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Lesedauer: 4 Minuten

Stadt, Land, Fluss?

Es gibt den Röstigraben, der die frankophone Westschweiz von der Deutschschweiz trennt. Es gibt die Innerschweiz und die Grenzregionen. Es gibt das Tessin, das teils nach Mailand blickt und teils in die Alpen. Und es gibt den Kanton Aargau. Im Moment gibt es vor allem einen Stadt-Land-Graben.

Stadt-Land-Graben

Ob in der nationalen Politik, wo bald über zwei Agrarinitiativen abgestimmt wird, oder in der kleinräumigen Kirchenpolitik der Reformierten Kirchen Bern, Jura und Solothurn: Der Stadt-Land-Graben dient nicht lediglich zur Einordnung gewisser Mentalitätsunterschiede, sondern wird regelrecht heraufbeschworen, um Identitäten zu bilden und zu wählen. Eine Kandidatin vertritt die Städter, einer die Landbevölkerung. Pestizide fürchten die naturfernen Stadtbewohner:innen, während die Landbevölkerung, die deren Lebensmittel produziert, gelassen damit umgeht.

Dadurch entsteht das Bild einer Gesellschaft, in der die hart arbeitende, bodenständige Landbevölkerung einer politisch korrekten, linken und von aller Realität enthobenen Stadtbevölkerung gegenübersteht, die sie in Abstimmungen und politischen Fragen beherrscht, wie einst die Lehnsherren ihre Pächter. Dort SUV, da Cargo-Velo mit Elektromotor (natürlich aus nachhaltigen Stromquellen geladen!). Dort ein offener Stammtisch, da Political Correctness. Dort Sachzwänge, da wirklichkeitsfremder Idealismus.

Städtisches Land

Das ist eigenartig in einem Land, das so städtisch geprägt ist, wie die Schweiz! Fast 75% der Menschen leben in einer städtischen Siedlung und ein Grossteil der Bevölkerung verteilt sich auf die Mittelland-Region, die nur etwa 30% Flächenanteil hat. Dreiviertel arbeiten im Tertiären Sektor. Sie erbringen Dienstleistungen aus dem Homeoffice oder einem Büro, unterrichten, forschen oder arbeiten in einer Praxis, einem Spital oder einer Kita, beraten Kund:innen oder helfen uns unser Geld anzulegen. Ein guter Fünftel ist im Sekundärsektor beschäftigt. Sie bauen unsere Wohnungen, verarbeiten Rohstoffe oder stellen unsere Wasser- und Energieversorgung sicher. Weniger als 4% sind im Primärsektor tätig.

Woher kommt dann diese Wahrnehmung – oder die Lust am Heraufbeschwören – dieses Stadt-Land-Grabens?

Ich glaube, dass es im Kern um eine konstruierte Identität geht. Unter politischen Umständen, innerhalb derer uns unsere Abhängigkeiten von globalen Märkten, den politischen Prozessen und Entscheidungen der Europäischen Union oder den Klimazielen von Paris bewusst werden, strahlt das Rütli heller und unabhängiger, unschuldiger und freier, als wir in Wirklichkeit je waren oder sein werden.

Amazon liefert seine Pakete auch in kleine Dörfer und auch auf dem Land wird nicht nur Räuber und Polizei, sondern ebenfalls Brawl Stars gespielt. Bergregionen leben vom Tourismus oder von staatlichen Hilfen in Form von Infrastruktur und Direktzahlungen.

Politisches Märchen

Grosse Errungenschaften der Schweiz gehen nicht auf unsere bodenständige Mentalität und unsere direkte Demokratie zurück, sondern auf die Helvetische Republik unter dem Einfluss Napoleons: Das moderne Recht, die Verfassung, die Kantone und der Anschluss an die Industrialisierung. Jüngst wurde das unmoralische und für unser Image äusserst schädigende Bankgeheimnis begraben. Wiederum nicht aus eigener Erkenntnis, sondern durch äusseren Druck. Die selbstbestimmte, integre und unabhängige Schweiz ist ein politisches Märchen. Es darf nicht Geschichte schreiben.

Der Graben verläuft nämlich nicht zwischen Stadt und Land, sondern zwischen Menschen, die voller Erwartungen und Neugierde in die Zukunft blicken und solchen, die sich davor fürchten. Man kann die Verträge mit der EU schlecht finden und sie ablehnen. Aber man kann nicht froh sein, dass die Verhandlungen scheitern. Man kann eine Kandidatin besser oder schlechter finden als den Konkurrenten, aber Stadt oder Land ist dabei kein Grund. Und man kann für oder gegen die Agrarinitiativen sein – ohne zwischen Landei und Stadtkind wählen zu müssen.

Das Gemeinsame

Ohnehin zeigt ein flüchtiger Blick in die Abstimmungsunterlagen vor allem eines: Weder in der Agrarpolitik noch in der Terrorismusbekämpfung werden wir unsere Herausforderungen selbst lösen können. Wir sind auf gute Nachbarschaft angewiesen. Auf europäischer Ebene sind unsere vermeintlichen Stadt-Land-Konflikte aber erst Recht hinfällig. Und global stehen grössere Themen auf der Traktandenliste: Wie können wir Binnenmärkte schützen und freien Handel fördern? Wie geht Wohlstandsverteilung und Verantwortungsübernahme angesichts ökologischer Krisen? Und wie können wir mit migrationspolitischen Herausforderungen umgehen? Und vor allem: Ist der sich ausbreitende Nationalismus in den westlichen Ländern eine Geburtswehe oder das Resultat einer offenen Gesellschaft, deren kulturelle Öffnung nicht mit der ökonomischen Freiheit Schritt halten konnte?

Wie wir diese Fragen praktisch beantworten, wird darüber entscheiden wer wir sein werden. Egal, ob wir in der Stadt oder auf dem Land leben. Alles bleibt im Fluss.

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1 Kommentar zu „Stadt, Land, Fluss?“

  1. Jakob Christoph

    Landwirtschaft sind nicht die Landwirt und die Bauern auf dem Lande.
    Landwirtschaft sind wir alle, mit dem was wir essen und in welchen Mengen bestimmen wir welche Landwirtschaft und damit welche Landschaft damit geschaffen wird.
    Dieser Umstand ist der Ländlichen Bevölkerung eher besser bewusst als der städtischen.

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