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Lesedauer: 4 Minuten

«Mutti» bittet um Verzeihung

Ohne Wohlwollen oder wie ein Traum

Nicht überall löst die Entschuldigung, die in dieser Grundsätzlichkeit ein Novum ist in der 15-jährigen Ära Merkel, Begeisterung aus. Hansjörg Friedrich Müller schreibt in der NZZ, dass sich Merkel damit als «Getriebene der Ereignisse und der öffentlichen Meinung» zeige. Andere unterstellen ihr, dass es ein taktischer Schachzug gewesen sei sich für die juristisch nicht umsetzbare Osterruhe zu entschuldigen, um die wahren Probleme – Impfdebakel, Korruption – nicht auf die eigene Kappe nehmen zu müssen. Ein Twitter-User und Youtube-Journalist schreibt:

Andere anerkennen die menschliche Grösse dieser Kanzlerin, die sich nicht hinter Berater*innen, Ausschüssen und Gremien versteckt, sondern die Verantwortung auf sich nimmt. Ist das nicht der Traum all derer, die «mit gesundem Menschenverstand» schon lange bemerkt haben, dass «die da oben» sich nur noch um sich selbst drehen? Dass jetzt die mächtigste von allen ihre persönliche (!) Schuld eingesteht und sie alle um Verzeihung bittet, muss Balsam für die gequälten Seelen aller Stammtischpolitiker*innen sein. Aber nicht nur die, auch Merkels Berufskolleg*innen zollen ihr mehrheitlich Respekt.

Joseph de Maistre, ein politischer Philosoph und Parteigänger der Gegenaufklärung behauptete im 18. Jahrhundert, jedes Volk habe die Regierung, die es verdiene. Das ist gewiss nicht wahr. Aber vielleicht geben uns die Gesten und die Art und Weise der Regierenden wertvolle Hinweise, um die eigene Gegenwart und die Verfassung der politischen Öffentlichkeit und sich selbst besser zu verstehen.

Wer sind wir?

Wer sind «die Bürgerinnen und Bürger», dass Merkel zu ihnen sagt: «Dieser Fehler ist einzig und allein mein Fehler. Denn am Ende trage ich für alles die letzte Verantwortung. Qua Amt ist das so.»

Ist das denn wirklich so? Merkel behauptet, dass sie qua Amt für alles die letzte Verantwortung trage. Niemand ist für alles verantwortlich. Und gäbe es ein solches Amt, würde es lediglich die tatsächliche Regierungspraxis und ihre Entscheidungswege verschleiern. Eigentlich kann sich das jeder denken.

Der Clou in Merkels zivilreligiösem Gang nach Canossa besteht aber darin, eine Projektionsfolie für den Ärger und Frust über all das anzubieten, was nicht oder sehr schlecht funktioniert.

Anstelle einer Revision steht eine schuldbewusste Person. Sie lenkt ab vom Verfahren, das zu dieser Entscheidung geführt hat. In einem heroischen Akt nimmt sie eine Schuld auf sich, die sie nicht tragen kann. Indem sie sich aber selbst zum Sündenbock macht, nicht ausweicht, keine Ausrede sucht, sondern ihr Kreuz auf sich nimmt, transformiert sie die Ohnmacht angesichts der Schuldvorwürfe und Versagenszuschreibungen und gewinnt echte Autorität.

Ein vernünftiger Bürger, eine vernünftige Bürgerin möchte eigentlich wissen, weshalb es schiefgelaufen ist. Sie möchten glauben können, dass Fehler erkannt wurden und deshalb nicht mehr wiederholt werden. Aber da sind keine Gründe, keine eigentliche Rechenschaft, sondern schlicht eine Person, die um Verzeihung bittet.

Mutti-Staat

In den USA gibt es die abgedroschene Rede vom «Nanny-State». Gemeint ist damit ein Staat, der die Bürger*innen bemuttert, zwar für sie sorgt, ihre Freiheiten aber auch beschränkt. Ich glaube nicht, dass dieser rechtspopulistisch geprägte Begriff hilfreich ist. Aber er bietet eine gute Analogie: Vielleicht ist Deutschland ein Mutti-Staat.

Freilich, dieses Gefühl, dass nie jemand wirklich verantwortlich ist, keiner zur Rechenschaft gezogen wird, alles immer aus Sachzwängen besteht und ungeheuer Komplex ist, überfordert alle irgendwie. Und manche lässt diese politische Kultur der Verantwortungsdiffusion ohnmächtig zurück. Aber gerade dann brauchen wir keine Person – auch wenn wir es uns noch so sehr wünschen mögen –, die «für alles die letzte Verantwortung trägt», sondern transparente Entscheidungsprozesse, Mitbestimmungsmöglichkeiten, ja kurz und schlicht: Mehr meinungsbildende und den Meinungs- und Gesinnungspluralismus aufnehmende politische Kultur.

«Mutti» ist dagegen Opium für die empörten Volksseelen.

Dahinter steckt dasselbe Verlangen, dass die schweizerischen Kleinbürger*innen hat hoffen lassen, der Bundesrat Berset möge seinen Skiurlaub absagen. Wir brauchen Symbolisches, wenn die Welt zu unübersichtlich wird.

Verzeihung wäre ein gutes Wort

In der jetzigen Situation wäre Verzeihung ein wichtiges Wort gewesen. Es erinnert uns daran, dass wir nicht auf unserem Recht beharren müssen, sondern auf die Durchsetzung unserer Ansprüche verzichten können. Wer verzeiht, verzichtet.

Vielleicht hat sich die Kanzlerin – die auch Pfarrerstochter ist – genau daran erinnert. Dann wäre ihre Bitte um Verzeihung wirklich etwas Neues: Ohne andere Macht, als die des guten Beispiels, zeigt sie einen Weg, der zwar nicht unbedingt aus der Pandemie-Krise führt aber das Leben darin erträglicher macht. Merkel wäre dann kein Sündenbock, der uns vor dem Bösen erlöst. Sondern eine Prophetin, die weiss, dass es Erlösung nicht gibt und Versöhnung genügt.

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3 Kommentare zu „«Mutti» bittet um Verzeihung“

  1. Johann Hinrich Claussen

    Auch ich bin eher zurückhaltend in der Bewertung. Ich habe Respekt vor diesem Sprechakt und frage mich doch, ob nicht auch hier eine problematische Verschiebung vom Politischen ins Moralische vorliegt. So war es schon in der Frage der Ostergottesdienste: kein Verbot, sondern die Bitte, davon abzusehen. Das war nicht besser, sondern schlechter. Denn entweder eine Regierung hat eine klare Einschätzung und greift zu entsprechenden Maßnahmen, also Verboten, oder sie hat beides nicht, dann lässt sie die Bürger lieber in Ruhe. Mit der Bitte aber werden die Bürger moralisch bedrängt, zugleich wird ihnen die Verantwortung zugeschoben. Was dazu führt, dass Kirchengemeinderäte landauf, landab in endlosen Zoom-Beratungen hängen und das Problem zu lösen versuchen, vergeblich. Es gibt eben Arten, die Verantwortung verbal zu übernehmen, um sie real weiterzureichen.

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