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 Lesedauer: 7 Minuten

Barbie – Superfeministin?

Eine schöne Bescherung

Ich verbinde Barbie-Puppen mit einer kleinen Tragödie in einer befreundeten Familie: einer gemischten Ehe, er Deutscher, postkolonialer Denker und Deep-Ecology-Aktivist, sie aus der Dominikanischen Republik stammend, mit mehreren Kindern aus früheren Beziehungen.

Die beiden Jüngsten, PoC-Mädchen, zirka fünf und sieben Jahre alt, packen am Weihnachtsabend ihre Geschenke aus. Sie haben weitere Barbies bekommen. Yeah! Die Mama kennt die Herzenswünsche ihrer Töchter.

Der deutsche Stiefvater kennt sie auch. Ihn aber macht es gleichzeitig rasend und tieftraurig, dass seine Mädchen ihre Kraushaare und den Bronzeteint lieber heute als morgen gegen das Aussehen von stereotypical Barbies eintauschen würden.

In einem Anfall biblisch-patriarchaler Wut, den er später bereut, schert der Vater den blonden Plastikbarbies noch unter dem Weihnachtsbaum eine Glatze.

In der Terminologie des Barbie-Blockbusters erschafft der Vater «Weird Barbies»: komische, verrückte, entstellte Barbies. (Seit Kurzem findet sich die «Weird Barbie» im Sortiment des geschäftstüchtigen Mattel-Konzerns.)

Die Kinder heulten den ganzen Abend und auch noch am nächsten Tag. Auch die Mutter war am Boden zerstört. In Abwandlung des berühmten Spruchs der postkolonialistischen Theoretikerin Chakravorty Spivak («White men are saving brown women from brown men») könnte man hier sagen:

«White father is saving brown daughters from white barbies.»

Diese kleine Tragödie öffnet den Blick für eine Dimension des aktuellen Films «Barbie», die selten gesehen wird, ohne die aber der Film m.E. nicht verstanden werden kann.

Feministisches Manifest oder Persiflage?

Die einen haben einen feministischen Film gesehen, die anderen einen antifeministischen. Die «Barbie»-Regisseurin und Drehbuchschreiberin Greta Gerwig muss also etwas richtig gemacht haben.

Nach der amerikanischen Feministin Susan Faludi kann ein derart anspielungsreiches Drehbuch wie die Textgrundlage von «Barbie» überhaupt nur schreiben, wer mindestens dreissig Jahre feministische Theorie durchgenommen hat.

Aber um welche Art von Emanzipation geht es in dem Film, wenn überhaupt; und von wem? Kann Plastik-Barbie überhaupt eine überzeugende Emanzipationsdarstellerin sein?

Im Barbie-Wonderland laufen weisse und schwarze Barbies herum, blonde und kraushaarige, dünne und dicke, die Protagonistin aber ist weiss und blond, stereotypical Barbie.

Postfeminismus

In den zurückliegenden Jahrzehnten erlebten wir nicht den einen Feminismus, sondern unterschiedliche Spielarten und Wellen: first wave bis fourth wave feminism, wenn ich richtig gezählt habe, und schliesslich: fifth wave; wobei hier auch von «Postfeminismus» gesprochen wird.

Postfeminismus, weil aus dem Feminismus eine viel breitere Emanzipationsbewegung geworden ist und der Fokus auf «weibliche» Benachteiligung einseitig erscheint.

Der Feminismus-Begriff wurde spätestens zu eng, als schwarze Feministinnen die Bühne betraten und das Elitäre des weissen und westlichen Wohlstandsfeminismus entlarvten.

Die Kategorie des Femininseins ist in der Perspektive sogenannter «Intersektionalität», also der Überschneidung von Diskriminierungskategorien von class, race and gender, nur eine und nicht unbedingt die stärkste Komponente. (Eine zweite Bedeutung von Postfeminismus ist die kritische Auseinandersetzung des Feminismus mit dem antifeministischen Backlash.)

Auf der diskursiven Ebene sind wir also eigentlich längst im Postfeminismus angelangt.

Seit «Barbie» ins Kino kam, hat aber auf einmal und überraschend wieder der Old-School-Feminismus Konjunktur; allerdings verkleidet als glitzernder, pinkfarbener Barbie- und Pop-Feminismus, der sich gegen patriarchale Kens auf die Hinterbeine in High Heels stellt.

White Savior Barbie

Man kann versucht sein, und ich bin es, der Minderjährigen aus dem Barbie-Film auf ganzer Linie recht zu geben, Sasha. Das Kind wird den Eindruck nicht los, dass die emanzipatorische Bewegung durch Barbie «um Jahre» zurückgeworfen wird.

An einer Stelle schimpft das frühreife Mädchen, die hyperfeminine Barbie sei nichts anderes als ein ärgerliches Symbol des «sexualisierten Kapitalismus». Die pinke Puppe stehe für «Glorifizierung ausufernden Konsums», für «Faschismus» sogar und als «White Savior Barbie» für weisse westliche Arroganz.

«Stereotypical barbie is saving brown women from brown men», könnte die Kritik eines postkolonialen Postfeminismus an einem weissen weiblichen «Paternalismus» lauten.

Das ist aber nicht die Sicht von Sashas Mutter, Gloria. Sie ist Sekräterin bei Mattel und steckt in einer Lebenskrise. In dieser Phase (Regression) wendet sie sich erneut Normbarbie zu.

Vorzimmerdame statt girl boss

Die Tochter versucht ihre Mutter sowohl aufzuklären als auch emotional aufzufangen; ein Fall von «reversed mothering» oder «parentifiying the parent». Aber sie dringt nicht durch.

In den Augen von Sasha ist die Barbie-Manie ihrer Mutter nicht nur unbegreiflich, sondern dumm. Im Verlauf des Abenteuers aber bringt die Tochter etwas mehr Verständnis für die Nöte und Wunschträume ihrer Mutter und der Einwanderergeneration auf.

In einer Art umgekehrtem Voodoo übertragen sich Probleme der Frau auf ihre heiss geliebte Puppe. Die Vorzimmerdame der Mattel-Bosse beginnt hobbymässig Skizzen von Barbie mit Zellulitis zu zeichnen. Und: Die Normbarbie leidet im Barbie-Wunderland auf einmal, wie Gloria, unter Zellulitis und Weltschmerz.

Die ganze Geschichte, in die wir gleich am Anfang des Films eingetaucht sind, ist also nichts anderes als die Fantasie einer leiteinamerikanischen Mitarbeiterin des Barbiekonzerns?

Das Wunderland ist jetzt für Barbie nicht mehr so schön wie zuvor. Das Luxusgeschöpf  beschliesst, in die wirkliche Welt aufzubrechen und dort nach der Ursache der peinlichen Veränderungen zu suchen. Barbie hofft, wieder «normal» zu werden, d.h. perfekt – und findet Gloria und Sasha.

Für «normal» stehen in dem Film High Heels, für «real» Birkenstock-Sandalen.

Letztere sind Attribute des unsexy Feminismus, den bereits in den Neunzigern rebellische «Material Girls» mit Wonderbra, bauchnabelfrei, «tiefer gelegten Jeans» und Springertiefeln konterten.

Heute sind es die Töchter der «Girlies», die sich fürs Kino pink anziehen und Barbie als «feministische» Ikone sehen wollen. Bimbo Barbie sein und cool!

Offen zutage liegende blinde Flecken

In vielen Kommentaren zum «Barbie»-Film, die ich in den vergangenen Wochen gehört und gelesen habe, wurden die Latina-Mom und ihre Tochter merkwürdigerweise übersehen oder als Komparsen abgetan. Dabei hat die «Barbie»-Regisseurin Gloria und Sasha eigentlich unübersehbar als Handlungsträgerinnen neben der blonden Normbarbie und dem Norm-Ken installiert.

Aus einer ausgeprägt-patriarchalen Kultur kommend, die mit Weiblichkeitsklischees eher keine Probleme hat (inzwischen ist das wahrscheinlich auch ein Stereotyp), verbindet die Sekretärin Barbie mit einem anderen, chancenreicheren und erstrebenswerteren Frauenleben als ihrem eigenen.

Glorias allgemein gehaltene Klage über Probleme des Frauseins wird inzwischen als «powerful barbie monologue» gefeiert.

«It is literally impossible to be a woman. You are so beautiful, and so smart, and it kills me that you don’t think you’re good enough. Like, we have to always be extraordinary, but somehow we’re always doing it wrong…»

Neben der breit behandelten Genderproblematik verblassen andere Konflikte, etwa die Frage sozialer Durchlässigkeit. Die Präsidentin könnte in den Dress der Müllbarbie schlüpfen und umgekehrt. Puppen an- und umziehen macht Spass. Genau dies aber geschieht nicht. Die unterschiedlichen Barbies winken sich bloss aus der Ferne zu: «Hi Barbie!».

Hier würde wohl die Grenze eines vom Mattel-Konzern in Auftrag gegebenen Films überschritten. Die brisante soziale Frage, die sich gegenwärtig auch in den Streiks in Hollywood artikuliert, bleibt ausgeklammert.

Liest man den Film als Vorgang in Glorias Kopf, wäre es lediglich ein Traumbild, dass die Mattel-Bosse sie schliesslich bemerken und als Designerin realistischer Barbies wertschätzen. Allerdings sind die Fantasiewelt und die reale Welt gerade nicht scharf getrennt. Die Realität, so der Grundgedanke des Films, beeinflusst die Fantasie und die Fantasie zeitigt reale Auswirkungen.

Wenn man der Regisseurin einen Vorwurf machen möchte: Sie baut zwar eine Latina ein, verrät aber gleichzeitig so wenig von ihr, dass diese Figur und ihr Anteil an der Handlung neben Barbie verblassen.

Hätte sie aber eine PoC in den Mittelpunkt gestellt, hätten bestimmt wieder viele gestöhnt: «Bitte nicht schon wieder ein politisch korrekter Film zu einem identitätspolitischen Thema!»

Weiterer Lese- und Hörstoff zu Barbie: Janna Horstmanns Blogbeitrag «Was Barbie mit dem Reich Gottes zu tun hat» und die XXL-Ausgabe von Popcorn Culture.

Foto: Maryia Plashchynskaya auf pexels

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