Less noise – more conversation.
Less noise – more conversation.
Lesedauer: 3 Minuten

Wonnemonat und Wonneproppen

Für den Maler Philipp Otto Runge waren Blumen Überbleibsel und zugleich Vorboten des Paradieses. Er malte und zeichnete Lilien, Rosen oder Amaryllis mit extremer Sorgfalt. Das Thema der beiden Hauptwerke, «Der kleine Morgen» (1808) und «Der grosse Morgen» (1809), ist ein rätsel- und frühlingshaftes Erwachen. Inspirationsquellen waren die Signaturenlehre der Renaissance und Schriften des Mystikers Jakob Böhme.

Ein neuer Tag

Der Tag bricht an. Die weiss-strahlende Lichtlilie steigt über der Weltkugel empor, Kinder der Mutter Erde nähern sich zwischen Disteln und Brennnesseln. Es sind Rosengenien oder Rosengeister. Zu Füssen von Aurora liegt auf einer Wiese ein neugeborenes Kind, ein Wonneproppen, wohl eine Christusfigur. Nachts versinkt die Lichtlilie zwischen Rosenblüten und die Mondgöttin Luna breitet ihren Mantel aus. Mohn, Fingerhut, Geißblatt, Kornblumen, Rosen, Sonnenblumen leuchten und funkeln in dünn lasierter Farbsymbolik wie Edelsteine.

In «Natur-Hieroglyphen», wie der Künstler seine Bilderrätsel nannte, wob Runge aus Licht, Blüten und Knäblein mysteriöse Muster und suchte nach einer Art Urschlüssel oder Formel der Schöpfung. Knäblein verkörpern Gefühle beim Anblick einer Blume, Blumen erscheinen als Spuren des Paradiesischen auf Erden.

Alles Lebendige hat in unserer Seele seinen Spiegel und unser Gemüth nimmt alles recht auf, wenn wir es mit Liebe ansehen. Dann erweitert sich der Raum in unserem Inneren und wir werden zuletzt selbst zu einer großen Blume.

Kann ich den fliehenden Mond nicht ebenso festhalten, wie eine fliehende Gestalt, die einen Gedanken bey mir erweckt?

Es ist doch die lebendige Natur allein, die so gewaltsam auf einen würkt, dass man vor Freudigkeit niedersinken möchte.

Entsteht nicht ein Kunstwerk nur in dem Moment, wann ich deutlich einen Zusammenhang mit dem Universum vernehme?

Aus den Sätzen des Künstlers klingen bis heute seine Begeisterung und Erregung. «Zum Rasendwerden» fand Johann Wolfgang von Goethe Runges Kupferstiche der Jahreszeiten, «schön und toll zugleich». «Wer so auf der Kippe steht, muss sterben oder verrückt werden; da ist keine Gnade.»

Schlüssel zur Schöpfung

Landschafts- und Naturbilder waren innerhalb protestantisch geprägter Romantikerkreise ein Refugium für die Bildkunst. Über den Umweg des Natürlichen kam auch das Künstliche zu seinem Recht. Runge schuf geheimnisvolle Vorlagen für paradiesische Empfindungen. Sein drei Jahre älterer Kollege Caspar David Friedrich ist der Maler stimmungsvoll überhöhter Landschaften.

Beide Künstler konzentrierten ihre Kraft auf die Natur. Sie versuchten ihrer „Landschafterey” (Runge) aber ein regelrecht theologisches Gewicht zu geben. Als Schöpfende waren sie sich dabei ihrer dem Weltenschöpfer analogen Rolle durchaus bewusst. Sie lieferten zeitlose Empfindungsvorlagen.

Immer, wenn ich Runges Bilder betrachte, muss ich an den liebevoll-hellsichtigen Blick des Künstlers auf Blumen denken, aber auch wenn es Frühling wird. Ich sehe dann nicht bloss Symbole, sondern Geschöpfe des Paradieses.

«Der kleine Morgen» von Philipp Otto Runge (1777-1810), Copyright: bpk/Hamburger Kunsthalle/Elke Walford

What do you think of this post?
  • OMG! (1)
  • Karma-Boost (6)
  • Deep (3)
  • Boring (0)
  • Fake-News (0)

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.