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Lesedauer: 5 Minuten

Corona-Logbuch

Die Delfine sind zurück? Echt? Anfang März 2020 wollten Augenzeugen in Venedig welche gesehen haben. Aufgrund des pandemiebedingten Rückgangs des Schiffs- und Bootsverkehrs auf Venedigs Kanälen sollen sich die Tiere wieder in die Lagunenstadt gewagt haben. Kurze Zeit später kamen Meldungen, es handle sich um Fake News. Venedig leider delfinlos! Luca Zacchei griff die Nachricht in einem Blogbeitrag mit dem Titel «Rückkehr der Delfine» auf.

Dem kleinen, zauberhaften Text, der einen Bogen vom Fischmarkt in Wuhan nach Venedig und zu Douglas Adams surrealem Roman «Per Anhalter durch die Galaxis» schlägt, ist der Titel der ersten Buchpublikation der RefLab-Redaktion entlehnt. 30 Blogbeiträge, die zwischen Februar 2020 und Februar 2021 im digitalen Universum erschienen sind und nun auch in der Gutenberg-Galaxis vorliegen: persönliche, politische, theologische und poetische Texte aus dem Jahr eins der reformierten Online-Community, das zugleich das erste Pandemiejahr war.

«Rückkehr der Delfine. Blogbeiträge aus dem Jahr, in dem wir normal neu definierten» versammelt Texte, in denen wir uns mit einer aus den Fugen geratenen Welt auseinandersetzen.

Sicher Geglaubtes verschwand, Gewohntes war plötzlich nicht mehr möglich. Statt Bürodienst gab es Home Office und statt Präsenzgottesdienst Home Churching. Wir alle mussten uns im Unbekannten, dem «New Normal», zurechtfinden.

Als Labor, das Möglichkeiten christlicher Kommunikation unter den Bedingungen von Social Media experimentell auslotet, spielte uns der Boom digitaler Medien im Zuge der Kontaktbeschränkungen in die Hände. Allerorts wuchs die Akzeptanz für Distanzkommunikation. Durch eingeschränkte Bewegungs- und Begegnungsmöglichkeiten erging es uns als Networkern aber gleichzeitig wie Fischen ausserhalb des Wassers.

Creative Turbulence!

Als Online-Community, in der Christin:nen mit unterschiedlichen biografischen Hintergründen und Temperamenten Platz finden, teilen wir uns leidenschaftlich mit – und miteinander Erfahrungen. Im RefLab bloggen, vloggen und podcasten neben reformierten Theolog:innen Leute, die sich als Indie-Christ:innen, Freestyler oder postkonfessionelle Nomad:innen verstehen.

Theolog:innen verfassen Glossen über Whisky-Spiritualität, Poetry-Slammer interpretieren die Weihnachtsgeschichte und eine Yoga-Praktizierende verhilft uns zu innerer Ruhe und Gelassenheit, gerade wenn der Alltag stressig wird oder die anhaltende Pandemiesituation auf der Seele lastet.

Die Vielfalt der Stile und Temperamente im RefLab spiegelt sich auch in unserer ersten Buchveröffentlichung wider. Durch die chronologische Anordnung der Texte lässt sich die Publikation als Logbuch einer Reise ins Ungewisse lesen. Die frühesten Beiträge erschienen, als Corona noch ein Medienphänomen war, etwas, das China, aber nicht uns betraf; die spätesten, als Impfungen schleppend anliefen und Meinungen über den Sinn von Massnahmen auseinandergingen.

Der Blogbeitrag «Masken der Angst» (Johanna Di Blasi) nimmt Bezug auf die Wuhan-Apokalypse, als in den Medien Bilder surrealer Coronamasken aus PET-Flaschen kursierten. Schon bald erfolgte auch bei uns die kollektive Notbremsung mit Lockdowns, Shutdowns und Mundnasenmaskierung. Blogbeiträge wie «Virus vs. Gott» (Stephan Jütte), «Wir haben (k)eine Angst» (Manuel Schmid) oder «Vor der Zeit sterben» (Friederike Osthof) setzen sich mit der Verschärfung der Lage auseinander.

Beiträge wie «Die neue Friedhofs(un)ruhe» oder «Meine erste Corona-Party» greifen überraschende Nebeneffekte der Pandemiesituation auf. In «Ich will gar nicht zurück!» geht es darum, dass derselbe Lockdown, der viele in ökonomische oder psychische Notlagen stürzte, anderen ersehnte Freiräume bescherte. Dieser tausendfach gelesene und vielfach geteilte Beitrag von Manuel gehört zu den am häufigsten angeklickten Blogbeiträgen des RefLab.

Die Delfine sind wirklich zurück!

Die Ohnmachtserfahrung angesichts einer allgegenwärtigen, aber unsichtbaren Bedrohung paarte sich auch bei uns mit aufkeimendem Lagerkoller. Rituale wie chronisches Händewaschen und -desinfizieren kompensierten das Fehlen tatsächlicher Aktionsmöglichkeiten. Hamsterkäufe und Klopapierhorten gaben wir natürlich nicht zu. Mit teils kruden Verschwörungsmythen, mit denen selbsternannte Propheten («Truther») in einer unübersichtlichen Lage Über- und Durchblick simulierten, setzten wir uns kritisch auseinander.

Im RefLab erschienen in dieser Phase Beiträge wie «Zeit zu reifen» (Andreas Loos), «Einsichten aus der Quarantäne» (Leela Sutter), «Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben» (Thorsten Dietz), «Es gnüegelet, verdammt nochmal» (Evelyne Baumberger) oder «Der Untergang naht! – Zeit für freigespielte Hoffnung» (Kirstine Fratz). Diese Texte sind nun gemeinsam mit Kommentaren und Reaktionen unser Leser:innen und Hörer:innen in einem Corona-Logbuch versammelt.

Wir haben die schwierigste Phase der Pandemie als RefLab-Community gemeinsam durchgestanden!

Aber noch einmal zu den Delfinen: Genau ein Jahr nach der Veröffentlichung von Lucas Beitrag wurde in Venedig nachweislich ein Delfinpaar gesichtet. Die Tiere schwammen an einem Montag am weltberühmten Markusplatz vorbei in Richtung des Canal Grande. Die Meeressäuger reagieren sensibel auf Unterwasserlärm. Schon Schraubengeräusche vorbeifahrender Boote können bei ihnen Stress erzeugen und zu Desorientierung führen. Zumindest für Delfine haben sich Freiräume vergrössert.

Book Launch ist am 29.10. im Rahmen von «Zürich liest» von 18-19 Uhr im Hirschli, Hirschengraben 7, in Zürich. Auch die Unfassbar ist da und schenkt Pfarrerbier aus! Ihr seid herzlich eingeladen. Anmeldung ist nicht erforderlich, aber erwünscht: contact@reflab.ch. Voraussetzung ist 3G.

«Rückkehr der Delfine. Blogbeiträge aus dem Jahr, in dem wir normal neu definierten» ist im Herbstprogramm des TVZ-Verlags erschienen. Wir danken Bigna Hauser für das sorgfältige Lektorat und dem büro z für die smarte Cover-Gestaltung und Übersetzung unseres Online-Layouts in die Papierwelt. Der rote Logostempel auf dem Buchcover steht für Print statt Pixel!

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