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Politik

Am 28. November stimmt die Schweizer Stimmbevölkerung über das Covid-19-Gesetz ab. Eigentlich nur über die Anpassungen im Covid-19-Gesetz, die das Parlament am 19. März dieses Jahres beschlossen hatte und gegen die das Referendum ergriffen worden ist. Die Gegner des Gesetzes sehen grundlegende Freiheitsrechte verletzt. Die Gesellschaft werde gespalten. Den Föderalismus ausgehebelt.
«Revolutionäres Christentum. Ein Plädoyer» gehört zu den herausstechenden Publikationen in diesem Bücherherbst. Verfasser ist der Theologe und Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover (FIPH), Jürgen Manemann.
Stellt euch vor, das Vermögen der Schweiz wäre ein Kuchen, der auf 10 Kinder verteilt wird: Dann würde ein Kind mehr als sechs Stücke erhalten, vier Kinder könnten gut drei Stücke untereinander aufteilen und fünf Kinder würden sich weniger als ein halbes Stück teilen. Da wäre es doch nur verständlich, dass die 9 Kinder sich zusammentun und dem einen Kind erklären, dass diese Aufteilung nicht fair ist. Kein Kind – nicht einmal das Geburtstagskind selbst – käme an einer Party damit durch.  
Manchmal ist es noch interessanter zu beobachten, in welchem Zusammenhang eine Gesellschaft grundlegende Fragen diskutiert, als das, was zur Debatte steht. Die Fortpflanzungsmedizin ist solch ein Fall. Und der schwule Mann ihr Pappkamerad.
Sie schillert in vielen Farben, ist mal durchsichtig, mal ganz konkret: Freiheit. Aktuell wird der Begriff gern gebraucht – in Bezug auf unsere Körper und den Strategien im Umgang mit dem Coronavirus. Da frage ich mich: Was ist echte Freiheit und was scheint bloss so?
Es wäre ein schönes Zeichen gewesen. An Ungarn, das unter Victor Orbán vor einer Woche mehrere Gesetzesänderungen verabschiedet hat, die insgesamt Informationen zu Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit verbieten.
«Du verdammter Hurensauhund, du! Dreckspack! Mach, dass du wegkommst! Taliban-Terrorist! Verschwinde! Fahr ab!» Der Surprise-Verkäufer im Schatten des Eingangs einer Berner Bäckerei ist sichtlich verstört.
Jetzt wird mit Schallkanonen auf Flüchtlinge gezielt. Eine Nachricht neben anderen. Eine Information im Informationsstrom. Und gleichzeitig: Was für eine Ungeheuerlichkeit, was für eine Monstrosität.
Während in Deutschland alle Mentalitätsunterschiede reflexartig mit den Himmelsrichtungen Osten und Westen, in Italien mit Norden und Süden erklärt werden und es in Frankreich ohnehin nur Paris oder die Banlieue gibt, müssen wir Schweizer:innen etwas vielfältiger und kreativer sein, um unsere mentalen Grenzen zu ziehen.
Im römischen Reich wurden Gotteslästerer an den Galgen gebracht oder durch das Entzweischneiden ihrer Zunge an weiteren Sprechsünden gehindert. In unseren liberalen Gesellschaften erscheinen Blasphemieverbote dagegen als antiquiert. Verschiedene Staaten haben die betreffenden Gesetzesartikel gestrichen. Mich interessiert in diesem Beitrag die spezifisch christliche Dimension der Diskussion um Blasphemie, die Paradoxie der Schändung des Geschändeten.
Auch nach 2‘000 Jahren kann das Kreuz noch aufregen. Leidenschaftliche Befürworter der Religionsfreiheit und der Neutralität unseres liberalen Staates empören sich über die Restbestände dessen, was gerne als «christlich-abendländische Kultur» bezeichnet wird. Hüter:innen ebendieser Kultur beschwichtigen und wollen den Ball flach halten. Ein Kommentar zu dieser immer neu aufflammenden Debatte – und ihrer eigentümlichen Rollenverteilung.

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