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Lesedauer: 5 Minuten

«Normal» ist überbewertet

Willkommen in der Normalisierungsphase!

Ein sichtlich optimistischer Gesundheitsminister ist letzte Woche mit dem Evangelium wiedererlangter Freiheiten an die Öffentlichkeit getreten. Ein ganzes Paket an Lockerungen der Corona-Massnahmen wurde vom Bundesrat beschlossen. Dank voranschreitender Durchimpfung der Bevölkerung scheint das Ende der Pandemie und der Anfang einer neuen Normalität in Griffnähe. Sofern sie die Krise finanziell überlebt haben, beginnen Beizer und Hotelbesitzerinnen ihre Lokale wieder einzurichten und die Kühlschränke aufzufüllen, Privatleute denken über erste Familienfeste oder After-Corona-Parties nach oder freuen sich, bald einmal wieder an einem richtigen Strand Ferien machen zu können.

Uns steht die von den Gesundheitsstrategen sogenannte «Normalisierungsphase» bevor.

Ein Zitat, das zurzeit auf den Sozialen Medien die Runde macht, ermahnt uns allerdings, unsere Hoffnungen nicht allzu hochgehen zu lassen:

«Die WHO weist darauf hin, dass die Rückkehr zur Normalität nur für diejenigen möglich ist, die vorher schon normal waren. Es handelt sich hier um eine Pandemie und nicht um ein Wunder!»

heißt es da.

Was heisst hier eigentlich «normal»?

Was natürlich die Frage provoziert: Wer oder was ist denn eigentlich normal? Verändert sich nicht das, was wir für «normal» halten, gerade im Zuge einer Krise oft ganz überraschend? Das Buch mit Texten von RefLab-Mitarbeitenden, welches im Herbst erscheint, trägt nicht umsonst den Untertitel: «Blogbeiträge aus dem Jahr, in dem wir normal neu definierten».

Und tatsächlich könnte uns die Pandemiekrise doch anstoßen, uns ernsthaft zu fragen:

Ist es eigentlich noch normal, was ich alles normal finde?

Ja, sie könnte uns veranlassen, uns dem Prozess der «Renormalisierung» an bestimmten Punkten gezielt entgegenzustellen.

Wir könnten aus der Pandemie hervorgehen als Menschen, welche von ihr nicht nur über ein Jahr lang in Beschlag genommen, sondern auch verändert wurden. Wir könnten dieser Coronakrise entsteigen als Zeitgenoss:innen, die bisherige Selbstverständlichkeiten hinterfragen und sich mit dem Motto anfreunden: «Abnormal hat auch seinen Reiz».

Abnormal grosszügig

Zum Beispiel könnten wir abnormal großzügig werden.

Auch hierzulande hat die Krise zweifelsfrei Gewinner und Verlierer hervorgebracht. Und wie so oft gehören diejenigen zu den Gewinnern, denen es vorher schon prächtig ging. Dazu zählen in der Schweiz (wie auch in Deutschland oder Österreich) aber ganz schön viele.

Schon im Blick auf Italien oder Spanien, mehr noch angesichts der Situation in Indien oder in den USA haben wir derart viel Grund zur Dankbarkeit für unser Gesundheitssystem und staatliche Unterstützungen, sicher auch für hohe Anstellungsraten und einen immer noch bemerkenswerten Wohlstand. Der schonungslose Blick auf Menschen im eigenen Land und über die Grenzen hinweg, welche unsere Privilegien nicht genießen, hat das Potenzial, uns großzügiger zu machen als wir es je waren.

Der Wegfall von Auslandferien, die gesparten Auslagen aufgrund geschlossener Restaurants und die massiv eingeschränkten Möglichkeiten, an Wochenenden auszugehen, haben dazu geführt, dass der durchschnittliche Schweizer Haushalt in den letzten 12-14 Monaten mehrere Tausend Franken mehr zurücklegen konnte als in vorausgegangenen Jahren. Viele haben dieses Geld auf Zalando längst wieder verbraten oder für besonders dicke Ferien im nächsten Jahr gespart.

Völlig abwegig ist die Idee aber nicht, etwas von diesem Geld jenen zugute kommen zu lassen, die von der Krise viel existenzieller getroffen wurden und auch mit den Nachwirkungen noch lange zu kämpfen haben werden.

Abnormale Großzügigkeit – das wäre doch mal eine Schlagzeile wert!

Abnormal bescheiden

Oder aber wir könnten abnormal bescheiden werden.

Es war ja erstaunlich, in welcher Rekordzeit sich eine ganze Landesbevölkerung zu professionellen Chef-Virologen hat weiterbilden lassen. Jeder hatte zu allem etwas zu sagen und teilte seine Einschätzung der Lage mit der Öffentlichkeit. Man sieht sich an Zeiten einer Fußball-WM erinnert, in der es plötzlich Millionen von Schiedsrichtern gibt, die alles besser wissen und machen würden (wenn sie den Hintern denn aus dem Sofa bekämen).

Mehrere Corona-Infektionswellen später und nach einem kostenreichen Prozess von Versuch und Irrtum, Prognosen und Strategieanpassungen, Auseinandersetzung mit Kritikern und Abgleich mit anderen Staaten wird man sagen können:

Wir wissen, wie verdammt wenig wir wissen.

Wie Politiker, Wissenschaftler, Gesellschaftsteilnehmer mitsamt aller Hobbyexperten auch nur Menschen sind, die versuchen, einigermaßen unbeschadet durch unbekanntes Gewässer zu navigieren, während ihre Instrumente ständig neu kalibrieren. «Wir fahren nach wie vor auf Sicht», haben die Regierungsverantwortliche immer wieder verlauten lassen. Und natürlich gilt das auch für ihre lautstarken Kritiker (und manchmal nicht einmal das).

Es sind nicht Besserwisserei und blinder Behauptungswille, die uns in Krisenzeiten wie auch im Alltag weiterbringen, sondern das Ernstnehmen des Gegenübers, die Fähigkeit, zuzuhören und verstehen zu wollen, weil man weiß: Ich habe die Weisheit selber nicht mit den Löffeln gefressen.

Bescheidenheit ist eine Zier, sagt das Sprichwort (und ganz sicher kommt man nicht weiter «ohne ihr», wie ein humorvoller Zusatz behauptet).

Abnormal still

Und natürlich könnten wir auch mal wieder abnormal still werden.

Wem haben sie sich nicht ins Gedächtnis eingebrannt – die Bilder der menschenleeren Zugwaggons während des ersten Lockdowns im letzten Frühling, oder die fast autofreien Straßen, als die Homeoffice-Regeln zu greifen begannen? Die Schließung von Bibliotheken, Kinos, Hallenbäder und Restaurants und das private Versammlungsverbot hat Menschen mehr Zeit zu Hause verbringen lassen, als ihnen lieb war. Und oft auch mehr Zeit mit sich selber. Angenehm ist das nicht immer.

Die Pandemie wird uns wohl noch jahrelang als unfreiwillige Entschleunigungsübung in Erinnerung bleiben – aber hoffentlich auch als Anstoß, die Kraft der Ruhe zu entdecken und in unser Leben zu integrieren.

Bevor wir darum in unserem eigenen Leben die Arbeits-, Freizeit- und Unterhaltungsmaschinerie wieder auf ein vorpandemisches Niveau hochfahren, könnten wir ein paarmal ruhig durchatmen und jene Situationen festhalten, in denen uns unerwartete und beglückende Momente der Stille gegönnt waren. Vielleicht hilft das sogar, uns dem schrillen Geschrei auf den Sozialen Medien immer wieder mutig zu entziehen.

In diesem Sinne wünsche ich allen eine durchdacht «abnormale Normalisierungsphase»!

 

Photo by Dan Parlante on Unsplash.

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