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Lesedauer: 3 Minuten

Der blinde Fleck des Christentums

Zugegeben, dieser Titel ist etwas reisserisch. Es geht heute aber tatsächlich um ein Thema, welches das Christentum grösstenteils ausblendet: Unser Verhältnis zu Tieren. Wir verstehen uns Menschen als Teil des grossen Ganzen, der Schöpfung, aber Tiere – unsere Gegenüber in diesem Ganzen – kommen in unserer Spiritualität nicht vor. (Mit der berühmten Ausnahme Franz von Assisi sowie einzelnen Bewegungen wie dem «Arbeitskreis Kirche und Tiere».)

Das ist auch ein Phänomen unserer Zeit: Im Alltag begegnen Tiere vielen von uns v. a. noch in lustigen Instagram-Reels von süssen Ziegen, die auf der Weide rumspringen, Kätzchen, oder Kakadus, die zu hipper Musik tanzen.

Wir treffen Kühe auf dem Sonntagsspaziergang und haben sie später auf dem Teller.

Das Theme ist theologisch relevant

Ich glaube, dass wir damit etwas Wichtiges ausblenden – auch theologisch. Kürzlich in einem Gottesdienst wurde die Bibelstelle Jesaja 11 vorgelesen: Es ist ein Sinnbild für das Paradies, den Himmel, eine Zeit und ein Ort, an dem endlich Friede herrscht. Dieser Friede wird in dem Text so dargestellt, dass Tiere und Menschen friedlich zusammenleben.

Wer sich als spiritueller Mensch und/oder als Christ:in versteht, kommt m. E. nicht um dieses Thema herum. Als Menschen sind wir Teil der Schöpfung, Teil eines grossen Ganzen, und Tiere gehören zu unseren Gegenübern. Wie wir sind viele von ihnen fähig, Freude und Trauer zu empfinden, Beziehungen zu knüpfen, und wer Haustiere hat, weiss, dass Tiere einen individuellen Charakter haben.

Tiere sind mehr als schützenswerte Ökovielfalt oder Nahrungslieferanten für uns Menschen. Doch das sind heute die beiden Pole, zwischen denen wir uns bewegen.

Vor einiger Zeit sagte ich in einem Video, dass m. E. Beziehungen der Sinn des Lebens sind: Beziehungen zu anderen Menschen, zu Gott und zu einem selber. Wenn ich das Video heute aufnehmen würde, würde ich diese Aufzählung ergänzen. Auch die Beziehung zur Natur, zu Tieren gehört dazu, den Sinn des Lebens zu finden. Denn darin finden wir uns selber nochmals in einer anderen Perspektive. Es verbindet uns viel mehr, als uns trennt.

Ein Stück des Himmels, das realisierbar wäre

Mich beschäftigt das derzeit sehr, auch aufgrund eines Seminars über Tierethik an der Uni. Seither bin ich nicht mehr Flexi-, sondern konsequent Vegetarierin. Ich sage nicht, dass alle so leben müssen. Wer den Tod eines Tieres mit seinem Gewissen vereinbaren kann, kann durchaus hin und wieder ein Stück Fleisch essen, wenn das Tier zuvor ein gutes Leben hatte. Doch von der Viertelmillion Tieren, die täglich in der Schweiz geschlachtet werden, ist das vermutlich bei den wenigsten wirklich der Fall – dass sie Tageslicht gesehen, Erde unter ihren Füssen gespürt und soziale Beziehungen unter ihresgleichen geknüpft haben.

Wie wir uns heute ernähren und Tiere «nutzen», ist Welten von dem friedlichen Zusammenleben entfernt, das in der Bibel als «Himmel auf Erden» geschildert wird.

Als in dem Gottesdienst die Bibelstelle Jesaja 11 vorgelesen wurde, dachte ich: Ja, wir haben so viele Probleme auf der Welt. So viel Kriege, so viel Ungerechtigkeit. Und ich fühle mich so oft hilflos dem gegenüber, erst recht bei Schicksalsschlägen wo Menschen schwer erkranken oder plötzlich sterben.

Doch gerade das Zusammenleben von Menschen und Tieren ist ein Aspekt des «Himmels auf Erden», bei dem man tatsächlich etwas tun kann. Bei dem man nicht fragen muss, «Gott, warum lässt du so viel Leid zu?», sondern wo sehr genau klar ist, wer das Leid verursacht und was getan werden kann, um es zu lindern. In diesem Bereich wäre es im tatsächlich möglich, weniger Leid und Elend auf die Welt zu bringen. Und das ist doch etwas Schönes und Hoffnungsvolles.

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4 Kommentare zu „Der blinde Fleck des Christentums“

  1. Hey
    Bin jetzt gerade mit meiner Bachelor-Arbeit in Theologie zu genau dem Thema fertig geworden. Finde deine Begründung sehr gut und plausibel und bin zum gleichen Schluss gekommen. Finde die Stelle mit Bileam und seiner Eselin die stärkste Stelle. In jener wird am besten hervorgehoben wie Tiere geachtet werden können. Danke für den Beitrag.
    Lg Zeno

  2. Ganz ganz herzlichen Dank für diesen tollen Beitrag!
    Ich lese grad das Buch „Lentille, aus dem Leben einer Kuh“, von Urs Mannhart!
    Beobachtungen auf einem kleinen Bauernhof mit Mutterkuhhaltung. Und Auseinandersetzung mit wissenschaftlicher Forschung zB zum Thema „animal personality“.
    Auch das Buch „die Konferenz der Tiere“ von Erich Kästner ist ganz wunderbar!
    Ich finde beeindruckend, wie du so freundlich und frei vor der Kamera sprechen kannst.
    Herzlicht, Thomas

  3. Eigenartig: Zum Thema Tier und Religion sind mir als erstes die Opfertiere durch den Kopf gegangen. Als zweites, dass wir um uns zu ernähren andere Lebewesen essen müssen. Pflanzen oder Tiere. Ist es schlimmer ein Tier zu töten als eine Pflanze? Warum achte ich beim Fleisch auf tiergerechte Produktion; weil ich Christ bin, oder weil diese Ethik mir so anerzogen wurde?

    1. „ist es schlimmer einen menschen zu töten oder eine pflanze“?

      tiere, genau wie menschen – im gegensatz zu pflanzen – sind empfindungs- und leidensfähige wesen, mit denselben fundamentalen werten; den wunsch auf leben, freiheit und unversehrtheit.
      da wir keine tierlichen produkte brauchen, um uns gesund ernähren zu können, gibt es keine rechtfertigung, ihnen aus keiner notwendigkeit heraus leid, gewalt und tod zuzufügen. die einzigen gründe für tierkonsum sind: geschmack, gewohnheit, bequemlichkeit und tradition. keine dieser gründe rechtfertigt es, tiere zu unterdrücken und ihnen auf feigste und gemeinste art und weise das leben zu nehmen, das kostbarste, was wir alle besitzen. wenn ich nicht töten muss, sollte ich es auch nicht tun.
      wer gegen gewalt, unterdrückung, diskriminierung und jegliche andere art von ungerechtigkeit ist, sollte vegan leben.

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