Less noise – more conversation.
Less noise – more conversation.
Lesedauer: 7 Minuten
Alle Beiträge zu «Selbstkritische Zone»

Die Erde als Souvenir

«Erdaufgang – Earthrise»: So ist eine am 24. Dezember 1968 entstandene Fotografie der Erde betitelt, aufgenommen von Astronauten der Weltraum-Mission Apollo. Die Erde steigt hinter dem Mond auf, tiefblau, mit verspielten Nebelwirbeln. Es könnte auch eine gläserne Murmel sein, die ein übermütiges Kind ins Weltall geworfen hat.

Aus der Aussenperspektive besticht unser Planet durch fragile Schönheit und weckt Bewunderung und gleichzeitig Beschützerinstinkte.

Schaurig-erhaben wirkt das Schauspiel durch das tintenschwarze, Licht schluckende All im Hintergrund. Die Aufnahme entstand wenige Monate, bevor Neil Armstrong als erster Mensch auf dem Mond herumspazierte und eine US-Flagge einpflanzte.

Der Aufgang der Erde

Die Fotografie der Erde aus meinem Geburtsjahr 1968 lässt uns wie ein Alien auf unser Zuhause blicken oder wie ein romantischer Tourist. Der «romantische Tourist», erklärt der Kulturphilosoph Boris Groys in seinem an Walter Benjamin angelehnten Essay «Die Stadt im Zeitalter ihrer touristischen Reproduzierbarkeit», monumentalisiert die Welt.

Der touristische Blick ist laut Groys wie der Blick der mythischen Medusa. Er lässt Dinge zu Postkartenmotiven erstarren: Eiffelturm, Kolosseum, Freiheitsstatue – und verfehlt das Lebendige und sich ständige Wandelnde der Welt und des Lebens. Der global Reisende eilt vorüber und stellt, was er sieht, still. Neben Bauten können auch Landschaftsformationen, etwa die Niagarafälle, als Monumente wahrgenommen und bestaunt werden.

Monumente sind nicht einfach vorhanden und warten auf Touristen, sondern der touristische Blick erschafft sie. Die Welt wird vom Touristen als Summe touristischer «Sehenswürdigkeiten» interpretiert. Touristen klappern Monumente, die sie als Bild bereits im Kopf tragen, ab und geben ästhetische Bewertungen ab: «schön», «beeindruckend», «überwältigend» etc.

Die totale touristische Sehenswürdigkeit und das ultimative Souvenir ist der «blaue Planet».

Als die Mitte September 2021 gestartete vierköpfige Crew der ersten rein-privaten Weltraumtour nach drei Tagen im Orbit automatisch-gesteuert auf die Erde zurückkehrte, spielten die Weltraumfahrer:innen das Skript des romantischen Touristen ab. «Just so awe-inspiring» bemerkte ein Crewmitglied: «Einfach Ehrfurcht einflössend». Bei einem anderen Laien-Astronauten löste der Blick auf den Erdball nicht nur Überwältigung aus, sondern den Wunsch nach intensivierter Reisetätigkeit: «Es machte mir deutlich, wie viel es zu sehen gibt. Ich muss da überall noch hin und mehr entdecken».

Alle ins All?

Der 38-jährige Milliardär und Technologie-Entrepreneur Jared Isaacman, der den Weltraumflug für viel Geld gechartert hat, möchte, das Reisen in den Orbit nicht länger eine «exklusive Domäne» einiger weniger sind, vielmehr sollen «alle hinausgehen und zwischen den Sternen herumfahren können». Eine Demokratisierung also von Weltraumspazierfahrten.

Schon die Avantgardisten des frühen 20. Jahrhunderts träumten diesen Traum, etwa Kasimir Malewitsch. Dem russischen Konstruktivisten schwebten individuellen Raumschiffe vor, die ständig zwischen Planeten hin und herschweben. Gleichzeitig standen Avantgardisten gewachsenen Städten unsentimental gegenüber. Le Corbusier regte etwa die Zerstörung von Metropolen wie Paris und ihren Wiederaufbau im modernen Stil an.

Rohstoffverpulverung und Schadstoffemissionen waren damals noch kein Thema. Heute ist das anders. Das scheint auch der Luftfahrtindustrie bewusst zu sein, wird doch gelegentlich argumentiert, mittels Orbitflügen Passagieren «die Fragilität der Welt» vor Augen zu führen.

In den meisten Medienberichten über den ersten privaten Orbitflug blieb die Ökologie ausgeblendet. Die jüngste «Weltraummission» – ich bleibe bei dem Ausdruck immer hängen – wurde nicht nur als Weiterführung der Weltraumerschliessung der 1960er-Jahre gefeiert, sondern zusätzlich als Charity-Massnahme. SpaceX sammelte tatsächlich Spenden für ein Kinderkrankenhaus. Ein Crewmitglied arbeitet in dem Krankenhaus und litt zudem als Kind selbst an Knochenkrebs. Kranke Kinder sollen Mut schöpfen, wenn sie sehen, was alles möglich ist. Dazu passend lautete der Titel der Space Mission: «SpaceX Inspiration4».

Während die US-Raumfahrt mit dem Raketenstart im Kennedy Space Center in Florida die Weichen für Weltraumtourismus mit routinemässigem Flugbetrieb zu stellen versuchte, waren Randnotizen in den Medien für junge Klimaaktivist:innen reserviert, die in Berlin in den Hungerstreik getreten waren.

Diese beiden Ereignisse haben sich mir als Parallelereignisse eingeprägt, weil hier extrem unterschiedliche Weltbilder kollidierten: der kommerzielle Space-Race 2.0 und die Klimagerechtigkeitsbewegung, die das ökologische Gleichgewicht und die Zukunft des Planeten in akuter Gefahr sieht; junge Menschen, die im Innersten erregt und beunruhigt auf die Welt schauen und einige Superreiche, die sich unbekümmert um Weltklimaberichte elefantöse ökologische Fussabdrücke leisten.

«Elefanten» ist tatsächlich eine Masseinheit, mit der der Treibstoffverbrauch und damit die Treibhausgasemissionen bei Raketenstarts gemessen werden. Der Treibstoffverbrauch bei Raketenstarts in den 1960er-Jahren war astronomisch hoch.

Trotz des Technologiefortschritts ist der ökologische Fussabdruck von Raketenstarts immer noch um ein Vielfaches grösser als der eines Langstreckenfluges. Würde aber der kosmische Luftbusverkehr als Low-Cost-Carrier-Business zu florieren beginnen – derweil liegen die Ticketpreise noch bei mehreren 100 000 US-Dollar – und würden tatsächlich alle zwei Wochen Raketen gestartet, würden sich Kohlenstoffmengen schnell akkumulieren.

Insbesondere Partikel, die sich in höheren Atmosphärenschichten (Stratosphäre) als kosmischer Smog und floatender Weltraummüll ansammeln, würden zu einem weiteren destabilisierenden Faktor für das lecke Raumschiff Erde werden.

«Was Menschen mit ihrem Privatvermögen machen, sollte in einer freiheitlich gesinnten Gesellschaft nicht der moralischen Kontrolle unterliegen», war kürzlich in einem Kommentar in der NZZ zu lesen («Wer Ja zur privaten Raumfahrt sagt, muss auch Touristen im Weltraum begrüssen»). Im Prinhip ja, aber meine Freiheit ist nicht unbgegrenzt, sondern endet, wo die Freiheit anderer beginnt.

Gemeinsam ist den kollidierenden Weltbildern, dass es Bilder sind: apokalyptisch gefärbte Untergangsszenarien auf der einen Seite und auf der anderen hochfliegende Visionen von Mobilität im kosmischen Massstab. Es gibt aber noch weitere Gemeinsamkeiten: Beides sind auf die Zukunft gerichtete Bilder – wenn auch eine Zukunft, die der Gegenwart ziemlich nahekommt. Und beides sind erhabene und damit ästhetische Visionen. Allerdings handelt es sich um unterschiedliche Erhabenheiten.

Der touristische Blick aus dem Weltall auf die Erde und auf Sonnensysteme entspricht demjenigen, was der Philosoph Immanuel Kant als «mathematisch-erhaben» bezeichnete; es besticht und überwältigt hier die schiere Grösse, die das menschliche Mass unendlich übersteigt. Eben diese Differenz lässt sich ästhetisch geniessen.

Der Untergang als Reiseziel

Um das «dynamisch-Erhabene» zu erleben, die zweite Erhabenheitsform nach Kant, brauchen wir unseren Planeten nicht zu verlassen. Hierher gehören gewaltige Naturereignisse wie Stürme, Vulkanausbrüche und andere Katastrophen. Die Jahre 2020/21 bescherten neben einer globalen Pandemie Hitzerekorde (erstmals über 30 Grad Celsius/100F in der Arktis), immense Feuer in Australien, Sibirien und Kalifornien, Heuschreckenplagen biblischen Ausmasses in Teilen Afrikas und verheerende Überschwemmungen u.a. auch in Deutschland.

Auch das dynamisch-Erhabene lässt sich, solange es uns nicht verschlingt, ästhetisch geniessen. «Der romantische Tourist ist derjenige, der sogar seinen Untergang als mögliches Reiseziel erkennt – und gleichzeitig als ein erhabenes Schauspiel zu erleben imstande ist», schreibt Groys.

Der romantische Tourist, der alles aus ästhetischer Distanz betrachtet, ist selbst keine erhabene Figur. In den Augen Erdverbundener, etwa Bauern, ist er sogar ein kompletter Idiot. Groys: «Der Tourist verfügt über einen globalisierten Blick, für den etwa die Figur des Schweizer Bauern als Teil der Landschaft fungiert – und ihn deswegen gar nicht stört. Und für den Schweizer Bauern, der sich mit seiner unmittelbaren Umgebung beschäftigt und für sie Sorge trägt, ist der romantische Tourist ein Narr, ein Idiot, den er eigentlich nicht ernst nehmen kann.»

Eine dritte Landemöglichkeit

Wer sind am Ende die Dummen? Die Raumfahrtindustrie suggeriert heute den Massenmenschen, dass sie vielleicht bald schon den 5-Minuten-Ruhm als Laien-Astronauten im Orbit erleben können: als kleines Freizeitabenteuer.

Die Raumfahrtindustrie agiert, als gäbe es einen Planeten B, C oder D. Und vielleicht gibt es tatsächlich schon bald Ausweichmöglichkeiten, Ersatzhabitate im Weltraum, allerdings kaum für die Vielen.

Der französische Anthropologe und Katholik Bruno Latour fordert in «Das terrestrische Manifest» dazu auf, aus Luftschlössern auf die Erde zurückzukommen und weist auf eine beunruhigende Tendenz hin. Er sieht Indizien dafür, dass politisches Handeln nicht mehr wie in der Hochphase des Modernismus auf ein besseres Leben für die grosse Menge ausgerichtet werde, sondern dass dieses Ziel stillschweigend als unrealistisch aufgegeben worden und das Überleben von Eliten in den Vordergrund gerückt sei.

«Um sich dem Verlust an gemeinsamer Orientierung zu widersetzen, gilt es, irgendwo zu landen.» (B. Latour)

Unsere Lage auf der Erde vergleicht der Anthropologe mit der Reise in einem Flugzeug. Der Flieger kommt aus der Tradition, dem «Archaismus», und hat Kurs genommen auf Zukunft, Wachstum, Fortschritt. Plötzlich meldet der Pilot über Lautsprecher, dass beide Landemöglichkeiten – Vergangenheit und Zukunft, Ausgangspunkt und Ziel – verschwunden seien. Es ist also auch keine Rückkehr möglich.

Folgt man diesem Bild, so ist es an der Zeit, über eine dritte Landemöglichkeit nachzudenken, nicht im All, sondern auf einer weiterhin bewohnbaren Erde. In diesem Nachdenken befinden wir uns gegenwärtig.

Photo by NASA on Unsplash, Earthrise—the rising Earth greeted the Apollo 8 astronauts on December 24, 1968 as they came from behind the Moon after the fourth nearside orbit.

What do you think of this post?
  • OMG! (1)
  • Karma-Boost (0)
  • Deep (2)
  • Boring (0)
  • Fake-News (0)

1 Kommentar zu „Die Erde als Souvenir“

  1. Hayley Arcenaux und Dr. Sian Proctor heissen die beiden bewundernswerten Frauen, die tatsächlich eine Inspration für alle Menschen guten Willens sind.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.