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Lesedauer: 4 Minuten

Kleine Apologie des Kruzifix

Angeregt ist dieser Blogpost von kürzlich erschienenen, lesenswerten Beiträgen meines RefLab-Kollegen Manuel Schmid, in denen er gegenstrebigen Interpretationsmöglichkeiten und aktuellen politischen Vereinnahmungen des christlichen Symbols nachgeht, wie auch künstlerischen Adaptionen, die mit dem Blasphemischen spielen.

Mir ist bewusst, dass die ganze Abgründigkeit einer Kreuzestheologie, die ein Gegenstand wie das Kruzifix bestenfalls evozieren kann, radikal schwindet, wenn das Symbol stetig vor Augen steht und es unweigerlich familiarisiert, abgenutzt und angestaubt wird.

Wie soll man anhand eines solchen Zeichens, aber auch ohne dieses, den Schrecken des abwesenden Gottes alltäglich neu erkennen können?

Auch mache ich mir keine Illusionen über problematische, heuchlerische, oberflächliche, verkitschte oder ideologisch ausgeschlachtete Dimensionen eines Glaubens, der sicher nicht bruchlose Überlieferung darstellt und der viele Fragezeichen aufwirft. Ich möchte keinesfalls zur Verklärung einer ambivalenten Vergangenheit beitragen oder so gelesen werden.

Die Perspektive des Kindes

Da ich mich im Folgenden weniger auf eigenes religiöses Erleben beziehe, als auf das von Angehörigen, zudem aus der Perspektive des Kindes in den 1970er-Jahren, ergeben sich womöglich tausend Möglichkeiten des Missverstehens, der Verklärung, des falsch Lesens oder der dissonanten Tonalität. Ich will es trotzdem wagen.

Kruzifixe, von mittellateinisch «crucifixum»: «ans Kreuz schlagen», waren als stumme Lebensbegleiter einfach da, so wie Berge, Gewitter, Träume oder Tränen. Sie waren alltäglich, behielten aber trotzdem etwas Geheimnisvolles und auch Schreckliches.

Man fand sie in Kirchen, Kapellen, als Gebetsschnuranhänger, als Weg- oder Gipfelkreuze. Sie waren Erinnerungszeichen. Aber woran sollten wir uns erinnern? Die Blessuren des Korpus, die Blutspuren, die quälende Krone, die traurig niedergeschlagenen Augen, sie warfen, ja drängten uns Fragen auf, wie auf die Brust drückende bleierne Träume, die wir nicht entschlüsseln können.

In alpenländischen Bauernhäusern meiner Kindheit hing das Kruzifix schräg im Winkel von Stuben: im sogenannten «Herrgottswinkel». Dies war sein angestammter Platz. Dort «wohnte» das Kruzifix wie ein weiteres Familienmitglied. Und in seine Richtung wurden Gebete adressiert.

Die Ecke hinter dem Esstisch, in der der Gekreuzigte hing, war etwas spürbar anderes als die vier Wände. Sie fiel aus dem Alltagsgeviert heraus, sie war eine Öffnung woanders hin.

Hüterinnen des Rituals waren Frauen

Der Umgang der Erwachsenen mit Kruzifixen erschöpfte sich nach meiner kindlichen Wahrnehmung nicht in purer Folklore. Hüterinnen des Rituals waren vor allem die Frauen. Mütter und Grossmütter schmückten Kreuze mit Blumen. Sie klemmten, mit zarteren Gesten als man es sonst bei ihnen sah, frische Zweige zwischen Kreuz und Schulter des Auferstandenen, und mitunter vergassen sie die Zweige und sie vertrockneten.

Auch der selbstverständlich anwesende und «stellvertretend» leidende Gekreuzigte wurde zwischendurch vergessen. Bis er plötzlich wieder auftauchte: vor allem in aussergewöhnlich glücklichen oder unglücklichen Momenten. Dann wurde auch mit ihm geredet, aber nicht so wortschwallartig wie es der Monsignore in der Nachkriegsfernsehserie «Don Camillo und Peppone» tut, der in Dauerfehde mit dem kommunistischen Bürgermeister des Dorfes steht.

Unter den von einheimischen «Herrgottsschnitzern» geschaffenen oder industriell gefertigten Kreuzen standen manchmal auf bestickten oder gehäkelten Tüchern Minigrotten mit der Gottesmutter Maria aus Wallfahrtsorten. Besonders herrlich für Kinderaugen: Grotten aus Perlmutt-schillernden Muscheln.

Wenn ein Familienmitglied starb, wurde seine oder ihre Fotografie mit einer Kerze daneben gestellt. Dann «wohnte» auch das Familienmitglied im Herrgottswinkel.

«Ehrfurcht» war ein Begriff, der ebenso selbstverständlich da war, wie das Kruzifix. Und ebenso rätselhaft. Niemand hatte eine schlüssige Definition parat. Man konnte es nur an Gesten und Haltungen der Erwachsenen ablesen; nicht der Eltern, die waren zu geschäftig, zu sehr eingespannt im Alltag, aber an den Alten: wie sie sich selbst zurücknahmen in Ehrfurchtsmomenten und Raum gaben für etwas anderes, das sie «Herrgott» nannten. Wie altmodisch das heute klingt … «Ehre», «Furcht», «Herr Gott».

Wenn sie etwas bedrückte oder jemand litt, sagten sie wie selbstverständlich: «Es ist ein Kreuz». Und wenn sie etwas ärgerte oder etwas missglückte, riefen sie: «Sacra!»

Die unaufgeregte und nach meiner Beobachtung unfundamentalistische Herrgottswinkelfrömmigkeit des bäuerlich-katholischen Raums gehört mehr oder weniger der Vergangenheit an. Wir Heutigen schauen darauf unweigerlich mit den Augen des Anthropologen und Beobachters ausgestorbener Kulturen.

Die «frohe Botschaft» steht Kopf

Die expressive Ästhetik des Schmerzensmannes, ein Erbe des Spätmittelalters, passt so gar nicht zum zeitgenössischen minimalistischen Interior Design. Auch leuchtet eine Märtyrerfigur in der Safety Society, die Kontingenzen des Daseins klinisch und biotechnisch begegnet und Schmerzen pharmazeutisch sediert, nicht mehr unmittelbar ein.

Mit dem Schwinden der Einbettung des Kreuzes in existenzielle und religiöse Lebenswirklichkeiten ist nicht nur das Unverständnis gewachsen, sondern auch die Gefahr des Missverstehens, der Vereinnahmung des Symbols mit groben Fingern der Folklorevermarkter, die Verwandlung in einen Fetisch Fundamentalgläubiger oder gar das widerwärtige Umschmieden in ein identitäres Schwert eines imaginären «christlichen Abendlandes».

Die Kruzifixe meiner Kindheit schlossen niemanden aus und es brauchte sich ausser Vampiren keiner vor ihnen zu fürchten. Von ihnen ging vielmehr etwas geheimnisvoll Tröstliches und Bergendes aus, dem schlimmen Zustand des dornengekrönten Christus’ zum Trotz.

Photo by Wolfgang Rottmann on Unsplash

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9 Kommentare zu „Kleine Apologie des Kruzifix“

  1. Johann Hinrich Claussen

    Ein sehr schöner und nachdenklicher Beitrag, der angenehm quer zu den Kreuzdebatten steht, die ich in Berlin erlebe. Und das ist in der Tat der entscheidende Punkt: Ist das Kreuz eingebettet in eine existentielle und religiöse Lebenswirklichkeit? Wenn nicht, dann nimmt seine symbolpolitische Funktionalisierung zu oder eben von der anderen Seite her seine Skandalisierung.

  2. Christoph Jungen

    Auch von mir DANKE für den Beitrag, dem ich eine kritische, kürzlich erfahrene „reformierte“ Kinderperspektive (Enkelin, ca. 4-jährig) beifügen möchte. Wir fuhren im Auto durch eine mehrheitlich „katholische Gegend“ mit Kruzifixen am Strassenrand, Kreiseln und Kreuzungen alle paar Kilometer.
    Nach dem etwa 5. oder 6. Kruzfix bemerkt sie vom Rücksitz her: „Schon wieder Jesus am Kreuz!? – Kommt der auch wieder einmal davon herunter?“

  3. Jürgen Friedrich

    Kirchen-christliche Theologie „verkauft“ den Kreuzestod als Erlösung für die Sünder. Das eigentliche Wunder ist aber nicht der Kreuzestot , sondern die Wieder-Auferstehung als Zeichen dafür, das sämtliches lebendige Leben auferstanden ist – vor dem Tod.
    D a s ist das eigentliche Wunder. Wenn zusätzlich die Tatsache gewürdigt wird, dass das lebendige Leben ein Ereignis ist, welches nur in der Gegenwart stattfindet – also vor noch nicht existierender Zukunft, aber nach schon hinter uns liegender Vergangenheit, dann wird dadurch zum logischen selbstgänger, dass nicht wir selber Leben, sondern Gott in uns.

  4. Johanna Di Blasi

    Danke allen Kommentatoren! Es bleibt schwierig, im Kreuz die Rose zu erkennen, aber es ist möglich. Gerade in der Konfrontation mit eigenem Schmerz und Krankheit oder mit dem Leiden anderer Menschen … wovon wir in Pandemiezeiten sicher nicht zu knapp haben. Ich freue mich über den Austausch!

  5. Jürgen Friedrich

    Vielleicht hilft ein Reim , die Schwierigkeiten aufzulösen?

    Kein Glaubenskrieg
    setzt auf Sieg.
    Stattdessen auf Klarheit
    für mehr Wahrheit.

    Aber auch ungereimt ist die
    Urknall-Theorie fragwürdig :

    MATERIE TAUCHTE AUS DEM NICHTS AUF ?

    Die Urknalltheorie, ursprünglich Uratomtheorie genannt, wurde 1927 von dem belgischen Theologen und Astrophysiker Georg Lemaitre aufgestellt. Sie wurde in den späten 60er Jahren zur allgemein akzeptierten Lehrmeinung.

    Die Urknalltheorie besagt, dass alle Gleichungen bei der Ur-Singularität des Urknalls verletzt wurden. Wenn das Universum aus nichts hervorging, konnte von der Erhaltung der Materie und Energie keine Rede sein. Terence McKenna hat es besonders griffig formuliert: „Die Schulwissenschaft lehrt uns über die Zeit, dass dieses Universum in einem einzigen Augenblick aus absoluten Nichts ins Sein sprang . . . Die Naturwissenschaft scheint sagen zu wollen: „Gib mir ein Wunder frei, und von da an wird die ganze Sache nahtlos nach kausalen Erklärungen ablaufen.“
    Dieses eine Wunder bestand im urplötzlichen Auftauchen aller Materie und Energie einschließlich der Gesetze, denen sie gehorchen.
    (Buchklappentext-Auszug von
    DER WISSENSCHAFTSWAHN, Rupert Sheldrake)

  6. Esther Gisler Fischerr

    Grüezi Frau Di Blasi
    Ich hätte mir eine in Bezug auf das Kruzifix kritischere Auslegung gewünscht. Ihre Erinnerungen an eine röm.-kath. Kindheit in Ehren, hatte dieser ‚Jesus am Kreuz‘ eben auch eine höchst fragwürdige Wirkungsgeschichte. Die Sühneopfertheologie steht seit Langem zur Diskussion.
    Zudem frage ich mich, weshalb SIe in diesme Blog keine geschlechtergerechte Sprache benutzen: Sie sind definitiv weder ein ‚Anthropologe‘ noch ein ‚Beobachter‘!
    Freundlich grüsst Sie
    Esther Gisler Fischer.

  7. Johanna Di Blasi

    Vielen Dank für Ihre Reaktion, Frau Esther Gisler Fischer! Ich teile, grundsätzlich betrachtet, durchaus Ihre Einwürfe, aber sie verfehlen doch, scheint mir, den persönlichen und biographischen (und als solchen auch markierten) Charakter des Beitrags. Mir ging es um den Versuch, eine Atmosphäre wachzurufen, die viele vermutlich nie kennen gelernt haben, nicht um theologische Fragen und Fragwürdigkeiten, und daher auch nicht um die Sühneopfertheologie. Und so wichtig mir eine geschlechtergerechte Sprache grundsätzlich erscheint, so sehr ich sie, wie Sie vermutlich bemerkt haben, normalerweise verwende, so wenig kann ich mich damit anfreunden, dass nun jeder Text, unabhängig von seinem Charakter, einer Art Gendergerechtsprachprogramm unterzogen wird und Autor:innen selbst bei seltenen Abweichungen als rechenschaftspflichtig betrachten werden.

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