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Lesedauer: 3 Minuten

Streak Praying

Der Griff zum Smartphone

Aber die Grundidee finde ich super. Und ich wende sie seit drei Wochen auf einen anderen Lebensbereich an: Das Gebet. Es ist nicht so, dass mir beten schwerfällt. Ich mache es gerne und ziemlich häufig. Aber ich bin ein Schönwetterbeter. Wenn ich Zeit habe, bete ich gerne. Aber ich nahm mir bisher nicht aktiv Zeit dafür. Ich hatte auch kein wirkliches Bedürfnis nach Gebetszeiten oder Ritualen. Mein Streak-Praying habe ich eingeführt, weil es mir gegen ein anderes Problem helfen sollte. Am Morgen, wenn ich aufstehe, geht mein erster Handgriff zum Smartphone. Ich checke zuerst Instagram, dann Twitter und schliesslich Facebook. Manchmal ist das schön. Sehr oft reisst es mich aber noch vor Kaffee und Zähneputzen aus dem herrlichen Prozess des stufenweisen Aufwachens.

Besonders am Morgen bin ich durchlässiger als sonst, nehme Dinge rascher auf und kann mich gut konzentrieren.

Ich bin dann weniger unruhig, noch nicht von den Aufgaben des Tages getrieben. Und genau diese Zeit am Tag ist mir zu Schade, für kontroverse Diskussionen, die andere Menschen, aufgewühlt und manchmal wütend, spät nachts geführt haben.

Wie durch eine Kläranlage

Deshalb habe ich beschlossen, den Tag jeweils betend zu beginnen. Ich muss dazu sagen, dass ich nicht etwas bestimmtes bete. Also ich bete nicht für Anliegen oder spreche mit Gott über meine Sorgen. Eigentlich spreche ich kaum mit Gott. Viel eher lasse ich meine Gedanken vorbeiziehen, sehe Gesichter von Menschen, mit denen ich gestern zu tun hatte oder denen ich heute begegnen werde.

Ohne das bewusst zu wollen, stelle ich mir vor, dass alle diese Gedanken, Menschen, Ideen und Bilder durch Gott hindurchziehen, wie Wasser, das durch eine Kläranlage aufbereitet wird.

Gott antwortet mir nicht und sie sagt mir auch keine Dinge. Aber nach diesen vielleicht sieben Minuten ist es, als ob mein Bauch und mein Brustkorb durchlüftet sind. Ich fühle mich der Welt und dem neuen Tag zugewandt und auf eine stille Art fröhlich. Wenn ich darüber nachdenke, glaube ich, dass mich dieses Morgengebet mehr mit meinen Mitmenschen verbindet als mein Social Media-Konsum zuvor.

Im Werkzustand

Streak-Runner behaupten, dass man nach etwa dreissig Tagen in diesen Sog gerate, in dem das tägliche Laufen selbstverständlich werde. An mein Morgengebet habe ich mich schneller gewöhnt. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass es so natürlich, so naheliegend ist. Nie musste ich mich dazu überwinden und an keinem Morgen hätte ich darauf verzichten wollen. Müsste ich Worte formulieren, dann wäre mir das sicherlich hie und da zu anstrengend. Aber einfach nur zu sein, bevor ich etwas tun muss, scheint mir wie ein persönlicher Werkzustand zu sein. Als ob ich dafür gemacht worden bin.

Ein paar Mal habe ich in den letzten Wochen auch anstrengende oder mühsame Tage gehabt. Wie von selbst ist mir dann manchmal der Gedanke zugeflogen, dass ich auch einfach still werden kann, dass diese Ruhe immer da ist, dass ich sie besuchen kann. Und das fand ich jeweils sehr tröstend.

 

Foto von Jasmin Chew von Pexels

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