Less noise – more conversation.
Less noise – more conversation.
Lesedauer: 3 Minuten

Tiefgläubiger Christ

Im «Bund» vom 17. April 2021 ist ein Beitrag über den ehemaligen amerikanischen Vizepräsidenten Mike Pence erschienen, der – so der Titel – in den Startlöchern für die US-Präsidentschaftswahlen 2024 stehe. An einem kleinen Satz, den ich nicht zum ersten Mal lese, bin ich dieses Mal hängengeblieben: «Mike Pence ist ein tiefgläubiger Christ.» Die Wendung, jemand sei ein tiefgläubiger Christ, wird so selbstverständlich in den Medien in Verbindung mit evangelikaler Ausrichtung und konservativen politischen Positionen verwendet, dass es uns meistens gar nicht mehr auffällt. Heute ist es mir aufgefallen und diese Verknüpfung macht mich wütend!

Eine unzulässige Gleichsetzung

Jemanden als tiefgläubig zu bezeichnen, sollte ein Ausdruck des Respekts und der Wertschätzung sein. Respekt und Wertschätzung verweigere ich Mike Pence nicht, auch wenn ich die meisten seiner Positionen in politischen, gesellschaftlichen und in Glaubensfragen wohl nicht teilen kann.

Was ich aber nicht akzeptieren kann, ist die fast schon selbstverständliche Gleichsetzung von tiefgläubig mit einer evangelikalen Ausrichtung.

Als ob Glaube umso tiefer wäre, je mehr wir in Glaubensfragen den Verstand an der Garderobe abgeben. Als ob tiefer Glaube antiliberal sein müsste und mit einer reaktionären oder zumindest konservativen Weltanschauung verbunden.

Wir sollten diese Gleichsetzung von tiefgläubig, evangelikal, antiliberal, reaktionär nicht einfach akzeptieren. Sie schafft Bilder in den Köpfen der Menschen, die der Botschaft Jesu im Wege stehen. Sie sollte nicht unwidersprochen bleiben. Christ*innen wie Dorothee Sölle, Ernesto Cardenal, Martin Luther King und viele andere – sind sie nicht auch tiefgläubig? Oder die vielen, die sich als Christ*innen an ihrem Ort für Menschlichkeit, für Frieden und Gerechtigkeit, für die Bewahrung der Schöpfung einsetzen, aber keineswegs evangelikal sind.

Vertrauen auf Gott setzen

Tiefgläubig heisst zuerst einmal: sein Vertrauen auf Gott setzen. Und dann in diesem Vertrauen den Menschen zugewandt handeln, die Verletzlichen schützen, barmherzig sein, nicht um sich selber kreisen.

Tiefgläubig sind wohl weniger die Selbstsicheren, die auf alle Glaubensfragen eine Antwort haben, sondern diejenigen, die verletzlich sind und Zweifel zulassen.

Wer sich seines Glaubens allzu sicher ist, hat nicht unbedingt einen tiefen Glauben. Es könnte auch sein, dass sie*er eher einen ideologischen Glauben hat.

Wenn aber Glaubenstiefe bedeutet, sein Vertrauen ganz auf Gott zu setzen, dann reicht es nicht, ideologische Glaubensformen zu kritisieren. Dann müssen wir uns auch selbstkritisch fragen, ob wir unser Vertrauen tatsächlich auf Gott setzen, oder ob wir ihn doch eher als Versatzstück in unsere Ideologien einbauen – seien diese nun rechts oder links.

 

Photo by History in HD on Unsplash

What do you think of this post?
  • OMG! (5)
  • Karma-Boost (6)
  • Deep (38)
  • Boring (1)
  • Fake-News (2)

8 Kommentare zu „Tiefgläubiger Christ“

  1. Simon Pfeiffer

    Ich betrachte mich auch als tiefgläubig. So tief, dass manchmal die Worte ausgehen und neue Worte erfunden werden müssen.
    Das ist aber nicht ein Zustand, sondern ein Prozess, mal vorwärtsgewandt, mal eher rückwärts. Und immer wieder im Dialog.
    So wie Pence in den Medien dargestellt wird, überschneidet mein “tiefgläubig” mit seiner Version von christlichem Glauben zu etwa einem Prozent (1%). Mehr Gemeinsamkeiten finde ich oft mit diskussionsfreudigen Muslim*innen, liberalen Jud*en, kämpferischen Atheist*innen oder lebenslang Suchenden.
    Aber auch mit einem Prozent Übereinstimmung lassen sich spannende Gespräche führen.

  2. Thomas Grossenbacher

    Zu: tiefgläubiger Christ. Gut erkannt. Cave mediale Mainstreamdefinitionen.
    Wie wahr!

    Dazu passt, dass “gläubig” wie “fertig” klingt.
    Quasi Endstatus. Ziel erreicht
    Neunerprobe bestanden. Tiefe nach unten abgeriegelt. Tiefer geht nicht.
    Dabei zeigt sich doch in dem was wir als “Glauben” bezeichnen eine dauernde Bewegung, die wir noch besser mit “vertrauen” umschreiben können. Ja richtig, nicht mit Grossbuchstabe. Verbal und dynamisch. Als hin und her; zweifelnd und neu vertrauend, hoch und tief. Nie: fix und fertig.

  3. Hans Peter Niederhäuser

    Die Sache beginnt eben schon bei der Spezifikation “gläubig” – und das geht nicht aufs Konto der Medien. Wer von “gläubigen Christen” spricht – und das sind in meinem Umfeld hauptsächlich Menschen, die jedenfalls sich selbst dieses Prädikat zuschreiben und mich eher den “ungläubigen Christen” zurechnen (ohne mich natürlich verurteilen zu wollen…) – der hat offensichtlich das Bedürfnis, eine Trennlinie zu ziehen. Da bleibe ich halt lieber einfach ein “Christ” und gebe den Verstand nicht an der Garderobe ab…

  4. Aus meiner Sicht fehlt es bei diesem Beitrag leider an einer angemessenen Selbstreflexion. So will der Autor zwar Mike Pence Respekt und Wertschätzung nicht verweigern. Im selben Atemzug setzen er dann jedoch eine evangelikale Ausrichtung mit der Abgabe des Verstands an der Garderobe gleich.

    “Was ich aber nicht akzeptieren kann, ist die fast schon selbstverständliche Gleichsetzung von tiefgläubig mit einer evangelikalen Ausrichtung. Als ob Glaube umso tiefer wäre, je mehr wir in Glaubensfragen den Verstand an der Garderobe abgeben.”

    Ich finde es zutiefst beschämend, dass sich Exponenten in unserer Evanglischen Landeskirche in solch undifferenzierter Weise über den evangelikalen Zweig des Christentums äussern. Ganz besonders erstaunt auch der innere Widerspruch des Beitrags. Der Autor wehrt sich auf der einen Seite gegen Labels und verkürzte bzw. irreführende Gleichsetzungen des christlichen Glaubens mit Positionen innerhalb der christlichen Gesamtkirche. Auf der anderen Seite weist er Evangelikale sogleich als geschlossene Gruppe in die Ecke der Dummen und Unverständigen und positioniert sie mit der Zuschreibung weiterer Adjektive (antiliberal, wobei natürlich das gute alte Schimpfwort «reaktionär» auch nicht fehlen darf) endgültig als Feindesgestalt des denkenden Menschen.

    Ganz besonders despektierlich ist die Äusserung des Autors auch deshalb, weil ihm als Weiterbildungsleiter eine besondere Sorgfaltspflicht obliegt, unterschiedlichen theologischen Ausrichtungen respektsvoll zu begegnen. Es ist sein gutes Recht, auch in dieser Position (kontroverse) persönliche Meinungen nach aussen zu tragen. Die undifferenzierte Abwertung eines beachtlichen Teils der schweizerischen und weltweiten Kirche ist m.E. aber mit dieser Position schlichtweg unvereinbar.

    1. Lieber Fabio
      Deine scharfe Kritik könnte ich nachvollziehen, wenn ich tatsächlich die gesamte evangelikale Szene in die Ecke der Dummen, Unverständigen und Reaktionären gestellt hätte.
      Was ich kritisiere ist die mediale Konstruktion, die den Begriff “tiefgläubiger Christ” genau so definiert: evangelikal, antirational, konservativ oder reaktionär und unverständig. Ich wehre mich gegen diese mediale Konstruktion, die liberale oder progressive Ausprägungen des christlichen Glaubens in einen Gegensatz zu “tiefgläubig” bringt.
      Eine andere Frage ist, ob die Evangelikalen in diese Ecke gehören. Es liegt mir fern, alle Evangelikalen pauschal in diese Ecke zu stellen. Tatsächlich entspricht ein Teil der evangelikalen Szene genau dieser medialen Konstruktion. Und diesen Teil werde ich auch weiterhin mit deutlicher Kritik in der Sache begleiten, ohne ihnen den Anspruch auf einen tiefen Glauben abzusprechen. Aber das sind nicht pauschal “die Evangelikalen”. Ich kenne viele Evangelikale, die diesem Bild nicht entsprechen. In Bern sind wir in einem guten und fruchtbaren Gespräch mit den Gemeinschaften, die sich der pietistischen oder evangelikalen Tradition verpflichtet fühlen. Die Gespräche – auch um heisse Themen wie “Ehe für alle” – sind geprägt von einem hohen gegenseitigen Respekt und gehören für mich zu den Glückserlebnissen in meiner Arbeit.
      Ich lege Wert auf die Unterscheidung zwischen meiner Kritik an einer medialen Konstruktion und meiner persönlichen Haltung, die von einem sehr kritischen, aber respektvollen Dialog mit evangelikaler Frömmigkeit bestimmt ist.

    2. Richard C. Wolf

      Das ist genau die Art von Kommentar, die mich sprachlos macht. “Ich finde es zutiefst beschämend, dass sich Exponenten in unserer Evanglischen Landeskirche in solch undifferenzierter Weise über den evangelikalen Zweig des Christentums äussern.” Evangelikale oder sogenannte bibeltreue Christen machen genau das: ausgrenzen! Und wenn sie dafür kritisiert werden, ist das “zutiefst beschämend”. Da wird der Spieß einfach umgedreht. Das erinnert mich an die Geschichte aus den USA, als ein bibeltreuer Konditor sich geweigert hat, einem schwulen Ehepaar einen Hochzeitskuchen zu backen. Als er dafür kritisiert wurde, brach unter Evangelikalen ein Sturm der Entrüstung los. Wie kann man es wagen, ihn, den Bibeltreuen, zu kritisieren. Er lebt doch schließlich nur seinen Glauben. Das finde ich “zutiefst beschämend”. Und ich frage mich, wie man eine solche Diskriminierung mit Markus 12,28 in Einklang bringen kann. So sehr ich mich auch bemühe, Respekt kann ich für eine solche Haltung nicht aufbringen.

  5. (einfach) “gläubig” tönt für mich ein bisschen nach “da ist kein Platz für offene Fragen – da ist alles schon klar (wir haben schliesslich das Bekenntnis;-)”. Da bleibe ich doch lieber offen fragend.

  6. Jürgen Friedrich

    Vielleicht helfen Reime weiter ?

    Glaube und Wissen

    Es g l a u b t die ganze Wissenschaft
    weltweit mit Überzeugungskraft,
    dass ihr kompletter Wissensbrei
    – total gesichert – Wahrheit sei.

    Stattdessen w e i ß Theologie,
    dass die Wahrheit irgendwie
    abhängt von Dingen,
    die alleine Gott gelingen.

    Glaube + Wissen im Wechselspiel
    umkreisen beide dasselbe Ziel,
    was nämlich ‘das Wunder des Lebens’
    sinnvoll macht – statt vergebens.

    Philosophieren ist erlaubt,
    egal, was rauskommt, es wird geglaubt,
    so ist Glaube im Endeffekt
    das Einzige, was Leben bezweckt.

    So weit, so gut, doch dann ergibt sich,
    dass diese These, die so lieblich,
    nichts weiter ist als Schall und Rauch,
    wenn fehlt, was will geglaubt sein auch.

    Hier kommt ins Spiel substanziell
    der Schöpfergott von ISRAEL.
    Er füllt mit Leben diese These,
    denn ohne LEBEN – alles Käse….

    FREUDE heißt des Pudels Kern
    für alle Leute nah und fern.

    Sie ist des Lebens Hauptgewinn
    und gibt der Schöpfung ihren Sinn….

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.