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Lesedauer: 8 Minuten

5 falsche Annahmen zum Thema «Berufung»

Mit rotem Filzstift geschrieben steht es in Grossbuchstaben auf der ersten Seite eines kleinen Tagebuchs: «Was würdest du tun, wenn du keine Angst hättest?» Das Buch ist mein «Mutbuch», und der Satz brachte mich dazu, vor knapp 5 Jahren meinen Job als Journalistin zu kündigen und Theologie zu studieren.

Manchmal beim Smalltalk, bei Weisswein und Erdnüssli, nannte ich am Anfang noch rationale Gründe für diesen Schritt, wenn Leute Fragen stellten. «Ich ging halt schon immer gerne zur Schule», oder: «Ich wollte die theologischen Grundlagen haben, um über kontroverse Glaubensthemen diskutieren zu können.» Aber eigentlich war es einfach so: Ich konnte nicht mehr anders. Als sich der Gedanke einmal in meinem Kopf festgesetzt hatte, ging er nicht mehr weg.

Macht mir das Studium Spass? Ja. Habe ich die Entscheidung seither auch nur einmal bereut? Nein. Habe ich damit meine Berufung gefunden? Vielleicht. Denn mit Berufungen ist es so eine Sache.

«Berufung» steckt zwar im banalen Wort «Beruf», übertrifft jedoch dieses Feld im heutigen Verständnis bei weitem. Nur wer einen möglichst individuellen, originellen Lebensweg beschreitet, diesem radikal alles unterordnet und dabei erfolgreich und glücklich ist, hat seine Berufung gefunden. Und damit – check! – auch seinen Lebenssinn. Doch, Spoiler Alert: Dieser lässt sich auch in vielen kleinen, einzelnen Momenten finden, nicht nur in den ganz grossen Bögen.

«Berufung» ist ein aufgeblähtes Konzept geworden, an dem sich der eigene Lebenserfolg misst. 5 Annahmen zu diesem Thema, die sich bei näherem Hinsehen als Missverständnisse entpuppen.

1. Jede Person hat eine Berufung

Wir denken beim Begriff «Berufung» an Menschen wie Mutter Theresa oder Nelson Mandela, die sich ihr Leben lang für eine ganz bestimmte Sache eingesetzt haben. Im Blick auf diese Vorbilder kommt der Wunsch auf, einen massgeschneiderten Sinn zu finden, eine Aufgabe, für die nur man selber infrage kommt.

In der Suche nach der ganz individuellen Berufung spiegelt sich die Sehnsucht, einzigartig zu sein, einen Platz in dieser Welt zu finden und jederzeit zu wissen, welche Entscheidung die richtige für einen ist.

Es geht um einen Kompass für das eigene Leben. Und zwar für das gesamte. Ursprünglich war mit «Berufung» aber ein viel eingeschränkteres Konzept gemeint. Eine Person wird von jemandem, der dazu berechtigt ist, in eine bestimmte Aufgabe gerufen. Im religiösen Sinn ist Gott die berufende Instanz, und dazu gibt es in der Bibel diverse Beispiele: vor allem bei den Propheten, später aber auch bei Jesus, der seine Jünger beruft. Während wir heute in Coaching-Sessions gehen, Persönlichkeits-Tests ausfüllen und so unserer Berufung allmählich auf die Spur kommen, gibt es in diesen Geschichten häufig ein klares Berufungserlebnis – brennender Dornbusch (Mose), spektakuläre Himmelsvisionen (Ezechiel), prall gefüllte Fischernetze (Petrus) inklusive.

Mit dem Christentum erfuhr der Begriff «Berufung» eine Erweiterung: Alle Menschen sind berufen, an Jesus zu glauben und seinem Weg zu folgen.

Der Ruf Gottes, diese Einladung, das eigene Leben im Dialog mit dem Schöpfer zu führen, gilt allen.

Dazu kommt das christliche Verständnis, dass jede Person wertvoll ist und Begabungen besitzt, mit welchen sie die Gemeinschaft bereichert und mitträgt. Die beiden Ebenen lassen bereits anklingen, dass Berufungen mit unterschiedlichen Beziehungsebenen zusammenhängen: Die Berufung, mich als geliebten Menschen Gottes zu sehen. Die Berufung zum liebevollen Vater oder zur geduldigen Partnerin. Die Berufung, eine wohlwollende Arbeitskollegin, eine professionelle Mitarbeiterin oder eine innovative Geschäftsführerin zu sein. Oder die Berufung, nicht wegzuschauen, wenn jemand im Zug weint, oder den Handschuh aufzulesen, der soeben jemandem runtergefallen ist.

All diese Dinge können als Berufungen gelesen werden: Als Ruf, das eigene Potenzial, die eigene Mitmenschlichkeit und die eigene Geschöpflichkeit zu sehen und zu realisieren. Im Folgenden wird weiter von «Berufung» im Singular gesprochen, gemeint sein können aber verschiedene. Nicht jede ist dabei gleich umfassend – womit die zweite Fehlannahme angesprochen ist:

2. Eine Berufung ist etwas richtig Grosses

Einige Menschen stehen mit ihrer Vision im medialen Fokus und werden weltbekannt, andere gehen leise einer Tätigkeit nach, die für sie und ihr Gegenüber ebenso wichtig ist. Wenn man eine Aufgabe gefunden hat, die Sinn ergibt, oder aber in der einem zugewiesenen Aufgabe einen Sinn finden kann, spielt es keine Rolle, wie gross diese ist.

Eines der unzähligen inspirational quotes auf Instagram bringt dazu noch etwas wichtiges auf den Punkt: «You didn’t make all the right choices. You had all the right choices.» («Du hast die richtigen Entscheidungen nicht getroffen, sondern du hattest überhaupt die Entscheidung.»)

Jeder lange Weg besteht aus vielen kleinen Schritten und einzelnen Entscheidungen. Das Bewusstsein für den grossen Lebensbogen wird gespiegelt in der Achtsamkeit im Moment. Das heisst: Wer ich bin, manifestiert sich nicht nur im grossen Rückblick, sondern in einzelnen Gedanken, Worten und Taten. In der Suche meiner Berufung jetzt gerade, als Gegenüber dieser spezifischen Person.

Martin Buber schreibt («Der Weg des Menschen»): «Die Umwelt, die ich als die natürliche empfinde, die Situation, die mir schicksalhaft zugeteilt ist, was mir Tag um Tag begegnet, was mich Tag um Tag anfordert, hier ist meine wesentliche Aufgabe und hier die Erfüllung des Daseins, die mir offensteht. (…) Hier, wo wir stehen, gilt es, das verborgene göttliche Leben aufleuchten zu lassen.»

«Und hätten wir Macht über die Enden der Erde, wir würden an erfülltem Dasein nicht erlangen, was uns die stille hingegebene Beziehung zur lebendigen Nähe (mit allem um uns herum) geben kann.» 

Und so hängen das Ganz-bei-sich-sein und die eigene Berufung zusammen, was auch die dritte Behauptung entkräftet:

3. Erst, wenn ich weiss, was meine Berufung ist, habe ich mich selber gefunden

Leider (oder zum Glück) kriegt man nicht mit der Volljährigkeit eine E-Mail, in der ein Fahrplan zum eigenen Lebensziel geschildert wird. Ziele, Visionen, Projekte wachsen mit der Zeit. Sie entwickeln sich durch Begegnungen mit Menschen, mit guten und schlechten Erfahrungen und auch durch gescheiterte Anläufe. Nicht zuletzt ergeben sie sich daraus, dass man in sich hineinhört und dem folgt, wofür das eigene Herz schlägt. Je besser ich mich selber kenne, mit meinen Stärken und Schwächen, je besser ich weiss, was in mir Resonanz erzeugt, in welcher Umgebung ich aufblühe und wie ich meine Fähigkeiten voll einsetzen kann – desto mehr kann ich überhaupt von einer «Berufung» sprechen.

Doch auch das ist kein Gradmesser für den Wert oder Sinn des eigenen Lebens. Würde und Daseinsberechtigung haben nichts mit einer Berufung zu tun. Sondern sie sind im christlichen Verständnis jedem Menschen von Gott bedingungslos zugesprochen.

4. Wenn ich meine Berufung einmal gefunden habe, geht alles von alleine

Manchmal kann man eine Berufung einfach nicht mehr ignorieren. Mir ging es so mit dem Theologiestudium. Ich konnte nicht mehr anders, als in diese Richtung zu gehen, und glücklicherweise hatte ich auch die Freiheit, dies zu realisieren. Gleichzeitig ist diese Entscheidung auch mit Einschränkungen und Anstrengung verbunden. Dass man den Wegweiser sieht, heisst nicht, dass der Weg immer einfach ist. Manchmal steht viel auf dem Spiel, und manchmal wirft einen das Leben in Situationen, die man lieber vermeiden würde.

Für viele von uns ungewohnt. Während es im angelsächsischen Raum eine Kultur des Scheiterns gibt («If you don’t fail, you’re not even trying»), gilt hierzulande das Prinzip «Risikominimierung». Das ist sicher nicht nur schlecht, aber um in die «Wachstumszone» hineinzukommen, muss man die «Komfortzone» verlassen.

Das ist der Schlüssel dazu, dass Menschen Neues lernen, Grenzen sprengen, kreativ werden.

Und genau diese Geschichten inspirieren uns: Wir hören deswegen so gerne Interviews, lesen Biografien von Menschen, die aus den widrigsten Umständen heraus Unglaubliches erreichen, weil sie uns zeigen, was möglich ist, wenn wir ebenfalls mutig sind.

In den biblischen Berufungserzählungen geraten die Berufenen sogar immer wieder in die «Panikzone», wenn es darum geht, ihrer von Gott zugewiesenen Aufgabe nachzugehen: «Regelmäßig fühlt sich der Berufene nicht in der Lage, das Amt wahrzunehmen, und formuliert einen Einwand, in dem er auf seine Unfähigkeit verweist», fasst es der Artikel «Berufung (AT)» im wissenschaftlichen Bibellexikon Wibilex zusammen. Mose stottert, Jeremia sagt, er sei noch zu jung. Gott entkräftet jedoch diese Einwände, indem den Berufenen zugesichert wird, dass sie den Weg mit Gott gehen und nicht alleine.

5. Meine Berufung hat nur mit mir selber zu tun

In einem TED-Talk-Video verspricht der Redner, einem zu helfen, innert nur fünf Minuten seine Berufung herauszufinden. Klingt unglaubwürdig – aber dann stellt Adam Leipzig fünf Fragen, die in die Tiefe führen: Wer bin ich? Was tue ich (am besten)? Für wen mache ich das? Was brauchen diese Menschen? Wie verändert sich ihr Leben durch meine Tätigkeit?

Beantwortet man die fünf Fragen, kommt man für sich zu einer Art «Mission Statement». Ein solches einmal zu formulieren, ist hilfreich – es kann als Leitlinie für Entscheidungen und Prioritäten in einem bestimmten Lebensbereich dienen. Vor allem aber demonstrieren die fünf Fragen, wie eng die eigenen Träume und Fähigkeiten idealerweise auch mit dem Leben anderer verbunden sind.

Photo by Lidya Nada/Unsplash

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2 Kommentare zu „5 falsche Annahmen zum Thema «Berufung»“

  1. Roland Portmann

    Toller und interessanter Beitrag, Danke!
    Wichtig finde ich hier: ich “werde” berufen.
    Ich habe viele Menschen erlebt, die das “Gefühl” hatten, zu etwas, gerade im kirchlichen Kontext, berufen zu sein. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. ABER: Diese Berufung muss sich auch von “aussen” bestätigen lassen, d.h. zum Beispiel wird in der kath. Kirche bei Priesterkandidaten(Innen gibt es ja leider noch nicht) immer noch gemeinsam mit einem spirituellen Begleiter geprüft, wie sich diese Berufung im Leben bereits gezeigt hat und ob der Kandidat den Anforderungen dieser Berufung, wie sie die Kirche formuliert, auch genügt.
    Auch bei uns in der reformierten Kirche ist das eigentlich nicht anders:
    “Andere” berufen mich in meine Aufgabe; beispielsweise werde ich als Gemeindepfarrer von den Mitgliedern meiner Gemeinde gewählt, vom Kirchenrat beauftragt, vorgängig dem Konkordat ordiniert… nicht ich mache mich hier zur Pfarrperson, weil ich mich dazu berufen fühle, sondern weil andere mir das zusprechen und ich gewissen, von der Kirche formulierten Kriterien (Studium, Leumund…) genüge.
    Ich “werde” also berufen…

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