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Lesedauer: 8 Minuten

Häutchen aus Stahl

Es ist mir gegenwärtig, als wäre es gestern gewesen: Ich bin eine Schülerin von neun oder zehn Jahren und probiere in der Pause an der Schultafel versonnen bunte Kreiden aus. Da tönt es höhnisch hinter meinem Rücken: «Heilige Johanna, heilige Jungfrau, heilige Johanna, heilige Jungfrau …».

Ich hätte einiges darum gegeben, Karin oder Christine zu heissen. Vielleicht auch Gisela. Johanna aber empfand ich als Bürde.

Keine Ahnung, welcher Kobold meinen Klassenkameraden in dem Moment geritten hat. Aber mit solchem Spott – es passierte mir nicht bloss einmal – konnte man mich damals wirklich ärgern. In meinem Zorn habe ich mich der kriegerischen Jungfrau wahrscheinlich mehr anverwandelt als mir bewusst war. In jedem Fall war es ein Glück für den Jungen, dass Blicke nicht töten können.

Der Vorfall lässt sich als Beleg für die sagenhaft Popularität von Johanna von Orléans (französisch: Jeanne d’Arc oder La Pucelle) nehmen. Sogar dumme Schuljungen, deren kulturelle Bildung sich auf die Namen erfolgreicher Skispringer und Fussballspieler beschränkt, haben von der aussergewöhnlichen Jungfrau gehört, die sich im ausgehenden Mittelalter an die Spitze von Armeen setzte und mit nur 19 Jahren auf dem Scheiterhaufen endete.

Märchengestrüpp

Ich bin meiner merkwürdigen Namensvetterin, die eine Hosenrolle mit schier penetranter Jungfräulichkeit verband, lange Zeit aus dem Weg gegangen. Habe mich demonstrativ nicht für die x-te Verfilmung des sagenschwangeren Stoffs interessiert. Habe mit einem betretenen Seitenblick wahrgenommen, wie in Frankreich die rechtspopulistische Front National die Dame im Kettenhemd mehr und mehr als ihr Maskottchen vereinnahmte.

Das Mythengestrüpp rund um Jeanne d’Arc (vermutlich 1412 – 1431), das sich in 600 Jahren bildete, erschien mir undurchdringlich wie Dornröschens Dornenhecke.

Ich habe mich nicht um konkurrierende Interpretationen und Hypothesen gekümmert, sondern höchstens über die misogyne Vermutung geärgert, eine derart exzeptionelle Frau wie Johanna von Orléans könne eigentlich gar keine Frau, sondern nur ein Mann gewesen sein.

In den vergangenen zwanzig Jahren ermöglichte die Veröffentlichung von Quellen eine differenziertere Sicht: 900 Seiten stark ist der 2012 erschienene Wälzer «Jeanne d’Arc. Histoire et Dictionnaire» (Philippe Contamine, Xavier Hélary und Olivier Bouzy), 1800 Seiten umfassen die 2004 herausgekommenen steinbruchartigen Bände von «Der Prozeß Jeanne d’Arc» von Wolfgang Müller. Auf diesen Grundlagen baut die Anfang 2021 erschienene Biografie «Jeanne d’Arc: Seherin, Kriegerin, Heilige» (C.H. Beck Verlag, 399 Seiten) auf.

Pionierin der «Ich»-Frömmigkeit

Verfasser ist der deutsche Historiker Gerd Krumeich. Dieser war bis zu seiner Emeritierung vor zehn Jahren als Nachfolger Mommsens Lehrstuhlinhaber für Neuere Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Krumeich hat sich als Experte für den Ersten Weltkrieg einen Namen gemacht und blickt nun auf den 100-jährigen Krieg, Jeannes Gegenwart.

Mit seiner nüchtern-sachlichen Art hat mir der Historiker einen Zugang zu meiner Namensvetterin und ihrer Zeit erschlossen, dem frühen 15. Jahrhundert. In manchen Aspekten – Militarismus, Endzeitstimmung, Schwarzweissdenken, Autoritätsschwund (Gegenpäpste) – erscheint die Zeit der gross und tragisch gescheiterten Johanna von Orléans unserer sogar ähnlich. Aus dem Zeitkontext heraus bekommt beides schärfere Konturen: die Ausnahmeexistenz wie auch ihre Zeitgebundenheit.

Eine These des Historikers lautet, dass sich bei der Zeitgenossin von Jan Hus und Johannes Gutenberg ein vormodernes «Ich» gegen mächtige weltliche und kirchliche Institutionen behauptete und auf einer individuellen Beziehung zu Gott beharrte. In dieser Religiosität der freien Entscheidung liege ein Schlüssel zum Verständnis der Jungfrau, ein anderer in ihrer proto-nationalen Überzeugung, dass die Engländer in Frankreich nichts verloren hätten.

Für Jeannes Zeitgenossen war nicht die Tatsache sensationell, dass eine Frau eine Truppe führte – das hatten adelige Damen nämlich öfters getan, sondern dass eine Frau niedrigen Standes in diese Domäne vordrang und erfolgreich agierte …

… schreibt der Kriegshistoriker (S. 32). Sich wie Jeanne bei individuellen Missionen auf innere Stimmen und Visionen zu berufen, ist im 15. Jahrhundert nicht ungewöhnlich gewesen: «Für die Menschen des 15. Jahrhunderts war es nicht problematisch, dass Jeanne Stimmen hörte.» (S. 43).

Stimmen hören war o.k.

Verdächtig machte sich die Jungfrau allerdings durch ihre ausgeprägte «Ich»-Frömmigkeit, ihren neuartigen Glauben, in unmittelbaren Kontakt zu Gott treten zu können. Etwas, das später in Reformationskreisen zentral wurde. Inspiration fand Jeanne in Kreisen von Beginen und Bettelmönchen. Mit letzteren verbrachte sie nachweislich Zeit.

Im Umkreis von ihrem Heimatort Domrémy existierten laut Krumeich gleich fünf verschiedene Reformklostergemeinschaften dieser Richtung: Augustiner-Eremiten, Dominikaner, Franziskaner und zwei Klöster weiblicher Dominikaner und Clarissen. «Nirgends in Frankreich gab es so viele Klöster dieser Orden auf so engem Raum wie hier, wo Jeanne aufwuchs.» (S. 53).

Jeannes Welt zerbricht, als der Krieg mit blutigen Handlungen mehrfach in ihren Heimatort vordringt und wohl auch Personen Opfer wurden, die sie persönlich kannte. In dieser Phase tiefer Existenzängste tauchen erstmals inneren Stimmen und Lichtvisionen auf.

Die junge Frau aus der Provinz fühlt eine intensive Berufung (eine aktuelle Auseinandersetzung mit Berufung von meiner Kollegin Evelyne Baumberger findet sich hier).

Jeanne, die als fröhliches, aufgewecktes und humorvoll-schlagfertiges Mädchen geschildert wird, fühlt eine innere Notwendigkeit, nach Frankreich aufzubrechen. Und zwar so, dass ihr Vater nichts mitbekommt und ihren Plan (den sie für göttlich hält) nicht vereiteln kann. In die Phase des Aufkeimens von Rebellion und einer aussergewöhnlichen Mission fällt auch ein wenig bekannter Zwischenfall: Jeanne wehrt sich erfolgreich und offenbar allein vor einem geistlichen Gericht gegen einen jungen Mann, der ein Heiratsversprechen einzuklagen versucht.

Anhängerin einer «neuen Religiosität»

Später, als sie sich gegen den Ketzerei-Vorwurf gegenüber einem grossen Theologenkreis klug, selbstbewusst und fast hochmütig verteidigt (die umfangreichen Prozessakten zeugen davon und nehmen für Johanna von Orléans ein), muss sie über die Natur der Auditionen und Visionen Rechenschaft ablegen. Jeanne schildert zunächst das Erfahrene eher unspezifisch. Auf bohrende Nachfragen hin, ob es nicht dämonische Einflüsterungen gewesen seien, präzisiert sie: Es seien ganz sicher die Stimmen des Heiligen Michael, der Heiligen Katharina von Alexandria und der Heiligen Margreta.

Die Heilige Margreta hat der Legende nach in Männerkleidern und mit rundgeschnittenem Haar das Haus ihres Ehemanns verlassen. Sie mag ein Vorbild für Jeanne gewesen sein. Eine Statue dieser Heiligen stand in der Kirche von Domrémy. In der Wahl ihrer Hausheiligen – ausgerechnet drei Gestalten, die auch die Bettelmönchbewegung hochhielt – war Jeanne ebenso wenig originell wie in ihren damals von vielen geteilten Hoffnungen auf ein mystisches Königtum, wobei sie Gotteswille, Eigenwille und royales Machtstreben kurzschloss.

Krumeich weist aber noch auf eine andere Schablone hin: eine alte Prophezeiung, allerdings nicht aus dem christlichen Kontext, sondern der vom Christentum verdrängten autochthonen Religion.

Die sogenannte «Merlin-Prophezeiung» kündet von einer zur Rettung Frankreichs erscheinenden Jungfrau und von Feen. Sie ist Teil des keltischen Artus-Mythos.

Die Jungfrau aus dem Eichenwald

Ein «Feenbaum» ist noch im 17. Jahrhundert am Ortsrand von Domrémy beschrieben worden. Eine «Jungfrau aus dem Eichenwald», hiess es in der «heidnischen» Prophezeiung, werde auf dem Rücken der Bogenschützen heranreiten und sie werde das «Geheimnis ihrer Jungfräulichkeit» bewahren. (S. 53f)

Jeannes theologische Ankläger wollten dezidiert wissen, ob die Stimmen nicht etwa vom Feenwald gekommen seien. Jeanne antwortete geschickt: Ihre Stimmen seien eben nicht aus der Richtung des Feenbaumes gekommen, sondern, begleitet von großer Helligkeit, aus Richtung der Kirche. Sie leugnete aber nicht, gemeinsam mit anderen jungen Leuten im Feenhain getanzt und Blumenkränze an den Feenbaum gehängt zu haben.

Nicht nur Anhänger und Anhängerinnen sahen in Jeanne die «Jungfrau aus dem Eichenwald», sondern offenbar auch sie selbst. Vor Gericht aber gab sie sich zurückhaltend. Eine Verbindung mit Feen wäre von den mit den Engländern kooperierenden Geistlichen (darunter Professoren der Universität von Paris), die das «Heidentum» bekämpften, als Eingeständnis ausgelegt worden, mit Dämonen im Bunde zu sein.

Nimmt eine hybride Verbindung christlicher und vorchristlicher Religionsformen Jeanne etwas von ihrem Nimbus? Ich denke nicht, vielmehr lässt sich dies als weiterer Ausweis der Individualität und Modernität des Renaissancemenschen Johanna von Orléans lesen.

An die «Göttlichkeit» innerer Stimmen, die zum «heiligen Gemetzel» aufstacheln, geglaubt zu haben, verrät freilich die tiefe Tragik eines Kindes des 100-jährigen Kriegs.

Jeanne konnte sich unblutige Lösungen offenbar ebenso wenig vorstellen wie ihre geistlichen Richter. Wir kennen diese Tragik auch aus heutigen Dauerkriegsgebieten, etwa im Mittleren Osten, wo Generationen junger Menschen gar nichts anderes kennen als Krieg.

Virgo Intacta

Das Attribut der Besessenheit konnte Jeanne im Ketzerprozess nicht angehängt werden. Böse Stimmen wollten von der Teilnahme an unsittlichen Gelagen wissen. Wiederholte Untersuchungen durch Matronen aber belegten: Die «Pucelle» war wohl tatsächlich eine virgo intacta. Eine virgo intacta konnte nach damaligem Rechtsverständnis nicht mit dem Teufel im Bunde sein. So verlegte sich die etwas in Verlegenheit geratene Anklage im Laufe des Verhörs auf ihren Hochmut, vorgeblich magische Praktiken, das Anlegen von Männerkleidung und vor allem ihre Weigerung, sich der «kämpfenden Kirche» zu unterwerfen.

Jeanne begründete das Tragen von Männerkleidern ausserhalb von Kampfhandlungen damit, dass sie diese vor Attacken auf ihre Jungfräulichkeit besser schützten. Ihre Jungfräulichkeit trug Johanna von Orléans als eine Art Schutzschild vor sich her, als quasi Häutchen aus Stahl; nicht als Ausdruck schwärmerischer Frömmigkeit («Ich spare mich für Jesus auf»), sondern von weiblicher Wehrhaftigkeit in Zeiten des Hexenwahns und als Ausweis einer besonderen Erwählung. Bis zur Erfüllung ihrer «Mission» wollte Jeanne unberührt bleiben.  Ihr unkonventionelles Schutzschild war am Ende aber nicht stark genug, um sie vor dem Scheiterhaufen zu bewahren.

In 2/2 geht es um Johanna als christliche distin und die Fragen: Wofür verkämpfte sich die Jungfrau und welche Parteigängerin wäre sie heute?

Illustration: Rodja Galli

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