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Lesedauer: 6 Minuten

Strategien gegen den Fatalismus

«Die Schweiz ‚verhäbt’», sagte Simonetta Sommaruga in ihrer 1. August-Ansprache vor einem Jahr. Das habe sich während der ersten Corona-Monate gezeigt: Alles habe weiter funktioniert, Müllabfuhr, Krankenhäuser, es habe grosse Solidarität gegeben, und der Handel mit dem Ausland sei nie abgerissen. «Wir sind ein Land, mitten in Europa», konstatierte die damalige Bundespräsidentin optimistisch.

Ein Jahr später

Wir spulen ein Jahr vor, zum 1. August 2021. Funktionieren tut alles immer noch. Doch die Solidarität hat in der zweiten und dritten Welle gelitten. Die Schweiz hat die Verhandlungen für ein Rahmenabkommen mit der EU gekündigt. Und das «eine» Land hat mehrere Abstimmungen hinter sich, die praktisch 50-50 ausgingen: Kampfflugzeuge, Konzernverantwortungsinitiative, Verhüllungsverbot, CO2-Gesetz.

Die Generationen X, Y und Z sowie die Babyboomer haben im vergangenen Jahr so viel gelernt und sich an neue Umstände angepasst wie noch nie.

Wir haben gelernt, dass Masken doch gegen Covid schützen, dafür Händewaschen weniger als vermutet. Dass Video Calls Live-Sitzungen ersetzen und Impfstoffe in Rekordzeit entwickelt werden können. Dass die Schweiz als Ferienland attraktiv ist, und: Dass nicht mal eine Pandemie unsere Wirtschaft an die Wand fahren kann.

Wir haben aber auch gelernt, dass das grosse Geld und Fluggesellschaften mehr wert sind als Solidarität, Care-Arbeit und ausreichend Psychotherapie-Angebote. Dass Freundschaften und Beziehungen zerbrechen können, wenn man Nachrichten über unterschiedliche Quellen konsumiert. Und dass grüne Parteien bei Parlamentswahlen zwar Rekordzuwachs erleben und Zehntausende fürs Klima auf die Strasse gehen können, schlussendlich aber doch diejenigen in der Mehrheit sind, die weiterhin so günstig wie möglich Auto fahren wollen.

«Die Schweiz ‚verhäbt’» halt – und das auch im Sinne von «zurückhalten».

En Schluck Wiisse, es Stück Zopf und eine Message für die Zukunft

Eine 1. August-Ansprache (oder in diesem Fall: ein 1. August-Blogartikel) ist keine 1. Mai-Rede. Sie soll den Zusammenhalt stärken, auf das Gute schauen. Dazu eine motivierende, aber ja nicht strenge Message für die Zukunft geben. Eine, die zum Grillsteak und zum Stück Zopf gäbig konsumiert werden kann.

Aber was soll die Message für die Zukunft denn noch sein, wenn sogar «Our house is on fire» bei der Hälfte der Bevölkerung wirkungslos verpufft?

Nationalismus ist mir fremd. Trotzdem habe ich in vergangenen Jahren den 1. August gefeiert, dankbar, in einem Land zu leben, in dem Sicherheit herrscht und eine gerechte Justiz, in dem Nahrungsmittel und Trinkwasser genügend vorhanden sowie Bildung und Wissenschaft hohe Güter sind. In dem man solidarisch ist mit Menschen auf der Welt, die es weniger gut haben.

Dieses Jahr fällt mir das schwer. Da ist das Glück, hier geboren zu sein, in einem behüteten Elternhaus, und die Privilegien, die mir aufgrund dieser Sozialisierung sowie aufgrund meiner hellen Hautfarbe zugefallen sind. Und gleichzeitig das schlechte Gewissen, dass unser Land so wenig dafür tut, dass wirklich alle Menschen national und global ein Leben in Sicherheit und Wohlstand führen können. Die Schweiz grenzt sich sogar aktiv ab und verstärkt intern die Überwachung.

Dafür dankbar zu sein, hier zu leben, wird immer schwieriger.

Und dann passiert – nichts

Ich bin weder Klimaaktivistin noch Politikerin, und ich bin froh, muss ich keine offizielle 1. August-Rede halten. Ich bin auch nicht Mutter, Fachfrau Gesundheit, oder gehöre einer Risikogruppe an. Ich bin Bloggerin und Theologiestudentin. Und in der Theologie habe ich gelernt: Wenn Menschen zu wissen glauben, wo Gott hockt – hierzulande etwa bei den Banken, Fluggesellschaften oder in der Rüstungsindustrie –, dann ist das meistens der Anfang vom Ende. Treten Flüsse über die Ufer, treffen Dürren ein, prangern Prophet:innen Ungerechtigkeit und Ausbeutung an, passiert: nichts.

Ich bin sonst nicht so fatalistisch, sondern eine optimistische, fröhliche Person. Was tue ich also mit dieser Erkenntnis? Drei Dinge.

3 Strategien gegen den Fatalismus

Erstens: Ich will den Glauben an das Gute im Menschen behalten. Knapp 50 %, die sich etwa gegen Kriegsmaterialexporte oder für das CO2-Gesetz ausgesprochen haben, sind immerhin knapp 50 %. Das ist keine kleine Minderheit, sondern ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung, der möglicherweise ein ähnliches Verständnis von Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit hat wie ich. Menschen, die diese Werte auch ihren Kindern, ihren Schüler*innen, ihrem Umfeld weitergeben.

Zweitens verlagere ich mein Engagement auf eine andere Ebene. Beispielsweise entstehen Zivilbewegungen, wenn auf staatlicher Ebene nichts unternommen wird. Im Klimabereich zum Beispiel POW (Protect Our Winters), die sich in der Outdoor-Community für Aufklärung und Klimaschutz einsetzen. Leider reicht das nicht, um Klimaziele zu erreichen, denn die grösste Last verursachen Unternehmen. Aber damit werden Menschen sensibilisiert und zumindest ein kleiner Effekt erreicht.

Und es gibt noch viel mehr Möglichkeiten, um meine Werte in die Tat umzusetzen. Ich kann Menschen entlasten, die Care-Arbeit leisten. Auch wenn dies keine strukturellen Probleme löst – im Gegenteil –, hilft es diesen spezifischen Personen. In täglichen Begegnungen sowie in meiner Arbeit kann ich Menschen motivieren, sich für ihre «Nächsten» (auch am anderen Ende der Welt) einzusetzen und nachhaltig zu leben.

Drittens: Ich will die Hoffnung nicht aufgeben.

Und bei diesem Punkt muss ich etwas ausholen.

Eine Warmherzigkeit, die sich durchzieht

Ich lese gerade die sogenannt «Kleinen Propheten» in der Bibel: Das sind zwölf relativ kleine Teile des Alten Testaments, die jeweils nach einem Mann benannt sind, der gegen gesellschaftliche und religiöse Missstände reklamierte. Ort und Zeit: Israel, erste Hälfte des ersten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung.

In diesen Texten wird beschrieben, wie Menschen aus Profitgier unterdrückt und ausgebeutet werden, wie Naturkatastrophen, Heuschreckenplagen und Angriffe kriegerischer Nachbarstaaten geschehen. Diese werden als Strafe und Zorn Gottes über das herrschende Unrecht gedeutet.

Heute sehen die wenigsten «apokalyptische» Ereignisse als Strafe Gottes. Vielmehr wissen wir, dass wir sie uns viel direkter selber zuzuschreiben haben. Dass etwa schon vor dem 1. August, nämlich am 29. Juli, der Earth Overshoot Day erreicht ist: Der Tag, an dem die Ressourcen aufgebraucht sind, welche die Erde in einem Jahr regenerieren kann. Dass der menschgemachte Klimawandel der Auslöser für viele Überschwemmungen und Dürren ist, und indirekt auch für Fluchtbewegungen und Kriege.

Die «Kleinen Propheten» sind verblüffend aktuell, obwohl ich sie mit über 2500 Jahren Abstand lese.

Was sich für mich markant durch die Texte zieht, ist die Treue und Liebe Gottes trotz allem, was geschieht. Immer wieder hat die Macht, welche die ganze Welt geschaffen hat und zusammenhält, Mitleid mit den Menschen und wendet das geschehene Übel.

Stärker als die Zerstörung

Ob dies auch in unseren Tagen geschehen wird? Rational ist es unmöglich. Auch in den damaligen Texten findet das Mitleid Gottes auf der Ebene der Deutung, der Interpretation des Geschehenen statt – genauso, wie alles Schlimme als von Gott her gedeutet wurde. (Woher sollte es sonst kommen, gemäss dem Weltbild der Prophet:innen?)

Dennoch gibt diese Vorstellung Hoffnung. Dass es nach der Katastrophe weitergeht und dass Gute niemals versiegen wird. Dass es eine Kraft gibt, die stärker ist als die Zerstörung.

Sie ist ein Ideal, das ich mir zum Vorbild nehmen will; der Charakter Gottes, der sich in uns abbilden soll. Und wo die Warmherzigkeit in uns selber verschüttet ist, bleibt sie bei Gott bestehen. Das heisst für mich, dass sie sich an unerwarteten Orten zeigt und sich immer wieder durchsetzt. Dass ich diese Kraftquelle anzapfen kann, wenn ich mich betend darauf einlasse und mein Tun nach Werten wie Nächstenliebe, Grosszügigkeit und Nachhaltigkeit richte.

An dieser Hoffnung halte ich mich fest.

Photo by Vlad Rudkov on Unsplash

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