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 Lesedauer: 4 Minuten

KI = Kirchliche Intelligenz

Gamechanger war die Pandemie. Selbst Technik-Averse eigneten sich in der Lockdownzeit digitales Know-how an. Auch in Kirchen und Kirchgemeinden.

Sofapredigten und digitale Gottesdienstübertragungen wurden Usus. Pfarrpersonen starteten eigene Podcasts. Manche brachten es zu Influencer-Ruhm.

Vor einem Jahr erlangte dann ChatGPT Prominentenstatus. Mit diesem anwendungsfreundlichen «Large Language Model» gelangte das Thema Künstliche Intelligenz (KI) in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit und wurde auch ein Thema in der Arbeit des RefLab.

Wie praktisch ist KI?

In unserer Tagung «UPGRADE. Wie kann Kirche von KI profitieren?» wagten wir Anfang November in Zürich eine erste Bestandsaufnahme. Die Hauptvorträge können hier als Videos angeschaut werden.

Uns interessierten vor allem praktische Anwendungmöglichkeiten von KI: in der Liturgie, im kirchlichen Bildungsbereich oder auch in Pfarrbüros.

Mit dem Theologen und Religionsphänomenologen Jonas Simmerlein von der Universität Wien konnte das RefLab den Mann gewinnen, der mit KI-Gottesdiensten – zuletzt auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Nürnberg – enormes Medienecho erzielt hat. Ziel des Theologen ist es, Erkenntnisse über Reaktionen von Menschen auf Avatare im liturgischen Kontext zu erhalten.

Schweiz-Premiere des Luther-Avatars im RefLab

Medial breit besprochen wurde auch der KI-gesteuerte Luther-Avatar, den die Evangelische Kirche im Rheinland am diesjährigen Reformationstag vorgestellt hat. Nur wenige Tage nach seiner Premiere in Deutschland war der Avatar im RefLab zu Gast. Andreas Droste, einer der beiden Entwickler, stellte den digitalen Luther in Zürich vor.

Der Luther-Avatar wird als artifical human in der nächsten Zeit ins Metaverse eingebaut. Er beantwortet mit der Glaubensfestigkeit eines Reformators des 16. Jahrhunderts gegenwärtige Fragen wie z.B. «Ist es Christ:innen erlaubt Halloween zu feiern?» oder «Ist es o.k., digitale Gottesdienste zu feiern.» Der digitale Luther, dessen Einsatz im Religions- oder Geschichtsunterricht denkbar ist, beantwortet Letzteres mit Ja. Er sagt:

«In der Balance zwischen spiritueller Tiefe und technischen Möglichkeiten durchaus, gerade in Zeiten der Pandemie»

Wie kann Kirche von KI profitieren?

  • Der Einsatz von KI und Robotern im liturgischen Rahmen führt zu einer Verfremdung des Vertrauten. Bei KI-Gottesdiensten geht es nicht um «Replacement», um die Ersetzung realer Menschen durch Maschinen, sondern um die Erschliessung neue Erfahrungshorizonte.
  • Menschen machen mit KI existenzielle Erfahrungen, wie Studien belegen. Für zukünftige Generationen, für die Technologie noch selbstverständlicher sein wird als für gegenwärtige, dürfte das in noch grösserem Masse der Fall sein.
  • Schon heute werden Roboter in Japan bei Begräbnissen eingesetzt (Roboter Pepper). Digitale Technik kann die Teilnahme an Beerdigungen für Menschen ermöglichen, die physisch nicht vor Ort sein können
  • Die Schwierigkeiten bei assistierenden Technologien, etwa in der Pflege, liegen im Detail: Um gut zu funktionieren, brauchen Avatare oder Roboter möglichst viele persönliche Daten; damit stellt sich gerade für Vulnerable die Frage nach Datenschutz in erhöhtem Masse.
  • KI kann in Pfarrhäusern Büroarbeit übernehmen, wie Texte vereinfachen, Gespräche transkribieren oder Informationen für eine Jahreschronik zusammenstellen, und dadurch Zeit freisetzen für den seelsorglichen Dienst von Menschen an Menschen.
  • Wenn man einen Avatar «programmieren und auf die Menschheit loslassen will, muss man relativ viel Aufwand und Feintuning investieren» (Andreas Droste, der Entwickler des Luther-Avatars).

Wie kann KI von Kirche profitieren?

  • An Kirche und Religion werden bezogen auf die Digitalisierung der Gesellschaft verstärkt ethische, aber auch anthropologische und existenzielle Fragen herangetragen: Was ist gutes Handeln? Was ist der Mensch? Was ist Bewusstsein? Theologie und Kirche können profunde Antworten geben, wenn sie sich der Technikentwicklung nicht verschliessen.
  • Cui bono? Wer profitiert vom Einsatz der KI? In erster Linie supranationale Tech-Konzerne. Die Frage nach dem Nutzen im Auge zu behalten, ist ebenfalls Gegenstand christlich-ethischer und kirchlicher Überlegungen. Kirche und Theologie sollten mitreden, wenn es um die Ausgestaltung von Technologien geht; insbesondere solcher, die unmittelbar auf menschliches Leben und Zusammenleben einwirken und dieses verändern.
  • KI gehört zu den ressourcenintensiven Technologien, in Robotern sind u. a. seltene Erden verbaut. Mit ihrer Selbstverpflichtung auf einen bewahrenden Umgang mit der Schöpfung und die Beachtung von Prinzipien der Nachhaltigkeit verfügt Kirche über Regulative, die auch auf einen sinn- und massvollen Umgang mit Künstlicher Intelligenz und Robotik übertragbar sind.

Links:

Vierteiliger KI-Schwerpunkt des Podcasts TheoLounge im Sommer und Herbst 2023:

Blogbeiträge

Foto: Jonas Simmerlein © Raphael Ammann

1 Kommentar zu „KI = Kirchliche Intelligenz“

  1. *The medium is the message.*
    Kirchliche Intelligenz, so es denn so etwas überhaupt gibt, würde ungemein davon profitieren, wenn sie endlich begreifen würde, was endlich zu begreifen ist.

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