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Ist Gott der unbewegte Beweger? (Aristoteles, Teil 3)

Das Kreuz Christi ist ein zutiefst verstörendes Symbol, eine Beleidigung des modernen ästhetischen Empfindens, ja eine ganz fürchterliche Gottesvorstellung. Diese und ähnliche Kritik konnte man in diversen Streitigkeiten um öffentliche Kruzifixe immer wieder hören. Sie hat ihre Berechtigung – und sie zehrt auch von einer tiefsitzenden Grundüberzeugung, dass ein anständiger Gott nicht leidet oder stirbt.

Manuel diskutiert in dieser Folge mit Peter über den weitreichenden Einfluss, den Aristoteles gerade in dieser Hinsicht auf die Theologie und Kirche ausgeübt hat: Seine Überzeugung von der absoluten Leidensunfähigkeit Gottes (Apathieaxiom) wirkt in breiten Teilen des Christentums bis heute nach. Natürlich hat sie aber auch gewichtigen Widerspruch gefunden. Gerade in neuerer Zeit wurde der Idee Gottes als des «Unbewegten Bewegers» vielerorts ein empathiefähiger, mitleidender, und eben auch: gekreuzigter Gott gegenübergestellt. Wie aber lässt sich dann noch daran festhalten, dass dieser Gott (schlussendlich) über dem Leid dieser Welt triumphieren wird?

Mit diesem faszinierenden Gespräch beenden Peter und Manuel die Beschäftigung mit Aristoteles und diese erste Staffel des Podcasts «mindmaps».

Zu den Beitragenden

Manuel Schmid ist Mitarbeiter bei www.reflab.ch. Er wurde mit einer religionsphilosophischen Arbeit promoviert und liebt es, unsere Zeit und Gesellschaft durch vertieftes Nachdenken und angeregtes Diskutieren besser verstehen zu lernen.  

Heinzpeter Hempelmann ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie, Autor von über 40 Büchern und 500 Aufsätzen (viele davon sind hier kostenlos abrufbar). Er ist ausgewiesener Experte in Fragen der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie sowie der Lebensweltforschung – und er hat eine Leidenschaft für die verständliche Vermittlung komplexer philosophischer und theologischer Sachverhalte.

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8 Kommentare zu „Ist Gott der unbewegte Beweger? (Aristoteles, Teil 3)“

  1. Manfred Reichelt

    Gott ist tatsächlich der unbewegte Beweger, weil Gott das LEBEN AN SICH ist. Leiden kann man nur, wenn man verletzt werden kann. Das EWIGE kann NICHT verletzt werden. Deshalb konnte NUR der SOHN als das sich seiner selbst als ewig BEWUSST GEWORDENE Leben mit dem Menschen verbinden, damit der Mensch vom BEWUSSTSEIN seiner Vergänglichkeit erlöst werden konnte. Differenzierter kann man das in https://manfredreichelt.wordpress.com/2018/03/20/die-logik-der-erloesung/ und https://www.academia.edu/47776276/Ursprung_und_Ziel_Wie_die_Evolution_weitergeht_ nachlesen.

    1. Danke für die Gedankenanstösse! Ich weiss aber nicht so recht, wie ich mir das «Leben an sich» als unbewegt vorstellen soll… Leben ist bewegt. Wenn es sich nicht mehr bewegt, ist es tot. Um aus einer Arbeit von mir über Karl Barth zu zitieren:

      In provokativer Umkehrung der mit dem Anthropomorphismus-Be¬griff verbundenen Intuitionen […] geißelt BARTH »die Zwangsvorstellung von der Unveränderlichkeit Gottes, die es ausschließe, daß er sich durch sein Geschöpf so oder so bestimmen lassen könne«, als einen »kümmerlichen Anthropomorphismus«, und er hält bekenntnishaft fest: »Gott ist wohl unveränderlich, aber unveränderlich in seiner Lebendigkeit, in der Barmherzigkeit, in der er sich seines Geschöpfes annimmt!« Erstaunlich unbeschwert spricht schon BARTH darum von einer »heilige[n] Veränderlichkeit Gottes«, von seiner »Beweglichkeit« und »Elastizität«, die nicht weniger göttlich sei als seine Beharrlichkeit und in welcher sich seine Stetigkeit, Unbeirrbarkeit und Unermüdlichkeit für den Menschen gerade erweisen.

      Ich muss sagen: Ich bin hier Team Barth.

  2. Manfred Reichelt

    Lieber Manuel, natürlich ist das Leben ja die „Bewegung an sich“. Wenn ich aber keinen Widerspruch zwischen dem „Leben an sich“ und dem „Unbewegten Beweger“ sehen kann, so auf dem Hintergrund, dass eben das „Leben an sich“ nicht unter seinen Bewegungen leidet, sondern diese alle Selbstausdruck sind.

  3. Liebe beide: Eure Leidenschaft für einen Gott, der den Menschen in der Geschichte begleitet und mit ihm leidet, ist deutlich spürbar und grundsätzlich nachvollziehbar. Leider kommt die philosophische Diskussion dabei etwas zu kurz.

    Das beginnt mit der verkürzten und etwas verzerrten Darstellung der aristotelischen Theologie bzw. seines Prinzip des unbewegten Bewegenden. Darauf aufbauend verwerft Ihr dann das klassisch theistische Gottesbild überhaupt. Aber immerhin hat ein Grossteil der christlichen Theologen ein solches Gottesbild vertreten, von den Kirchenvätern über die katholische und den orthodoxen Kirchen bis zu den Reformatoren. Diesen allen den biblischen Bezug und sogar die Frömmigkeit abzusprechen, lässt mich doch etwas sprachlos zurück.

    Neben philosophischen gibt es auch theologische und sehr wohl auch zahlreiche biblische Argumente für das klassische Gottesbild. Wäre es nicht spannend gewesen, diese Argumente ernsthaft nachzuzeichnen und zu besprechen, wo sie überzeugen und wo nicht? Und umgekehrt, welche theologischen Vorteile aber auch Herausforderungen ergeben sich durch einen leidenden, zeitlichen Gott?

    Das hätte auch die Möglichkeit eröffnet, Verbindendes statt Trennendes zu suchen. Ich bin nämlich überzeugt, dass Grundgedanken des offenen Theismus besser vereinbar sind mit manchen Prinzipien des klassischen Theismus, als es die übliche schwarz-weisse Darstellung vermuten liesse.

    1. Danke Jean-Marc für die engagierte Rückmeldung auf die neuste mindmaps-Folge! Ja, es ist sicher spürbar, dass sowohl Peter als auch ich im Blick auf die theologische Tradition der Unveränderlichkeit und Leidensunfähigkeit Gottes sehr kritisch eingestellt sind. Ob wir Aristoteles Theologie verkürzt dargestellt haben, kann ich letztlich nicht sagen – ich bin kein Aristoteles Experte. Die grundsätzliche Logik seines Gottesbegriffs scheint mir aber angemessen wiedergegeben zu sein, und wir haben ja auch schon zwei vorausgehende Folgen über das aristotelische System gesprochen und es gedanklich einzuholen versucht.
      Vertretern eines klassischen Gottesbegriffs wollen wir keinesfalls „den biblischen Bezug und die Frömmigkeit“ absprechen – das wäre vermessen. Ich meine mich erinnern zu können, dass Peter von einer sehr einseitigen oder selektiven Bibellektüre spricht – und soviel lässt sich wohl schon sagen. Man wird natürlich einige Spitzensätze aus den biblischen Überlieferungen ins Feld führen können, um die Unveränderlichkeit, Erhabenheit, Transzendenz Gottes zu belegen – und das wird in der Tradition ja auch getan – aber es ist wahrscheinlich schon save to say, dass niemand beim Lesen der biblischen Geschichten des alten und neuen Testaments auf die Idee gekommen wäre: „das ist der unbewegte Beweger, der über Raum und Zeit erhaben ist und sich von nichts und niemandem berühren lässt“, wenn da nicht ein übermächtiger philosophischer Verstehenshorizont wirksam geworden wäre. Das bedeutet nicht, dass die theologischen Folgerungen notwendigerweise falsch wären oder dass es nicht sogar eine Errungenschaft war, den christlichen Glauben in der geistesgeschichtlichen Grosswetterlage der damaligen Zeit zu plausibilisieren – aber es bedeutet wohl, dass wir die christliche Tradition heute mit anderen Augen lesen und auch zu anderen Schlüssen kommen können.
      Was den Offenen Theismus: D’accord, ich denke auch, dass die Offenen Theisten an wesentlichen Punkten sehr anschlussfähig und sogar sehr nahe dran bleiben an einem klassischen Gottesbegriff – das wird ihnen von prozesstheologischer Seite ja auch immer vorgeworfen. Schwarz-weiss sind die Dinge sicher nicht, und das ist auch gut so – ich mag bunte Bilder!;-)

      1. Herzlichen Dank für Deine Erläuterungen, lieber Manu. Und falls meine Rückmeldung etwas einseitig kritisch dahergekommen sein sollte, lass mich nur kurz festhalten: Ich schätze Eure Arbeit sehr und freue mich auf die nächste Episode!

        1. Danke Jean-Marc – nein, auf keinen Fall habe ich dich einseitig-kritisch wahrgenommen: Danke für die Rückmeldungen, ich schätze das sehr!

  4. Finde gut, dass nicht nur dem Kreuz, sondern auch der Auferstehung ein nicht nur gebührender, sondern ein notwendiger Platz zugewiesen wird. Denn Gott-Sohn verändert sich sich durch diese beiden Operationen auf seinem Leben ja in jedem Falle. Das wird durch seine bleibenden (!) Wundmale sichtbar. Es ist ein weiterqualifiziertes Leben entstanden, welches die Macht des Todes hinter sich gelassen hat und Sündern einen Schutzraum bieten kann. Die personifizierte Versöhnung sozusagen.

    Im Kreuz sehe ich jetzt nicht primär einen (mit)leidenen Gott. Ja, das auch. Sondern eine sehr prominent aufgerichtet Negation, Verdammung. Und zwar ein Durchstreichen des ganzen Menschen der alten Schöpfung. Ein riesiges Nein! Ich kann am Kreuz auch kein bischen Rechtfertigung erkennen! Die Menschen gieren nach etwas, was über ihr eigenes Elend hinausweist, nach Weisheit und Stärke. Und Gott konfrontiert sie mit einer Negation ihrer selbst. Das Wort vom Kreuz. Es ist interessant, dass die Menschen nicht zum offenen Grab gewiesen werden, um dort die Wiedergeburt abzuholen, sondern zum Kreuz.
    Gruss Tobias

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