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Im Auge des Sturms

Es war bei einer mehrtägigen Wanderung in Südtirol, als es plötzlich zu schneien begann. Völlig unerwartet, denn es war Sommer. Gerade noch hatte es geregnet und wir hatten uns unter dem Vordach einer schiefen Heuhütte vor dem Platzregen geschützt. Die «Funktionskleidung» erwies sich als tatsächlich funktional, denn nach kurzer Wanderung waren wir auch schon wieder trocken. Ich erinnere mich an eine Föhre, deren Zapfen und fächerförmige Nadeln harzigen Duft verströmten. Dann liessen wir die Waldgrenze unter uns und näherten uns einem Gebirgspass, über den im Zweiten Weltkrieg Militärkonvois gefahren sind.

Schneeblind

Mit jedem Höhenmeter wurde es um uns leiser. Die anthrazitgrauen Gebirgsmassive, riesig, kahl und nah, erschienen wie Kathedralen. Da begann es auf einmal zu schneien. Erst vereinzelt, dann watteförmige Flocken und schliesslich dichter Schnee, der die Sicht verschleierte und das Gesicht kalt streichelte. Schafe liefen zusammen und verharrten Schutz suchend beieinander. Es herrschte eine leise Aufregung in den Herden. Nur hie und da ein Blöken und das Bimmeln der Glöckchen. Wir zogen die Kapuzen über den Kopf und beschleunigten unsere Schritte. Nun war es vollkommen still. Wie wurden unsicher, wo der Wanderpfad verläuft. Der Weg, die Landschaft und der Himmel verwischten sich weiss in weiss. Oben und unten wurden ununterscheidbar. Wir erlebten Schneeblindheit.

Werden wir vom Weg abkommen und nicht an unser Ziel gelangen? Die Gefahr war real, aber die Erhabenheit des Moments übertönte die Sorge.

Der unerwartete Schlechtwettereinbruch hat sich in meiner Erinnerung merkwürdigerweies als tief beglückendes Erlebnis eingeprägt. Selten habe ich die Welt und mich selbst in ihr so intensiv erfahren wie bei jener Wanderung, die uns wenig später in eine trockene Schutzhütte und ein weiches Bett führte. In der sicheren Behausung war das nasse, kalte Wetter wieder etwas, das sich durch die Fensterscheibe distanziert beobachten liess, aber nicht gefühlt werden musste oder durfte.

Eine ähnlich intensive Wettererfahrung brachte den britischen Anthropologen Tim Ingold zu intensivem Nachdenken. Seine Wahrnehmungen und Gedanken fasste der zunehmend einflussreichere Sozialanthropologe in seinem 2005 erschienenen Essay The eye of the storm: visual perception and the weather zusammen.

Windgepeitscht

Ingold geriet – mit der Phänomenologie von Maurice Merleau-Ponty und der Unterscheidung von «Medium», «Substanz» und «Oberfläche» des amerikanischen Wahrnehmungspsychologen James Gibson im Hinterkopf – in ein heftiges Sommergewitter an der schottischen Küste. Meer und Himmel nahmen auf einmal dieselbe Farbe an und wurden ununterscheidbar. Aus dem ruhigen sonnigen Tag am Strand wurde binnen küzester Zeit ein aufwühlendes Windwetterdrama, das bei dem Forscher einen Cocktail an Gedanken und Empfindungen auslöste. Sein Wettererlebnis geriet zum Selbstexperiment. Der Anthropologe schildert, wie sich mit dem heftigen Schauer und Wind die Welt und sein Fühlen in ihr fundamental veränderten. Er nimmt den Leser/die Leserin mit auf einen Trip jenseits eingeübter westlicher Seh- und Denkweisen.

Der Himmel ist, wenn wir ins Wetter geraten, nicht länger eine greifbare Luft- und Gashülle, die mehr oder weniger unverbunden über der festen Erdoberfläche schwebt, auf der Menschen sich vermehren, ausbreiten und expandieren. Himmel und Erde bilden vielmehr ein körperliches und durchdringendes Phänomen.

Mit dem Fühlen intensivieren sich auch das Sehen und Hören. Die beiden Sinne als einander entgegengesetzt zu denken, wie wir es in der westlichen Tradition gewohnt sind, wird für Ingold unplausibel. Die Dichotomie von Sehen und Hören besteht in der Vorstellung, dass das Licht der Welt bis zur Retina des Auges reicht und das Kopfinnere ein dunkler, unbeleuchteter Raum sei. Dieses Denken ist tief in der abendländisch-descartschen Tradition verankert. Sehen gilt als vermeintlicher Prozess der Oberfläche und als Übersetzungsleistung retinaler Reize in immaterielle, mentale Bilder. Im Gegensatz dazu gelten die Ohren als Öffnungen, die Klang und Schall direkt ins Innere des Kopfes hineinlassen. Ingold fragt:

«Wie konnte es zu so einer Topologie kommen? Wie konnten sich Licht und Sehen auf der einen Seite einer offensichtlich undurchlässigen Grenze wiederfinden und auf der anderen Seite Klang und Hören?»

Wenn wir in Wind und Wetter geraten, sich der Regenschirm durchbiegt, davonfliegt oder wir ihn zu Hause vergessen haben, erfahren wir die Welt als multisensorisches Medium und Zusammenspiel von Licht, Wärme, Kälte, Wind, Klang, dessen Teil wir als wahrnehmende Wesen sind.

Mond, Wind, Donner, Vögel

Himmel und Erde, immaterielle und materielle Welt, Sehen, Hören und Fühlen sind in der ganzheitlichen Weltwahrnehmung keine getrennten Einheiten. Sie bilden vielmehr zusammen mit Menschen und Tieren ein fliessendes Kontinuum.

«Erde und Himmel sind untrennbar in einem unteilbaren Feld verbunden.»

Dieser Art der verbundenen Wahrnehmung begegnete der Anthropologe bei nicht-westlichen und indigenen Völkern und in der westlichen Kultur bei manchen Künstlerinnen und Künstlern. So malten etwa Impressionisten nicht Landschaften, sondern Luft- und Lichtspiegelungen. Sie fingen das Unbeständige und Wandelbare ein und gerade nicht «Landschaft» als «pittoreskes» Bild. Es ist bezeichnend, dass es über Landschaft als Panorama in unseren Bibliotheken lange Abhandlungen gibt, Wetterphänomene aber, die beständigem Wandel unterliegen und die kein sicherer Bestandteil einer wahrnehmbaren Oberfläche sind, sondern zutiefst subjektives und von Imaginationen durchzogenes Erleben, in der abendländischen Forschung vernachlässigt wurden.

«In den Kosmologien vieler nicht-westlicher Völker – die üblicherweise, aber etwas ungenau als animistisch bezeichnet werden – wird das Leben durch das Innere dieses Mediums und nicht über die äußere Oberfläche der Erde erfahren», schreibt Ingold in The eye of the Storm. «Unter den Bewohnern des Mediums gibt es eine Vielzahl von Wesen, einschließlich der Sonne und des Mondes, der Winde, des Donners, der Vögel und so weiter. Diese Wesen legen ihre eigenen Spuren durch den Himmel, so wie irdische Wesen ihre Spuren durch die Erde legen. Erde und Himmel schließen sich auch nicht gegenseitig aus. Vögel bewegen sich routinemäßig von einer Domäne in die andere, ebenso wie mächtige Menschen, etwa Schamanen.»

Mächtig machtlos

Eine Modifikation erfährt diese Sichtweise der natürlichen Durchdringung von Welt und Wesen, wenn die Welt immer weniger natürlich erscheint. Oder sogar unnatürlich. Wenn ich nicht (mehr) sicher sein kann, ob ich den gewohnten Kreislauf der Jahreszeiten oder eine aus der Balance geratene Welt/Natur/Schöpfung erlebe, als Auswirkung des Anthropozän, schleicht mir die immersive Wettererfahrung kalt in die Knochen. In gewisser Weise nähere ich mich dem unheimlichen Weltbild der Altvorderen an, die sich ebenfalls entfesselten und rätselhaften Mächten gegenübergestellt sahen, die die menschliche Kraft und Einflussmöglichkeit gebirgshoh überstiegen.

Die frühesten Gottheiten waren Bergheiligtums- und Wettergötter. Sie schleuderten Blitze und liessen es donnern. In den ältesten Sedimenten der Bibel finden sich ihre Spuren aufbewahrt. Das Atmosphärische und die Sphäre der Himmlischen waren noch nicht getrennt.

Der Anthropologe Tim Ingold regt an, von indigenen Kulturen und Künstler:innen zu lernen, die Welt als Kontinuum wahrzunehmen, und dabei Wissen mit Dasein zu verbinden und Denken mit Leben. Mit seinem suggestiven Essay hat er meine Weltwahrnehmung geprägt und verändert. Ich lese den inzwischen 15 Jahre alten Text mittlerweile aber mit Melancholie. Wetter ist bei Ingold nämlich noch das gute alte Wetter. Inzwischen aber gibt es in erschreckender Häufung Unwetter, die uns Angst machen: nicht, weil wir unheimliches Wirken von Göttern dahinter vermuten, sondern uns selbst.

Literatur: Tim Ingold, The eye of the Storm: Visual Perception and the Weather, in: Visual Studies 2005.

Photo by Shashank Sahay on Unsplash

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3 Kommentare zu „Im Auge des Sturms“

  1. Ich ermuntere zum Studium von Alfred North Whitehead, der bereits vor gut 100 Jahren auf die fliessenden Übergänge alles Seienden und die Oberflächlikeit unserer rational-wissenschaftlichen Betrachtungsweise der Welt hingewiesen hat. Dabei geht es nicht um das Ausspielen des Einen gegen das Andere, sondern um die Wahrnehmungserweiterung welche den Menschen als Teilganzes im Kontext von anderen Teilganzen verortet. Alles ist durchlässig. Die Summe der Teile ist mehr als alles – es ist das Ganze. Was heisst das für die frohe Botschaft im 21. Jahrhundert?

    1. Ein spannender Hinweis auf die Prozessphilosophie/-theologie als moderne Vermittlerin der dargestellten Zusammenhänge – ich hab auch den Eindruck, dass die Verflochtenheit unserer Wirklichkeit und die Verwebung auch des Menschen mit seiner Mitwelt von Hartshorne und seinen Nachfolger:innen am klarsichtigsten reflektiert wurden. Hast du an einen bestimmten Text von Hartshorne gedacht, mit dem man das exemplarisch zeigen könnte?

  2. Johanna, ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich erst heute dazu gekommen bin, deinen Text ganz zu lesen – und was soll ich sagen? Wow! Danke für diese wortgewaltige Entführung in die immersive Wirklichkeit unserer Schöpfung, und in die Überlegungen von Ingold dazu. Grossartig!

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