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Der Gesang Europas

Schon vor zwanzig Jahren wurde von der «Festung Europa» geredet, aber eher abstrakt. Es gab noch keine Bilder von Flüchtenden, die im spanischen Ceuta in hochhaushohen Maschendrahtzäunen hängen, und keine Berichte von einem schier endlosen Strom Ertrunkener, die das Meer auf Europas Strände spült.

Die «Festung Europa» hat heute nicht nur Zäune an ihren Grenzen hochgezogen, sondern die Mauern sind, wie der Kameruner Politikwissenschaftler Achille Mbembe sagt, «mobil geworden». Sie haben sich in den afrikanischen Kontinent hinein verschoben, wo Regime dafür Geld erhalten, dass sie Fluchtbereite im Vorfeld abfangen und in Lager stopfen.

Wer es dennoch an Europas geografische Grenzen schafft, erhält neuerdings einen ohrenbetäubenden Empfang: Sogenannte Schallkanonen – im Fachjargon Long Range Acoustic Device (LRAD) – werden auf Männer, Frauen, Kinder gerichtet. Das wurde kürzlich, fast nebenbei, in den Nachrichten gemeldet.

Mit Schallkanonen auf Flüchtlinge schiessen: Was sagt es über Europa aus, dass wir so etwas tun? Wogegen wehren wir uns? Was schützen wir? Sitzen wir auf einer Insel der Seligen oder der Unseligen?

Seelenfolter

Die Akustikwaffen, eine amerikanische Militärentwicklung aus dem zweiten Irakkrieg, befinden sich an den griechischen Grenzen auf gepanzerten Fahrzeugen und lassen sich offenbar auf hunderte Meter entfernte Ziele ausrichten. Den Distanzwaffen haftet etwas zutiefst Unheimliches an: Diejenigen, die schiessen und ihre Umgebung hören offenbar nichts, während an Zielpunkten laute Anweisungen oder Befehle ankommen.

Werden die Regler weiter nach oben geschoben, wird aus der autoritären Kommunikation ein schriller Lärm, der Beklemmung, Panik und Schockzustände erzeugt. Oder es werden sogar Halluzinationseffekte ausgelöst.

Als nicht-tödliche Waffen sind Schallkanonen dennoch nicht ungefährlich. Abgesehen von psychischen Folgen können bei länger anhaltender Beschallung mit hohem Druck leichte bis schwere Hörschäden verursacht werden.

Eingesetzt werden Schallkanonen, um unerwünschte Menschenansammlungen aufzulösen (G20-Gipfel in Pittsburgh), aber auch um polizeiliche oder behördliche Anweisungen zu erteilen, etwa wenn durch Überschwemmungen Verkehrswege und Leitungen unterbrochen sind. Auch gegen Piraten vor Somalia kam die Schallwaffe angeblich zum Einsatz.

Sirenen sind schon in der griechischen Mythologie auf unheimliche Weise erschreckend und für Schiffsreisende gefährlich. Im 12. Gesang seiner Odyssee behandelt Homer das Motiv. Der Sirenengesang erhebt sich in der Windstille; Odysseus’ Gefährten müssen rudern.

Der Berliner Medientheoretiker und Ästhetikprofessor Friedrich Kittler (1943-2011) brach im Frühjahr 2004 mit einem soundarchäologischen Team zu den mythischen Sireneninseln im heutigen Süditalien auf. Die Forscher:innen versuchten am Golf von Positano südliche von Neapel herauszufinden, ob es sich bei Homers Sirenen um eine auto-suggestive Klangwelt oder um ein Naturphänomen handelt, das sich als Tonspur bannen lässt.

Homer erwähnt ausdrücklich zwei Sirenen. Klingt hier vielleicht schon etwas an von späteren Versuchen, Stimmen apparativ zu erzeugen und zu verstärken, etwa in Form der von-Helmholtzschen Doppelsirene?

Die mythischen Sirenen

Eine Gegend, in der der Mythenstoff verortet wird, ist die Inselgruppe Li Galli. Zwei Felsen ragen dort markant aus dem Meer. Der englische Schriftsteller und Historiker Ernle Bradford war 1943 dort und meinte Sirenenstimmen zu vernehmen, «seelenlos».

Nach Friedrich Kittler stimmen die Sirenen einen Klang an, der Europa seit den Anfängen begleitet. Es ist ein fürchterlicher, seelenloser Gesang.

Im Unterschied zu mythischen Sirenen, die Schiffsreisende in ihre Nähe locken, um sie zu töten, erzwingen Long Range Acoustic Devices die Flucht. Verhängnisvoll sind beide.

Die LRAD-Technologie ist, indem sie auf den empfindlichen Hörsinn zielt, invasiv und als Waffe zutiefst verstörend. Im Vergleich zum Bildersehen ist das Stimmen oder Schall Hören ungleich eindringlicher. Hier verarbeitet nicht eine Retina Informationen und übersetzt sie in Hirnimpulse, sondern Sound dringt in uns unmittelbar und pulsierend ein.

Die LRAD-Technologie lässt sich immer zielgenauer auch auf einzelne Individuen ausrichten. Dann höre ich Stimmen, meine Umgebung aber nicht.

Profane Technologie nähert sich hier demjenigen an, was wir aus Religionen als Stimmen der Göttlichen oder des Gottes kennen. Aber durch Long Range Acoustic Devices wird kein «göttlicher Wahn» ausgelöst, sondern nackte Panik.

«Device» klingt verharmlosend. Als wäre es ein weiteres Technospielzeug. Dabei handelt es sich um technologischen Wahnsinn: Traumatisierende Foltermethoden werden auf unbewaffnete Menschen angewendet und Fluchtrouten in Testlabore der Militärindustrie verwandelt.

Aber man kann sich schützen. Wie schon in der Odyssee, wo sich der Held die Ohren mit Wachs zustopfte und an einen Schiffsmast gebunden dem Sirenensound standhielt, so wird auch die Wirkung moderner Sound-Laserwaffen durch getragenen Gehörschutz zunichtegemacht.

Photo by Aliaksei on Unsplash

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