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Lesedauer: 7 Minuten

Die neue Friedhofs(un)ruhe

08.30 Uhr an einem Wochentag, ein sonniger Morgen. Ich lege meine selbstgenähte Corona-Maske an und laufe zum Alten Garnisonfriedhof, einem stillgelegten Militärfriedhof in Berlin-Mitte, eine grüne Oase mit uralten Laubbäumen und Gräbern überwiegend aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Auf dem Weg dorthin sind weit weniger Fahrzeuge, Fussgänger und Passanten auf Strassen und Plätzen zu sehen als zu normalen Zeiten. Die Stadt wirkt fast ausgestorben. Dafür herrscht auf dem Friedhof ein munteres Kommen und Gehen.

Ein feierlicher Steinbogen führt zum 1722 angelegten Gottesacker. Violette Fliederbüsche und blühende Kastanienbäume kommen in Sicht. Man hört Käuzchenrufe und gedämpfte Geräusche einer Baustelle. Eine Joggerin dreht auf den Kieswegen ihre Runden. Eine Frau in einem weissen Sommerkleid lässt sich lesend auf einer Bank nieder, während eine junge Mutter entspannt ihren Kinderwegen durch den Friedhof schiebt und dabei Nachrichten auf dem Smartphone checkt.

Body Workout auf dem Friedhof

Zwei Männer in schwarzer Fitnesskleidung legen zwischen Gräbern Turnmatten aus. Sie machen ausgiebig Dehnübungen und Muskeltraining. Im Hintergrund sichtbar aus weissem Marmorstein mit einem Volutenaufsatz der Grabstein des romantischen Dichters Friedrich de la Motte Fouqué. Auf dem Grabstein ist das Psalmwort eingemeisselt:

»Du hast meine Seele aus dem Tode gerissen, meine Augen von den Thränen, meinen Fuß vom Gleiten. Ich werde wandeln bei dem Herrn im Lande der Lebendigen.« (Ps 116).

Am Nachmittag kommen Eltern, um mit ihren Kindern Federball und Frisbee zu spielen und einander zu klagen, dass sie die Kombination von Homeoffice und Kinderbetreuung nicht mehr lange durchhalten. Im hinteren Teil des Friedhofsgartens finden sich in loser Verteilung Picknickdecken ausgebreitet. Einige Parkbesucher haben Getränke und Knabberzeug dabei.

Dass es in Ballungszentren derzeit vermehrt Menschen auf die Äcker der Toten zieht, hat einen Grund in verschärften Corona-Sicherheitsvorschriften. Der Radius erhohlungshungriger Grossstadtbewohner hat sich empfindlich auf das nähere Umfeld eingeengt. Sportstudios und Kindergärten haben geschlossen. An schönen Tagen stürzen die Massen hinaus in die Parks, wo die Polizei die Einhaltung von fünf Metern Sicherheitsabstand laufend kontrolliert. Wer nicht in dieser Art überwacht werden will, entdeckt Friedhöfe als angenehme Alternative.

Meet you at the Cemetery!

Friedhöfe sind beliebte Treffpunkte geworden. Man verabredet sich an Prominentengräbern oder am Friedhofseingang, beispielsweise des Green-Wood-Friedhofs in Brooklyn. »Parks Too Crowded? Meet You at the Cemetery Gates«, titelte unlängst die »New York Times«. Trauergemeinden steht eine wachsende Zahl von Spaziergängern, Joggern, Yogapraktizierenden und Sonnenanbetern gegenüber. Gräber bilden gewissermassen natürliche Barrieren zum Einhalten der Abstandsregeln. Menschen bewegen sich gelassen, ja lässig auf den Plätzen, um die sie noch vor wenigen Monaten quasi automatisch einen Bogen gemacht haben.

Mit dem Pandemiethema hat das Thema des Sterbens den Alltag durchdrungen und auf einmal sind es die Orte der Toten, wo man sich von beunruhigenden Themen ein wenig erholt.

Verglichen mit dem relativen Ausgestorbensein der Fussgängerzonen sind Friedhöfe momentan geradezu lebendige Orte. Friedhöfe haben in der Krise nichts an Vitalität verloren – weil dort sowieso tote Hose war, sondern hinzugewonnen. Gleichzeitig sind sie die vertrauten Orte geblieben, die man kennt. Und damit scheint mit Corona zu gelingen, was Friedhofs-PR nicht geglückt ist.

«Der Friedhof: Leben – Lachen – Freude»

Mit Werbekampagnen wird seit Jahren versucht, die Aufmerksamkeit auf den Erholungswert zu lenken. Friedhöfe seien »wichtige Bestandteile des öffentlichen Grüns«, heisst es zum Beispiel auf der Homepage der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover. Auch Münchens Friedhöfe heissen Erholungssuchende ausdrücklich willkommen. Sogar joggen ist erlaubt, dies allerdings nur auf historischen Gräberfeldern, auf denen keine Bestattungen mehr vorgenommen werden, wie zum Beispiel auf dem Alten Südlichen Friedhof.

»Die Friedhöfe sind ein beachtlicher Teil der grünen Lunge unserer Stadt«, informiert die Stadt Zürich über ihre 24 Friedhöfe mit rund 50 000 Gräbern und malt ein idyllisches Bild: »In den wunderschönen Parkanlagen spazieren Eltern mit ihren Kleinkindern, erholen sich erschöpfte Stadtmenschen und freuen sich Pensionierte an der Natur.«

Seit 2001 wird alljährlich in Deutschland der »Tag des Friedhofs« begangen, organisiert vom Friedhofsgärtnerbund (BdF). Erklärtes Ziel ist es, den Menschen die »Bedeutung des Friedhofs als Ruhestätte, Ort der Trauerbewältigung, Erholungs- und Lebensraum« wieder näherzubringen und »den Umgang mit den Themen Tod und Trauer zu enttabuisieren«.

Der Aktionstag ist eine Reaktion auf das Problem, dass mit der Professionalisierung und Institutionalisierung der Bestattung ein selbstverständlicher Umgang mit dem Tod verloren gegangen ist und vielfach Ratlosigkeit und Angst an die Stelle getreten sind. Das beschwingte Motto des Thementages im vergangenen September lautete: »Der Friedhof: Leben – Lachen – Freude«.

Genau das ist jetzt auf vielen Friedhöfen eingetreten. An der gegenwärtig so vielfältigen wie kreativen Nutzung erscheint bemerkenswert, dass Menschen nicht nur erstaunlich wenig Scheu zeigen, sondern sich auf Friedhöfen regelrecht wohlzufühlen scheinen. Manche benehmen sich wie zu Hause.

Gassigehen zwischen Gräbern

Aber genau das wirf neue Probleme auf. Wo endet die ›neue Normalität‹? Beim Fussballspielen? Ist kalter Aufschnitt aus dem Picknick-Korb O.K., Grillen zwischen Gräbern aber tabu? Darf, wenn schon gelacht wird, auch der Ghettoblaster mitgebracht und getanzt werden? Soll eine Wurstbude aufmachen dürfen?

Meditierende Yogis mögen für die einen ein erhebendes Schauspiel sein. Andere begeistert der Anblick fernöstlicher Entspannungstechniken vielleicht weniger oder sie sehen darin sogar eine Entweihung christlicher Begräbnisorte. Der Grat, auf dem ein konfliktfreier Ausgleich unterschiedlicher Vorstellungen und Bedürfnisse möglich erscheint, dürfte tatsächlich relativ schmal sein.

Spätestens bei der Vorstellung des Gassigehens zwischen Gräbern merkt man, dass die ›Normaliserung‹ der Gräberfelder vielleicht doch ihre Grenzen hat.

Insbesondere gegen eine Unterwerfung der Friedhöfe als letzte Orte der Stille unter eine allgemeine Verwertungslogik sperrt sich etwas. Eine lukrative Vermietung verwunschener, efeubewachsener Friedhöfe als gruftige Event Location wäre spooky.

Das alles sind keine rein hypothetischen Fragen. Friedhofsverwaltungen stellt die neue Ungezwungenheit vor ungewohnte Herausforderungen. Wenn ganze Yogaklassen anrücken oder Friedhöfe zu Bolzplätzen werden, erscheint eine Kollision von Bedürfnissen unvermeidbar, denn Trauergemeinden und Menschen, die ihre verstorbenen Liebsten besuchen wollen, sind ja weiterhin auch noch vor Ort. Fried-höfe drohen ›Unfriedhöfe‹ zu werden.

In Berlin wurde zwischenzeitlich die Notbremse gezogen. Mit den ersten warmen Frühlingstagen hatte das Treiben auf Gräberfeldern überhandgenommen. Auf einigen Friedhöfen sollen sogar Corona-Partys gefeiert worden sein. Ende März entschied der Evangelische Friedhofsverband die knapp fünfzig von ihm verwalteten Friedhöfe vorübergehend zu schliessen. »Uns nötigt auch das Verhalten etlicher Personen dazu, die Friedhöfe zu schliessen, da diese als Fussballplätze, Ersatztoiletten u.a. zweckentfremdet werden«, hiess es in der Begründung.

Trauer braucht Schutzräume

Im Interview mit der »taz« erklärte der Geschäftsführer des Friedhofsverbandes, Tillmann Wagner: »Es haben sich junge Familien auf Friedhöfen getroffen, die Erdsammlungen als Sandkästen nutzten. Jugendliche trafen sich zwischen den Gräbern zu Pizza und Bier oder spielten Fussball. Friedhöfe wurden vermehrt von Joggern und Radfahrern genutzt, die dann schon mal Trauergesellschaften gebeten haben, aus dem Weg zu gehen«. Inzwischen wurden die Friedhöfe wieder geöffnet, aber joggen ist dort nicht erlaubt.

Wie es scheint, wird gerade ein neuer Umgang mit Friedhöfen eingeübt. Corona legt nicht nur offen, dass sich das Verhältnis vieler zu Friedhöfen entspannt hat, sondern zeigt auch die Grenzen einer solchen Entspannung.

Was gerade passiert, ist nicht nur ein oberflächlicher Attraktivitätszuwachs, sondern es reicht tiefer. Unser Verständnis der Orte der Totenruhe scheint gerade eine Veränderung zu erfahren, Skrupel und Hemmungen werden abgebaut. Genau damit stellen sich grundsätzliche Fragen: Werden Friedhöfe in modernen säkularen Gesellschaften noch primär als heilige Stätten und Orte des Memento mori wahrgenommen? Sind tradierte Pietätsregeln noch zeitgemäss? Wie kann multiple Nutzung aussehen?

So sehr Freizeitaktivitäten den Trauer- und Gedenkorten etwas von ihrer Schwere nehmen können, so sehr drohen sie die grundlegende Funktion von Friedhöfen zu verletzen, nämlich besondere Schutzräume für Stunden der Trauer und des Andenkens zur Verfügung zu stellen. Selbst wer die aktuelle Ungezwungenheit als ›neue Normalität‹ begrüsst, wird eingestehen müssen, dass eine Unversöhnbarkeit konträrer Nutzungen bestehen bleibt. Insbesondere bei aktiven Friedhöfen, die noch für Begräbnisse genutzt werden, wird man kaum einen Kompromiss hinbekommen, der allen gerecht wird.

Vielleicht zeigt sich gerade in dieser Unversöhnbarkeit ein grundlegenderes Dilemma, das wir mit dem Tod haben. Er ›gehört zum Leben‹, wir sollen ihn daher nicht verdrängen, ›tabuisieren‹. Aber der Tod ist eben auch das Andere des Lebens, die Grenze des Lebens, und daher lässt er sich nun einmal nicht restlos ›akzeptieren‹, ›enttabuisieren‹ und zu einem selbstverständlichen Teil des Lebens machen. Oder, in Variation einer berühmten Aussage von Karl Barth: Wir sollen als Lebende den Tod akzeptieren. Aber als Lebende können wir den Tod nicht akzeptieren. Wir sollen beides: unser Sollen und unser Nicht-Können wissen.

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1 Kommentar zu „Die neue Friedhofs(un)ruhe“

  1. Corinne Duc

    Als wir Deutschschweizer einst als einzige schwarz gekleidet zu einer Abdankung auf einem waadtländer Friedhof erschienen, wurde ich darüber aufgeklärt, dass hier – für Christen – der Tod nichts Trauriges bedeute. Im Gegenteil – es sei doch Grund zur Freude (wenn ich mich recht erinnere war die Begründung in etwa: weil wir die Tote jetzt im Himmel, oder näher zum Himmel wüssten; vielleicht hat diese Einstellung auch ähnliche Wurzeln wie jene Tradition in Ghana: https://www.spiegel.de/panorama/ghana-der-tod-ist-ein-fest-beerdigungen-in-dem-westafrikanischen-land-a-1171360.html ?). Könnte so gesehen nicht auch Insistieren auf strikte Friedhofsruhe als Störfaktor für Friedhoffreudenzeremonien wahrgenommen werden?

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