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Lesedauer: 6 Minuten

Was kommt nach der Religion?

In der Schweiz leben immer mehr konfessionslose Menschen. Noch ein Drittel der schweizerischen Wohnbevölkerung über 15 Jahren sind katholisch, ca. jede*r Vierte ist reformiert und schon 28% gehören keiner Konfession an. Die restlichen 15% verteilen sich auf islamische, andere christliche, nichtchristliche und jüdische Glaubensgemeinschaften. Von zehn Menschen gehören vier nicht mehr zu christlichen Kirchen oder Gemeinschaften. Und die sechs, die dazugehören, divergieren in ihren politischen Ausrichtungen und Wertvorstellungen. Höchste Zeit zu fragen, was nach der Religion kommt!

Warum soll “etwas kommen”?

Aber ist nicht schon die Frage verdächtig? Wer nämlich fragt, was nach der Religion kommt, unterstellt gewissermassen, dass Religion einen Zweck erfüllt und deshalb, wenn sie wegfällt, durch etwas ersetzt werden muss. Genau das ist aber weder selbstverständlich, noch wahrscheinlich. Ziemlich sicher ist es nämlich so, dass längst anderes die Funktionen von Religion übernommen hat. Zwar nicht für alle, aber in den letzten Jahrzehnten für immer mehr Menschen.

Was hat Religion ersetzt?

Sollten wir also fragen, was Religion ersetzt hat? Das wäre auch etwas zu kurz gegriffen. Denn nur weil manches den Platz der Religion eingenommen hat, ist noch nicht ausgemacht, dass es sie auch zu ersetzen vermag. Ein “Jahresendfest” kann vielleicht die traditionelle “Schulweihnachtsfeier” ersetzen. Aber haben humanistische Werte, freiheitliche Ideale oder schlicht der Commonsense “christliche Werte” ersetzt? Oder stehen sie ‘nur’ an deren Stelle?

Schatz, ich habe die Religion geschrumpft…

Wir haben die Religion einerseits geschrumpft. Das hat uns gut getan. Z.B. haben wir ihren Einfluss auf politische Meinungsbildung geschmälert, sie von den staatlichen Bildungseinrichtungen getrennt und ihr die moralische Deutungshoheit entzogen. Ob Flüchtlinge auf welchem Weg in unser Land kommen dürfen und wer wann mit wem welchen Sex haben darf, sind keine Fragen, die uns Religionen beantworten. Sogar wenn Religionsvertreter*innen dazu sprechen, tun sie es nicht ‘religiös’, sondern auf gesellschaftsübergreifenden Konsens bedacht.

Andererseits haben wir sie zum Riesen gemacht: Sie ist für alle Kriege und Konflikte verantwortlich und es wird so getan, als ob der soziale Friede und die Integration von interreligiösem Dialog abhänge. Beides ist falsch. Religion ist nicht per se gefährlich, sondern zum Guten wie zum Schlechten ein taugliches Instrument. Und sie wird nicht dadurch wichtiger, dass viele Religiöse zusammen über Themen sprechen. Weil sich die meisten Religionszugehörigen ohnehin säkular orientieren.

Platz schaffen

Wo Religionen diesen sozialen Bedeutungsverlust nicht nur rückwärtsgewandt, bedauernd akzeptieren, sondern zuversichtlich annehmen, entsteht Raum für ihre eigentliche Funktion. Sie kann nämlich etwas, auf das wir nicht verzichten sollten: Sie vermag es, die Welt zu verdoppeln. In eine Welt, wie wir sie wahrnehmen und in eine Welt, die wir qua Phantasie und Hoffnung herbeisehnen. In ein Leben, wie es halt ist und in eine Biografie, die immer offen bleibt, wundersam werden kann, hoffen darf.

Der Staat braucht Religionen nicht als Wertlieferant. Er braucht sie gar nicht. Aber die Gesellschaft braucht Utopien und der Mensch braucht Ausdrucksformen für Vermisstes, Verlorenes, Erhofftes und seine Dankbarkeit, damit er Mensch unter Menschen bleiben kann.

Institution und Religion

Dass viele dazu keine Institution mehr brauchen, kann man als Verwahrlosung sehen oder als fortschreitende Freiheitsgeschichte. Und diese Frage theologisch zu deuten ist die Herausforderung unter der die Religionen beweisen müssen, ob sie auch in der nächsten Runde dabei sein können und wollen.

Es wird neue Formen der Vergemeinschaftung geben. Das hat es immer. Für jetzt ist wichtig, dass diese nicht in der binnenreligiösen Auseinandersetzung und Selbstbewirtschaftung religiöser Vertreter*innen, sondern zusammen mit – und vielleicht gerade angestossen von – denen, die sich institutionell nicht mehr binden mögen, entstehen. Die Institutionen werden sich tiefgreifend verändern. Nicht nur religiöse, überhaupt alle. Sie werden überleben, wo es ihnen gelingt, Bedürfnisse von Menschen zu befriedigen. Es führt kein Weg zurück. Aber das Beste kommt noch!

Was kommt?

Natürlich kennen wir die Zukunft nicht. Aber es ist auch nicht so, dass wir gar keine Ahnung haben. Wir können versuchen, uns die Zukunft der Religion anhand analoger Entwicklungen in anderen Gebieten vorzustellen. Dazu ein paar Überlegungen:

Mieten, nicht besitzen

Menschen lieben es, Dinge zu mieten und zu teilen. Das hat z.B. für die Film- und Musikindustrie alles geändert. Musikalben oder Filme werden nicht mehr gekauft, sondern gestreamt. Diejenigen unter den DVD-Verleihern, die das verstanden und umgesetzt haben, sind zu Mediengiganten geworden. DVD-Verleih-Services werden nicht mehr gebraucht. Die ganze dazu notwendige Technologie hat diese Entwicklung nicht erst ermöglicht, sondern ist dank des Kundenbedürfnisses entstanden: Schnelles Internet, TV-Boxen, gigantische Server – und ein einfaches Abosystem. Das gilt nicht nur für Medien, sondern auch für ganz analogen Wohnraum: Airbnb verdrängt nicht nur Mieter*innen aus schönen Quartieren, sondern dominiert den Hotelmarkt.

Ganz ähnlich ist die Evangelische Kirche entstanden: Zusammen mit der Medienrevolution Buchdruck, die sie selbst befeuerte, hat sie religiöse Autorität entzaubert und sie in ein gigantisches Bildungsprojekt transformiert: Glauben kann nur jede*r selbst. Aber um zu wissen (!), was man glaubt, braucht es Bildung – Alphabetisierung, Schulen, Kultur. Heute stehen institutionelle Religionen nicht an der Spitze dieser Entwicklung. Sie hinken mit den anderen hinterher. Für sie alle stellen sich zwei Herausforderungen: Wie können sie eine Community, die bedürfnisorientiert entscheidet und agil Bindungen eingeht und löst, aufbauen und pflegen? Wie können sie ihre Produkte einfach zugänglich machen und verwerten?

Die Customer Convenience von Netflix & Co. sind dabei ein Anspruch, hinter den die Menschen kaum zurückwollen.

Powerplay aus dezentraler und zentraler Struktur

Gewinner*innen gegenwärtiger Entwicklungen sind jene Institutionen, die Prozesse und Dienstleistungen zentral – und d.h. ressourcenschonend und kostenoptimiert – bereitstellen können und gleichzeitig über ein feingliedriges Distributionsnetz verfügen: Amazon, Zalando, Uber. Klar: Auch hier ist entscheidend, dass der/die Kund*in möglichst einfach ans Produkt kommt, es umtauschen oder zurückgeben kann. Zalando und Amazon nutzen dazu das Distributionsnetz bestehender Zulieferer. Uber ist nichts anderes als ein solches Netzwerk.

Das bietet für Religionsgemeinschaften und Kirchen ein interessantes Beispiel: Wo können sie sinnvoll zentralisieren und wo lohnt es sich, die Stärken des eigenen Filialnetzes auszuspielen?

Persönlichkeit als Institution

Marken leben nicht nur nur von den Produkten, für die sie stehen. Die Marken prägen unser Bild. Und Marken wiederum werden durch Storys und Persönlichkeiten geprägt: Apple – Steve Jobs. Coca Cola – für eine bunte und diskriminierungsfreie Schweiz. Läderach – Marsch fürs Leben.

Für Religionen bedeutet das: Sie werden als ihre Vertreter*innen wahrgenommen. Priester, die Kinder missbrauchen, sind nicht ein Problem der Kirche, sondern das Ende einer Kirche, die sich über Priester repräsentieren will. Dschihadisten sind nicht ein Problem des Islam. Sondern das Ende zeitgenössischer Repräsentation durch barttragende Imame. Und langweilige Protestant*innen …

Meine Prognose

Religionen wird es weiterhin geben. Solange sie Bedürfnisse von Menschen befriedigen. Aber: Sie werden mehr und bessere Gesichter zeigen, einfacher erreichbar sein und von sich wissen müssen, was ihr Zweck ist. Alles andere muss nicht ersetzt werden. Es wird nicht mehr gebraucht.

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1 Kommentar zu „Was kommt nach der Religion?“

  1. Karl Leutwyler

    Das Hauptbedürfnis aller Menschen ist seit eh und je, dass ihnen die Angst vor dem NICHTS nach dem Tod genommen wird. Dazu waren bisher die Religionen nützlich. Nun akzeptieren aber heute immer mehr Menschen, dass sie nur ein einmaliges, bescheidenes Fünkchen im Universum sind und am Ende spurlos verglühen. Sie bemühen sich aber trotzdem, ihre Zeit in einer Community nach humanistischen Grundsätzen oder den Lehren von Jesus zu nutzen. Dazu brauchen sie aber nicht unbedingt eine herkömmliche Kirche; auch in einem Wanderverein, einem Lesezirkel oder per RefLab können sie sich austauschen.

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