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Lesedauer: 4 Minuten

Italienischer Sommer

Der Tag war heiss und so drückend schwül, dass sogar die Fliegen auf dem Fenstersims rasteten. Nach dem Abendessen sitzen wir vor dem Haus und die Grillen zirpen in unregelmässigen Abständen. In seltenen Momenten ist es still, wahrscheinlich dann, wenn die Grillen ans Ende der Notenseite gelangen und umblättern müssen.

Grossvater sitzt auf einem kleinen selbstgebastelten Hocker aus Heu und Holz. Ich hingegen auf einem abgesägten Holzstamm. Die Oberfläche der Sitzfläche ist nach Jahren des Gebrauchs glatt geworden.

Eine Fledermaus tanzt akrobatisch in der Luft um die einzige Lichtquelle herum, die in der Nähe der Fabrik über unseren Köpfen matt leuchtet.

Hinter Grossvaters Ohren sind Basilikumblätter platziert. Die sollen vor Mückenstichen schützen. Sein Kopf scheint zwar in der Duftwolke gut geschützt zu sein, seine Arme sind hingegen für die Insekten begehrte Landeplätze. Nonno kann die Angriffe nicht parieren, sondern reagiert mit nervösem Klatschen viel zu spät darauf.

Die Wohnung meiner Grosseltern grenzt an eine Textilfabrik. Dort erledigt nonno kleinere Aufgaben und bessert so seine bescheidene Pension auf. Manchmal darf ich mit ihm die Halle betreten, aber nur wenn niemand arbeitet, zumeist abends oder am Wochenende. Dann zeigt mir Grossvater die grossen Maschinen, die ich aber nicht berühren darf. Sie sehen wie Metallkraken aus. Ich wusste gar nicht, dass Baumwolle so stark riechen kann.

Am Boden, auf den dunkelgrünen Kacheln, kann ich einzelne Öl-Flecken sehen. Sie leuchten tagsüber mit den Farben des Regenbogens.

“Nur ein Teller, hat’s nicht geschmeckt?”

Meine Schwester und ich sind schon seit ein paar Wochen bei den Grosseltern in Italien, während unsere Eltern in der Schweiz die letzten Formalitäten erledigen: die Wohnung kündigen, die Möbel verschenken oder entsorgen, sich von der Gemeinde in Köniz abmelden. Ich wurde in Bern geboren, habe dann in Bern die italienische Schule “Lombardo Radice” besucht, weil meine Eltern irgendwann wieder zurück nach Italien wollten. Irgendwann ist jetzt. Ich bin zehn Jahre alt, meine Schwester sechs, sie wird nach dem Sommer eingeschult. Der Zeitpunkt ist somit richtig.

Wir vermissen unsere Eltern, werden aber von den nonni richtig verwöhnt. Sehr oft gastronomisch. Ich habe mit Sicherheit ein paar Kilos zugelegt. Die fiese Taktik meiner Grossmutter, nachdem ich die selbstgemachten spaghettini fertig gegessen habe, geht immer wieder auf. “Nur ein Teller, hat’s nicht geschmeckt?”, fragt sie.

Ihre Schürze hat ein paar Tomatenflecken. Ich schaue ihr gebannt zu, wie sie das Brot auf Bauchhöhe in dünne Scheiben schneidet.

Mit dem Brot putzen wir die Teller aus, machen die scarpetta. Wenn wir zu viel gegessen haben, nehmen wir Brioschi, ein Brausegranulat, das uns beim Verdauen helfen soll. Hätten wir doch weniger gegessen! Wir spielen mit dem Granulat auf dem Esstisch und nonna weist uns zurecht.

Kurz nach Fünf geht das Leben wieder los

Langweilig ist es mir nur am Nachmittag, wenn es zu heiss ist, um nach draussen zu gehen und die Nachbarskinder in der Kühle ihrer Wohnungen la pennichella machen, ein Nickerchen. Dann liege ich jeweils auf der Matratze und starre die Decke an oder lese Topolino (“Lustiges Taschenbuch”). Da die Matratze viel zu weich ist und der Lattenrost aus quietschendem Metall besteht, schaukle ich bei abrupten Bewegungen, als würde ich mich auf einem Boot befinden.

Das Leben geht kurz nach Fünf wieder los. Dann darf ich auf dem Rücksitz der Vespa sitzen und mit nonno einen Ausflug zum Dorf machen und die gelateria besuchen. Schokolade und Stracciatella sind meine Lieblingssorten. Nonno trinkt einen Kaffee und der barista versucht, mit mir zu reden. Da ich kaum Dialekt spreche, übersetzt Grossvater für mich.

Ich will so tun, als sei ich in den Ferien

Manchmal gehen wir zur winzigen Telefonkabine, die in einer Bar montiert ist. Am Ende des Korridors sitze ich auf dem Schemel und darf kurz mit meinen Eltern in der Schweiz reden. Ich weiss nicht wieso, aber es fühlt sich so an, als wäre ich in einem U-Boot und würde sie durch ein Periskop sehen. Ich freue mich auf diese Gespräche, sie machen mich aber auch traurig. Die Distanz zu ihnen wird mir richtig bewusst, wenn ich den Hörer auflege. Dann taucht das U-Boot noch tiefer, wo ich mich in der Stille eine Zeitlang zurückziehe, bevor ich wieder gesprächig werde.

Ich möchte meine Eltern nicht vergessen, aber ich will so tun, als sei ich in den Ferien. Dann kann ich die aktuelle Situation und die Entfernung besser aushalten.

Jetzt ist aber Schlafenszeit. Unsere Betten stehen im selben Raum wie dasjenige der Grosseltern. Dazwischen liegt aber eine Trennwand aus Metall und Glas. Ich höre nonnos Stimme, der mit Grossmutter herumblödelt, und muss schmunzeln. Es war ein schöner Tag und ich bin dankbar. Meine letzten Gedanken widme ich meinen Eltern und hoffe, sie bald wieder sehen zu können.

 

Photo by La So on Unsplash

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