn ich mich von den Wellen vernudeln lasse.

Dazwischen liegt der Moment, in dem es ins Wasser geht – öfters mit ein wenig Überwindung, fast immer mit Belohnung.

Weltjahresbestrauschen

Es rauscht in der Welt, die uns umgibt. Viel deutet naturwissenschaftlich darauf hin, dass dieses Rauschen eine kosmische Grundeigenschaft ist, die selbst noch in den Tiefen des Weltalls zu hören ist.

Wenn ich es rauschen höre, mache ich mich auf Energie gefasst.

Manche Geräusche einer technisierten Welt ziehen Energie, weswegen ich mich ihnen irgendwann entziehen muss.

Ganz anders das Meeresrauschen im Sommer. Es ist für mich das schönste und energiespendendste von allen.

Das hat erstmal mit meiner einseitigen Schwerhörigkeit zu tun. Ich bin kaum in der Lage zu hören, von wo Stimmen, Klänge und Geräusche kommen. Was das Meeresrauschen so besonders macht: Es kommt nicht von irgendwoher, es hüllt mich ein, so dass ich mittendrin stehe. Für meinen Kopf ist das äusserst energiesparend. Eine Weile kann ich meinen Hörschaden vergessen. Und dass sich alle anderen auch lauter und deutlicher verständigen müssen, macht es zusätzlich leichter.

Energieregulierung

Diesen Sommer habe ich mir einen Platz in den Dünen gesucht, weil ich das Rauschen des Meeres bewusst hören und sehen wollte. Ich spürte es sogar, wenn Salz und Feuchtigkeit von der Brandung herüberflogen. Bei manchen Wellen hatte ich den Eindruck, sie lassen den Boden vibrieren.

Eine neue Metapher für mein Leben entstieg dieser multisensorischen Weltwahrnehmung:

Ich wünschte mir, dass meine Energien und Kräfte so ähnlich rauschen könnten wie das Meer.

Es geht um die Dynamik, die von meinem Reden und Handeln ausgehen kann. Ich tue mich oft schwer, sie selbst zu regulieren und den unterschiedlichen Menschen und Situationen anzupassen. Wo darf es, ja muss es auch mal richtig ungestüm, schäumend und krachend nach vorne gehen? Wann ist eher eine Welle angezeigt, die sich langsam aufbaut, einschätzbar heranrollt und kraftvoll ausläuft? Und was hiesse es, anderen mit einem leichten, einladenden Schwappen zu begegnen?

Selbstrauschen

Genauso fasziniert mich, wie die Kraft des Meeres ständig nachschiebt. Egal ob heftig oder sanft, es rauscht unablässig heran. Die Vorstellung, es könnte plötzlich aufhören, lässt mich schaudern. Wenn das Meer nicht mehr rauscht, dann wären die Kräfte, die es in Bewegung versetzen, ebenfalls dahin. Dem Wind wäre die Puste ausgegangen, Sonne und Mond wären abgestürzt.

Ach… würde das Leben in mich, durch mich und aus mir strömen. Vielleicht ein wenig ruhiger, gelassener und beständiger. Mit nachhaltigen und lebensfördernden Langzeitwirkungen in meinem Umfeld.

Die jüdisch-christliche Glaubenstradition hat für diese Sehnsucht einen Namen: Geist Gottes. Eine göttliche Sie, die das ganze Repertoire des Rauschens bespielt, von sanft säuselnd bis stürmisch tosend. Was ich mir von ihr ersehne, hat Jesus meisterhaft so formuliert:

«Wer an mich glaubt, aus dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fliessen.»

Kräftespiel

Jetzt aber wirklich rein ins Wasser. Wegen meiner durchlöcherten Trommelfelle musste ich von Kindheit an aufpassen, nicht unterzutauchen. Ich habe lange Angst davor gehabt, im Meer zu schwimmen. Das kann ja auch ratsam sein. Denn wir erleben das Meer von den Anfängen der Menschheit bis heute als Urgewalt, die in Tsunamis, Freakwaves oder Sturmfluten alles, was atmet, ertränkt.

Auch wenn man planscht, badet, schwimmt oder surft, bekommt man die unzähmbare Energie der See zu spüren.

Am besten lernen wir mit den Meereskräften zu spielen. Dann erfahren wir sie als heilsam, belebend und kräftigend.

Was für ein herrlicher Spass, sich mal mit aller Kraft gegen eine Welle zu stemmen. Oder tauche ich besser hindurch? Auf der anderen Seite der Brandung lasse ich mich tragen und wiegen. Noch abends im Bett fühle ich diese schaukelnde Bewegung. Der nächste Brecher wird mir wohl zu mächtig sein. Ich mache ein paar kräftige Züge auf ihn zu, damit er unter mir durchgleiten und mich schwungvoll anheben kann. Aber die Welle da hinten! In die schmeisse ich mich rein. Mal schauen, wie lange sie mich mitreisen und vor sich herschieben wird.

Suchtfaktor

Besonders mit meinen Kindern hat dieses Spiel öfters mal kein Ende nehmen wollen. Zu sehr schäumte die Begeisterung bei jeder Welle auf. Mit ihr kam eine Lust auf mehr, eine unwiderstehliche Gewissheit: «Die beste Welle kommt erst noch! Da hinten, seht ihr! Schnallt Euch an, die wird der absolute Hammer!» Oft geschah uns, wie wir glaubten.

Nassgemacht

Irgendwann streiche ich die Segel. Gefühl eins: Plattgedrückt, durchgewalkt, vernudelt, herumgewirbel und wie auf den Strand geschleudert. Nach ein paar Minuten kommt das Gefühl zwei … es bleibt: Energetisiert, elektrisiert. Allein schon der perlende Sauerstoff im Wasser. Klar, ich habe Wasser gezogen, aber dafür sind alle Atemwege frei. Angst gehabt, aber dann doch oben auf dem Wellenkamm.

In meinem Heimatdialekt haben wir für solche, auch aussermaritimen Erlebnisse einen großartigen Ausdruck.

Nassgemacht! Das sagen wir, wenn das Spiel unfassbar gut war. Dann haben uns die Gegner:innen nicht gedemütigt, fertig gemacht oder zertrümmert. Nein, sie haben uns ausgespielt, überspielt, eben: nassgemacht – oder wir sie.

Spielerisch leben

Das Meer bändigt man nicht, noch lässt man sich unterkriegen. Man spielt und findet zu einem ausbalancierten Kräftemix zwischen energisch hineinschmeissen oder behutsam zurücknehmen.

Gilt das nicht für unser Leben im Ganzen? Gerade in Zeiten, die uns glauben machen wollen, dass es letztlich doch immer nur ein Kämpfen und Kriegen bleibt?

Wie spielerisches Leben möglich ist, muss hier offenbleiben. Die Nordsee hält die Sehnsucht danach wach. Und die Psalmen wecken das Staunen über einen Gott, der seine Geschöpfe nassmacht oder sich von ihnen nassmachen lässt. Selbst, wenn das Seeungeheuer selbst das Andere des göttlichen Spiels ist:

«Da ist das Meer, so gross und so weit, darin ein Gewimmel ohne Zahl, Tiere gross und klein. Schiffe ziehen dahin, der Leviatan, den du gebildet hast, um mit ihm zu spielen.»

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