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Lesedauer: 5 Minuten

Zu zögerlich, zu unentschlossen, zu spät?

Kaum hat sich der Bundesrat am Montag zum «lock down» entschlossen, ging das mediale Geschrei los: zu zögerlich, zu unentschlossen, zu spät.

Was man alles schneller, anders, besser hätte machen sollen.

Es ist das gleiche Geschrei um Aufmerksamkeit – wie immer. Aber die Zeiten sind nicht «wie immer», sie sind anders.

Die Gelegenheit, um über Gewohnheiten in normalen Zeiten nachzudenken.

Angesichts der jetzigen Situation wird nämlich klar, wie destruktiv und unnötig es ist, alles, was eine*r sagt, öffentlich in der Luft zu zerreissen; auch in normalen Zeiten. Wirkliche Kritik versucht das Gesagte und Gemeinte zu verstehen und dann erst konstruktiv zu verändern oder zu verbessern.

Das beinhaltet in der Tat eine Art Vorschuss-Vertrauen: Ich höre hin, bevor ich urteile. Auch dann, wenn mir die Ansichten einer Person nicht passen. Wenn wir uns keinen «Kredit» mehr geben und nur noch im Modus des Verdachts laufen, zerstören wir unsere Gesellschaft.

Ich höre hin, bevor ich urteile. Auch dann, wenn mir die Ansichten einer Person nicht passen. Wenn wir uns keinen «Kredit» mehr geben und nur noch im Modus des Verdachts laufen, zerstören wir unsere Gesellschaft.

Dass wir eine gut funktionierende Gesellschaft brauchen, das lernen wir spätestens jetzt. Wenn wir uns jetzt nicht zuhören, wenn wir jetzt nicht für die anderen mitdenken und mithandeln und die anderen für uns, haben wir schlechte Karten, um die Krise zu meistern.

In der NZZ (17.3.20, Leitartikel) wurde darauf hingewiesen, dass man im Mittelalter Seuchen als göttliche Strafe für irdische Sünden begriff. «Man tat Busse, was natürlich nicht half.» Stimmt, gegen die Pest hat es nicht geholfen, gegen das Coronavirus würde es auch nicht helfen. Aber im Fall des Verdachts-Virus wären Reue und Busse tun angebracht und wertvoll. Man muss nicht in Sack und Asche gehen; Einsicht genügt.

Zu zögerlich, zu unentschlossen?

Ausserdem muss man sich bewusst machen, wie Beschlüsse und Mitteilungen des Bundesrats zustande kommen. Was so schlank und eher nüchtern mitgeteilt wird, hat einen langen Vorlauf: Unzählige Sitzungen mit Experten, deren Meinungen gehört und abgewogen werden müssen. Unzählige Sitzungen mit Interessenvertretern deren Anliegen aufgenommen und miteinander kompatibel gemacht werden müssen. Und dann die Frage, was wann beschlossen und wie kommuniziert wird, damit es in der Öffentlichkeit gehört und verstanden werden kann. Und zwar so, dass es Wirkung zeigt.

Das Arbeitsvolumen, das die vielgeschmähte Classe politique und Administration gerade leisten, ist immens. Wochenenden inbegriffen. Sie dafür in der Presse und in den Social Media kurz mal abzustrafen, zeugt von Ignoranz.

Zu langsam?

Von Anfang an gab es Ärzte, die ein rascheres und konsequenteres Vorgehen gefordert haben. Als erstes der chinesische Arzt aus Wuhan, der selbst an den Folgen des Corona-Virus vermutlich über Mehrfach-Ansteckung gestorben ist. Es gab aber auch Ärzte, die die Situation weniger drastisch eingeschätzt haben.

Wenn ich zurückdenke, wie es mir seit dem Ausbruch des Coronavirus gegangen ist, würde ich nicht von «zu langsam» sprechen. Sondern eher: Die Dimensionen eröffneten sich mir Schritt für Schritt. Und das, obwohl ich die Entwicklungen in der Presse intensiv verfolgt habe. In China und Asien war es noch weit weg. Ich habe die Informationen nicht mit uns in Verbindung gebracht.

Die persönliche Ebene

Als das Virus in Italien ankam, wurde eine neue Stufe der Aufmerksamkeit bei mir gezündet. Aber ich dachte noch an Personen und das persönliche Risiko, sich anzustecken. Zum Beispiel an einen Bekannten, von dem ich wusste, dass er nach Italien gereist war. Ich fragte nach, ob er wohlbehalten wieder zu Hause angekommen sei.

Zuerst wurde die Tür in den Eingangssaal stündlich desinfiziert; ein Nadelöhr, durch das alle mussten.

Im Hotel in den Winterferien beobachtete ich die Woche über, wie die Hygienemassnahmen hochgefahren wurden. Zuerst wurde die Tür in den Eingangssaal stündlich desinfiziert; ein Nadelöhr, durch das alle mussten. Zuerst dachte ich an den «Tod in Venedig», erst später habe ich diese Tür nur noch mit dem Ellenbogen geöffnet; alle anderen noch nicht. Dann gab es einen Desinfektions-Dispenser vor dem Restaurant, einen Tag später auf allen Etagen. Ich fing an, sie zu benutzen. Zum Abschied wurden schon keine Hände mehr geschüttelt. Aber als wir uns – zurück in Zürich – zur Abteilungsretraite trafen, haben wir uns spontan umarmt: So schön, den Stephan wieder zu sehen. Erst eine Woche später hatte ich es wirklich gelernt, keine Hände zu schütteln und Distanz zu halten. Oft hatte ich schlicht nicht daran gedacht, oder erst, als es schon passiert war.

Die gesellschaftliche Dimension kommt in den Blick

Dann wurde in den Nachrichten betont, dass es darum gehe, die Risikogruppen zu schützen und die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Vielleicht hatten sie es schon früher gesagt, aber es sickerte erst dann in mein Inneres. Sofort haben wir im privaten Umfeld beschlossen, dass nur noch die in die Läden dürfen, die nicht dazu gehören.

Bei der Arbeit tauchte die Frage auf, ob Veranstaltungen noch stattfinden werden dürfen. Zwei haben wir noch durchgeführt; mit Vorsichtsmassnahmen. Ich hatte kein schlechtes Gefühl dabei. Ein paar Tage später wussten wir alle: das liegt nicht mehr drin.

Als der «lock down» vom Bundesrat beschlossen wurde, hatten wir ihn schon erwartet und waren einverstanden.

Seit gestern bin ich im Homeoffice. So irreal sich die ungewohnte Situation anfühlt: ich habe sie begriffen. Zu langsam? Vielleicht. Aber meine Seele hat die Zeit gebraucht, um zu begreifen, was Sache ist. Noch nie in meinem ganzen Leben war ich mit einer solchen Situation konfrontiert. Ich musste erst lernen, sie wahrzunehmen und mich darauf einzustellen. Meine Seele hat schwer gearbeitet; die wilden Träume zeugen davon. Das nächste Mal wäre sie bestimmt schneller.

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