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Lesedauer: 4 Minuten

Landschaft – or not?

Der Vierwaldstättersee. Ich habe tatsächlich vom Vierwaldstättersee geträumt. Dabei war ich nie dort. Ich weiss aber, wie das Bild in meine Seele gelangt ist: Einige Tage davor hatte ich mich im Internet über die grosse Ausstellung des deutschen Malerstars Gerhard Richter im Kunsthaus Zürich informiert. Bis 25. Juli sind rund 80 Gemälde und eine Reihe von Papierarbeiten zum Thema Landschaft zu sehen. Eine Wohltat, es gibt wieder Ausstellungen! Ein Stück Normalität kehrt zurück. Mein Blick blieb beim mysteriösen Ölgemälde «Vierwaldstättersee» von 1969 hängen, das auch den Katalog ziert.

Die Traumregie veränderte allerdings das Bild. Sie zeigte mir eine paradiesisch schöne Landschaft nicht als rechteckiger Ausschnitt wie bei Richter, sondern als begehbares 360-Grad-Environment.

In einer Mischung aus Gehen und Fahren, Bodenhaftung und schwebender Drohnenperspektive, wie nur Träume sie zaubern, bewege ich mich durch das Bild.

Der helle Silberschimmer der dickflüssigen Seeoberfläche hebt sich malerisch von schattigen Gebirgszügen und dunkelgrünen Hügeln ab.

Realer als die Realität

Wenn ich das Richtergemälde mit meinem Traumbild vergleiche, fällt mir auf, dass ich es, oder es sich?, im Traum weitermalte. Es wurde zu einer inneren, einer Seelenlandschaft. Die Wolkenspiegelungen sind weggefallen und aus der neblig-flüchtigen Landschaft in Grauschattierungen wurde im Medium des Traums ein begehbarer Raum, realer als reale Landschaften. Und als Traumgebilde doch gleichzeitig flüchtig, flüchtiger als das gemalte Vorbild, dass als Ölgemälde potenziell Jahrhunderte überdauern kann.

Aber hat Richter überhaupt eine Landschaft dargestellt? Tatsächlich diente nicht die Natur, sondern eine Fotografie als Vorlage. Der Maler hat eine Fotografie abgemalt. Ist das schwierig? Für einen akademischen Maler wie Richter, der in seiner Jugend in der DDR zudem als kommerzieller Plakatmaler seine Fähigkeiten perfektionierte, kaum.

Für Betrachter*innen war zur Entstehungszeit der frühen fotorealistischen Werke Richters keineswegs ausgemacht, ob es sich um Kunstwerke handelt. Fotos wurden damals noch nicht als Kunst gehandelt, und abgemalte Fotos noch viel weniger. Manche Betrachter fühlten sich sogar provoziert. Heute werden Richters Gemälde aus den 1960er-Jahren besonders geschätzt, gerade weil es abgemalte Bilder sind; und dadurch als vielschichtige Auseinandersetzungen mit der medialen Vermittlung unserer Seh- und Kunsterfahrung gedeutet werden können.

Wann ist eine Landschaft schön?

Wann finden wir eine Landschaft schön? Wenn sie der pittoresken Tradition der europäischen Landschaftsmalerei entspricht!

Selbst wer mit Namen wie Nicolas Poussin und Claude Lorrain oder Finessen der atmosphärischen Behandlung des Lichts nichts anfangen kann, trägt die klassischen Bilder und Panoramen in sich. Und misst an ihnen die Realitätserfahrung; wählt als Wanderer oder Ausflugstourist mit der Kamera Bildausschnitte nach bekannten Mustern.

Richters Motive beanspruchen häufig keine besondere Originalität. Das gilt für Kirchenfenster aus abstrakten Elementen, die nach dem Zufallsprinzip angeordnet sind: Kölner Domfenster und seit 2020 auch drei Chorfenster in Deutschlands ältester Abtei, der Abteil Tholey. Aber auch und gerade für seine fotorealistischen Bilder mit den Richter-typischen Verwischungen.

Eine ähnliche Ansicht des Vierwaldstättersees wie bei Richter findet sich sogar auf Wikipedia. Es ist der Blick von Morschach nach Norden, ein Panorama, dass sich Touristen seit mehr als hundert Jahren eingeprägt hat. Schon so lange ist die Uri (Baujahr 1901) auf dem See unterwegs, der älteste aktive Schaufelraddampfer der Schweiz.

Entleerung als Strategie

Mit den Avantgarden des 20. Jahrhunderts ist es schwierig geworden, einfach schöne Bilder zu malen. Schnell kann man Gefahr laufen, als «Sonntagsmaler» oder «Kitschkünstler» abgetan zu werden.

Diese Gefahr hat Gerhard Richter umschifft, indem er banale Vorlagen wählte, Postkartenansichten oder Fotos aus Zeitungen. Damit rückte er die Übersetzung von Motiven durch moderne Massenmedien in den Blick.

Es ging in der Kunst des 20. Jahrhunderts häufig darum, alles Romantische, Fantastische oder gar Religiöse aus Bildern herauszuwaschen. Und sich stattdessen möglichst pur, nüchtern und «cool» auf die «Medienmaterialität» zurückzuziehen: auf Farbe und Leinwand oder Farbe und Papier. Gerade die inhaltliche Entleerung und Reduktion eröffnete dem Sehen interessanterweise neue Spielräume und ermöglichte es Betrachter*innen, Bilder subjektiv aufzuladen.

In meinem Traum bin ich hinter die Abbilder gelangt.

Die Seelandschaft war so aufregend schön und umschloss mich so naturgewaltig, dass ich unbedingt verweilen wollte, sie riechen, schmecken, fühlen, das Wasser, das Moos, die schattigen Wiesen.

Ich fragte meine Begleiter, gesichtslose Traumkomparsen: «Ist das der Vierwaldstättersee?», aber sie waren ortsunkundig wie ich und drängten weiter. So blieb mir vom Paradies nur – oder immerhin – eine flüchtige Ahnung. Dass ein Kunstwerk die Traumvorlage bildete, war mir im Traum nicht bewusst. Ich hoffte, tatsächlich am Vierwaldstättersee zu sein.

Das Abbild des Abbilds hat in mir die Sehnsucht nach dem Original geweckt. Eine fast spirituelle Bewegung.

Die Ausstellung «Gerhard Richter. Landschaft» läuft bis 25.07.2021. Den Katalog gibt es hier.

Gerhard Richter, «Vierwaldstättersee», 1969, Öl auf Leinwand © Daros Collection, Schweiz; Foto: Robert Bayer

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2 Kommentare zu „Landschaft – or not?“

  1. Das in den Bildern Abwesende, „alles Romantische, Fantastische oder gar Religiöse“, das, wie Johanna die Blasi sagt, aus den Bildern herausgewaschen ist -, genau dies ist bei Richter ihr heimlicher Bezugspunkt. Das macht seine Kunst so spannend. Ich bin in meiner Besprechung der Richter-Ausstellung auf Ähnliches gekommen: https://www.journal21.ch/romantik-der-leere

    1. Johanna Di Blasi

      Lieber Urs Meier. Ihren Text habe ich mit grosser Freude gelesen! Ich stimme völlig mit Ihnen überein. Die Romantik bleibt ein negativer Bezugspunkt. Oder auch der Sozialismus mit seiner propagandistischen Vereinnahmung und Instrumentalisierung der Kunst. Auch dagegen ist denke ich die demonstrative Bildentleerung gesetzt.

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