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Sonja Ammann: Wieso ist das Alte Testament so voll mit Gewalt?

Gerade für Menschen, die heute mit Gewalt überzogen werden, können diese Texte eine wichtige Funktion haben. Die Opfer von Gewalt bekommen darin eine Stimme. Ihr Erfahrungen kommen zur Sprache und werden so gemeinschaftlich verarbeitet.

Gerade auch in der Begegnung mit Bibelwissenschaftler:innen, die aus ihrer Heimat selbst schwere Gewalterfahrungen kannten, gewann Sonja Amman den Anstoss, sich mit kriegerischer Gewalt im AT intensiver zu beschäftigen.

In einem ersten Gesprächsgang (ab Minute 13) entwickelt Sonja Ammann zusammen mit Andi und Thorsten einen knappen Überblick: Was sind die unterschiedlichen Formen von Gewalt im Alten Testament, in welchen Textgattungen wird Gewalt thematisiert, und wer spricht aus welcher Perspektive?

Im Hauptteil stellt Sonja Ammann (ab Minute 33) ihren Zugang vor, den sie vor allem ausgehend von den Ereignissen rund um die Eroberung Jerusalems (ab 597 v.Chr.), der Zerstörung des Tempels und der Deportation des jüdischen Volkes nach Babylon entwickelt. Die Gewalttexte des Alten Testaments helfen der Gemeinschaft, Kriegserfahrungen zu erinnern und durch Deutung zu verarbeiten. Wesentlich ist auch das Bewusstsein, dass Neuanfänge möglich sind und traumatische Erfahrungen nicht das Ende sein müssen. Wie läuft dieser Prozess, durch den eine Mastererzählung entsteht, eine kollektive Identität, welche die Zukunft einer Gemeinschaft prägt?

Schliesslich fragen die drei Podcaster, wie wir heute mit den Gewalttexten des Alten Testaments umgehen können (ab Minute 56). Denn sie bilden keine Dunkelfolie im Gegensatz zu unserer eigenen, friedlichen Zeit. Auch unsere Welt ist voller Gewalt. Können wir vom alttestamentlichen Umgang mit Gewalterfahrungen heute etwas lernen?

Wer Sonja Ammann ist und woran sie forscht.

Weiterführende Publikationen:

Sonja Ammann: Der zerbrochene Spiegel. Die babylonische Eroberung Jerusalems als kulturelles Trauma. Studies in Cultural Contexts of the Bible, Bd. 9. Leiden: Brill 2024. Open Access

Sonja Ammann; Helge Bezold; Stephen Germany; Julia Rhyder (Hg.): Collective Violence and Memory in the Ancient Mediterranean. Culture and History of the Ancient Near East, Bd. 135. Leiden: Brill 2023. Open Access

Sonja Ammann und Andere: Gewalt. Prospektiv. Theologisches und Religionswissenschaftliches aus Basel, Nr. 15, 2022.

3 Kommentare zu „Sonja Ammann: Wieso ist das Alte Testament so voll mit Gewalt?“

  1. Mit Gewinn zu lesen sind zur hier angesprochene Thematik Ergebnisse aus Studien von Christina Kumpmann. Da diese nur indirekt zugänglich sind, seien hier einige Auszüge daraus notiert. Christina Kumpmann bezieht sich u. a. auf Gerd Althoffs Studie über Päpste und Gewalt im Hochmittelalter. Schon die Tatsache, «dass und wie Psalm 79 von Papst Urban II. im Jahre 1095 für den Aufruf zum ersten Kreuzzug verwendet wurde», lässt nach dem Gewalt-Potential biblischer Quellen fragen. Wenn die Gottheit des AT als strafend, richtend und schlagend, dann aber Gott im NT als liebend, vergebend und barmherzig dargestellt wird, hält dann Erich Zenger dieses «‘ewige’ Klischee» als «‘antialttestamentliche’ bzw. ‘antijüdische Stereotype schlechthin». Kumpmann zieht als Fazit: «Es ist erstaunlich, wie hartnäckig sich manche Vorstellungen halten. Wie repräsentativ an den Psalmen aufgezeigt, ist das Klischee vom in erster Linie gewalttätigen Gottesbild im Alten Testament eben dies: ein Klischee. Es hält der quantitativen Auswertung nicht stand. Das gleiche gilt in Bezug auf die Gott zugeschriebenen Emotionen: Nicht Zorn, sondern liebende Zuwendung ist die prägende Haltung … Die konkrete Sprache der Psalmen steht dieser Abgabe von Verantwortung entgegen: wenn etwa bei der Gewalttätigkeit Gottes eben nicht Strukturen und Abstrakta, sondern Missetäter genannt werden. Sie stehen zwar für die wider-göttliche Lebensfeindlichkeit im umfassenden Sinne, bezeichnet werden aber die, die diese Lebensfeindlichkeit je und je real werden lassen.» Auch zeigten die Psalmen einen «Prozess der Auseinandersetzung mit Gott», der auf menschlicher Seite geprägt ist von «Unsicherheit und Zweifel». Der Beter stelle sich im Gebet und in der Kommunikation der Unverfügbarkeit Gottes – in der «Frage nach der Gewaltlegitimation mit der Bibel» lasse sich festhalten: «Diese Prägung macht – wenn man sie ernst nimmt bzw. nehmen will – die Psalmen völlig ideologieuntauglich».

    Christina Kumpmann: ‘Das ewige Klischee’ auf dem Prüfstand. Gott im Alten Testament, Gewalt und Extremismus in: Pastoralblatt für die Diözesen Aachen, Berlin, Hildesheim, Köln und Osnabrück 69 (2017) 99-104 und dieselbe Autorin: Schöpfen, Schlagen, Schützen: Eine semantische, thematische und theologische Untersuchung des Handelns Gottes in den Psalmen (BBB) 177), Göttingen 2016

    Gerd Althoff: Selig, die Verfolgung ausüben. Päpste und Gewalt im Hochmittelalter, Stuttgart 2013

    Erich Zenger: Ein Gott der Rache? Feindpsalmen verstehen, Freiburg i. Br. 1994

    Dr. theol. Stephan Schmid-Keiser, CH-6005 St. Niklausen LU

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  2. Um der Frage nach der Gewalt in der Bibel noch eins draufzusetzen, würde es mich freuen, wenn Ihr Prof. Michael Roth und sein Buch „Die Bibel als Gefahr für die Ethik. Ein systematisch-theologischer Klärungsversuch (Theologische Studien NF; 23), Zürich 2026, einladen würdet.

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    • Hast Du mitbekommen, dass wir das Buch von Roth in der letzten Podcastfolge „Wo uns die Bibel noch immer herausfordert“ zum Thema gemacht haben?

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