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Lesedauer: 3 Minuten

Corona-Elegie

Ich sass kürzlich auf einem gemütlichen Coiffeur-Stuhl und schaute mein Spiegelbild an. Ich war mir doppelt fremd, gut konserviert unter der Stoffmaske. Die Schere des Coiffeurs gab den Takt an. Sie arbeitete in der Nähe meiner Maske und ich befürchtete kurz, dass sie das Masken-Band durchschneiden könnte. Vulnerabel wie ein Kleinkind, kein Schutzschild, virenanfällig und nackt.

Wieso würde ich mich nackt fühlen, wenn ich keine Stoffmaske tragen würde? Ist die Maskierung das neue “Normal”?

Eigentlich sollte dieser Schutz gleichzeitig dem Coiffeur und den anwesenden Kunden gelten. Ich dachte aber mal wieder nur an mich. Toilettenpapier habe ich aber nie gehamstert. Auf dem Balkon geklatscht aber auch nicht.

Wenn mir jemand vor einem Jahr gesagt hätte: «Der Schweizer Staat wird dir im öffentlichen Raum eine Maske und ein Singverbot auferlegen», dann hätte ich laut herausgelacht. Jetzt wird mein Lachen von der Maske gedämpft. Die Realität hat mich eingeholt, ich hinke ihr sogar nach, als würde ich nicht ganz in meinem Körper verweilen. Ein aseptischer Körper, mehrmals täglich gewaschene Hände, desinfizierte Finger, geschützte Mundpartie und ungeküsste Wangen. Gesünder und kränker gleichzeitig.

Wenn möglich vermeide ich den ÖV. Aber es geht nicht immer. Die Passagiere im Tram sitzen ordentlich mit dem notwendigen Abstand zum Nachbar. Als würde uns diese Sitzordnung ein bisschen Sicherheit zurückgeben. Die Einplatzregel setzt sich hier ungewollt durch, mein Rucksack auf dem Nebensitz deponiert, meine Augen auf dem Smartphone. Trotzdem zucke ich leicht auf, wenn jemand hüstelt – im Winter notabene. Und ich unterdrücke den Husten, damit meine Tramfahrtauglichkeit nicht hinterfragt wird.

Soll ich auf dem Halteknopf drücken oder abwarten, bis es jemand für mich tut? Die Türen in den neuen Trams gehen automatisch auf. Was für ein Glück… Die Luft draussen ist frischer, die Maske ziehe ich sofort ab, selbst dann, wenn es auf der Tramhaltestelle eine Menschenansammlung gibt.

Schütze ich mich und Andere mit der Maske, nur weil es mir auferlegt wird? Wieso sollte die Luft da draussen reiner sein? Ich atme trotzdem tief ein.

Meine Füsse führen mich schrittweise zur tollen Aussicht der Polyterrasse bei der ETH Zürich. Wie nichtig meine Probleme hier sind. Frühmorgens ist die Stadt Zürich in Nebel eingepackt. Nicht aber heute. Die Sonne hat bereits die Nebeldecke durchbrochen, einzelne negative Gedanken lösen sich auf. Ich muss eigentlich auf sehr wenig verzichten. Dass ich seit einiger Zeit nicht mehr Fussball spielen und mich nicht mit mehr so oft mit Familienangehörigen und Freunde treffen kann, hat wahrscheinlich den grössten Einfluss auf Körper und Gemüt. Klagen auf hohem Niveau…

Und trotzdem: An die Masken werde ich mich nicht gewöhnen. Ich will es wahrscheinlich auch nicht. Das ist mein Versuch, ein Stück Normalität beizubehalten.

Die Masken sollen ein Fremdkörper bleiben, ein Sicherheits-Gadget für eine aussergewöhnliche Zeit.

Ich sass kürzlich auf einem gemütlichen Coiffeur-Stuhl und schaute dem maskierten Fremden im Spiegelbild zu. Das war nicht ich. Das war nur ein Abbild einer diffusen Angst, die ich hoffentlich bald ablegen kann.

 

Photo by Long Truong on Unsplash

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2 Kommentare zu „Corona-Elegie“

  1. Verena Thalmann

    Danke Luca!
    Du hast mir aus dem Herzen gesprochen – sagst das, was uns von der allgemeinen Meinung in dieser Krisenzeit theroretisch “untersagt” ist; was aber doch viele, noch denkende Menschen empfinden.
    Mögen wir nie dahin kommen, dass es normal sein wird, wenn wir das Gesicht nicht zeigen und nicht mehr singen! Gruss Verena

    1. Vielen Dank, Verena. Ich wusste, dass ich “heikles” Terrain betrete, umso mehr freue ich mich auf deine wohlwollende Rückmeldung. Ciao, Luca

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