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Weniger Lametta

Ich habe überlegt, einige goldene Kugeln, Strohsterne und etwas Lametta aus dem Haus meiner Mutter an mich zu nehmen und damit ein kleines Weihnachtsbäumchen in meiner Wohnung zu schmücken. Ich hatte schon die Bitte auf der Zunge, die mit Kindheitserinnerungen und Wehmut vollgesogenen Dekorelemente mitnehmen zu dürfen. Ich habe die Bitte stumm zurückgezogen.

Mir war ehrlich gesagt nicht ganz geheuer, was man mit alten Weihnachtssachen alles an längst vergangenen Emotionen und Sentimentalitäten auffrischt. Die Sachen sind wohl in der Rumpelkammer besser aufgehoben. Ein passendes Bäumchen hatte ich ebenfalls schon im Auge. Praktischerweise sind Christbäume auf Märkten in der Schweiz mit hölzernen Stehvorrichtungen versehen. So braucht man sich nicht mit Christbaumständern abmühen.

Das Bäumchen hätte perfekt in eine Zimmerecke gepasst und dort gar nicht gestört. Ich habe es aber doch nicht gekauft und verzichte diesmal bewusst auf Weihnachtsschmuck.

Ich möchte mich in diesem Jahr mit ein paar Kerzen begnügen. Weihnachts-Askese nenne ich das. Es geht mir nicht darum, weniger zu feiern, sondern stiller und innerlicher.

Ein bescheidenes Fest scheint mir auch zu der aktuellen Situation und Stimmung zu passen, die ich nicht nur bei mir selbst wahrnehme. Rauschende Feste und schillernde Partys wird es zu Weihnachten auch im zweiten Corona-Blues-Jahr ohnedies nicht geben. Erst kürzlich sind wieder Pandemie-Massnahmen verschärft worden. Selbst Verabredungen mit Freundinnen und Freunden treffen wir wieder zögerlich.

Freilich könnte man auch genau umgekehrt sagen: Jetzt erst recht! Wenn schon Begegnungsmöglichkeiten und der Bewegungsradius limitiert sind, so möchte man wenigstens den Glanz und die Geborgenheit vertrauter Rituale, zu denen jahreszeittypischer Festschmuck in den eigenen vier Wänden gehören.

Ich möchte die Situation, die sich nicht ändern lässt, jedoch nutzen, um das Fest der Geburt Jesu auch für mich persönlich etwas zu lüften. Zu viel hat sich, wie mir scheint, an ambivalenten Gefühlen angesammelt oder jedenfalls an nicht nur positiven Emotionen. Statt eines engelshaft leichten und lichten Glanzes ist da mit der Zeit sogar eine gewisse Schwere oder Schwermütigkeit eingetreten, die so gar nicht zu dem «Lichterfest» zu passen scheint.

Verordnete Fröhlichkeit

Was mich schon länger stört, ist die verordnete Fröhlichkeit. Sie spricht sich nach meinem Empfinden in den zu oft gedankenlos strapazierten Formeln «Fröhliche Weihnachten!» oder «Frohes Fest!» aus. Klar, es ist gut gemeint, wie das «Bleib gesund!» der Pandemiezeit, aber weder Freude im Herzen noch Gesundheit horchen auf formelhafte Wünsche oder stereotype Entschlüsse. Oder sind derartige Imperative als eine Art magischer Zauber zu verstehen? Simsalabim?

Was ich bei mir selbst wahrnehme, ist immer wieder ein Überschuss an Erwartungen. Es ist schwer, sich dies abzugewöhnen. Dabei nimmt das Gefühl des Besonderen mit der Zeit ab, das einen als Kind schon Wochen vor dem Fest aufgeregt fragen liess: «Wie lange dauert es noch bis Weihnachten?» Und das sich der liebevollen Vorbereitungen der Eltern verdankte. Loriot hat Enttäuschung in die geflügelten Worte gefasst: «Früher war mehr Lametta!» Vielleicht wird sogar innere Leere fühlbar.

Wenn keine Kinder die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, weil kinderlose oder ältere Paare Weihnachten feiern, fehlen beim traditionellen Familienfest oft Stimmungsaufheller. Oder die Eltern sind inzwischen älter geworden und es klappt wieder nicht, gemeinsam zu feiern. Oder man hat eine Familienzusammenführung gar nicht erst versucht und deswegen ein schlechtes Gewissen. Oder schon das Bereden, wie man feiern und wenn man einladen könnte, führt zu Streit. Oder man ist zu Weihnachten, ohne sich dies ausgesucht zu haben, allein.

Inneres Leuchten

Mit Weihnachten ist es wie mit Venedig: Glückliche sind in Venedig zehnmal glücklicher und Unglückliche hundertmal unglücklicher. Auch Weihnachten ist ein solcher Amplifier, ein Gefühlsverstärker:

Bist du zu Weihnachten glücklich, so bist du es zehnfach, bist zu unglücklich, so bist du es hundertfach.

Aber, aber, gerade, wenn du bedrückt, traurig oder sogar hoffnungslos bist und einen low point erreicht hast – und das ist eine atemberaubende Volte der christlichen Botschaft und ein unheimlicher Trost – kann es gut werden. «Gott hat sich einen Ort mit Stroh und Scheisse ausgesucht, um in die Welt zu kommen. Er kommt auch zu dir. Ganz egal, wie es aussen und auch innen aussieht», sagt die evangelische Pfarrerin Birgit Mattausch eindringlich im diesjährigen Instagram-Weihnachtskalender des RefLab. Ein Spruch, der sich einprägt! Viele haben ihn als entlastenden Zuspruch empfunden, wie an den Kommentaren abzulesen ist.

Im nächsten Jahr leiste ich mir wahrscheinlich wieder einen Lichterbaum. Diesmal aber begnüge ich mich vielleicht sogar mit einer einzigen Kerze. Die aber soll auch in mir leuchten.

Wie feierst du in der Pandemiezeit Weihnachten und mit welchen Gefühlen und Erinnerungen verbindest du das Fest?

Photo by Valeria Boltneva from Pexels

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