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Lesedauer: 4 Minuten

Sein Teddybär und ihre Sticker

Einen festen Platz beim Kopfkissen

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir ihm diesen Bären geschenkt hatten, als er ungefähr anderthalb Jahre alt war. Theo war so klein und der Bär so riesig. Und kuschelig-weich. Dieses frohe Lachen von ganz tief drinnen werde ich nie vergessen. Stofftiere kommen und gehen. Sie wandern in den Estrich, werden weitergegeben oder entsorgt. Aber der Teddy hatte immer einen festen Platz beim Kopfkissen. Er hat das Babybett überdauert, dann das Stockbett und auch im neuen Bett für grosse Erstklässler gehört er fest dazu.

Ich sagte nichts. Aber er muss meine Verlegenheit gespürt haben. «Ah, ich dachte du nimmst sicher den Baby-Yoda mit?», erklärte ich rasch. Der Baby-Yoda ist auch eine Plüschfigur. Aus der Serie «The Mandalorian». Und er ist etwa so gross, wie der Kopf des Teddybären. Höchstens. Er würde also in die Schultasche passen. Er könnte ihn vorbei an den 4.-Klässlern ins Klassenzimmer bringen. Und selbst wenn sie ihn zu sehen bekämen: Baby-Yoda ist cool.

Aber ich kam mir auch dumm vor. Was soll falsch daran sein, den Bären mitzunehmen? Und soll ich diese kindlich-naive Freude wirklich belasten mit meinen erwachsenen Befürchtungen über eine Schulhauskultur, die vielleicht eher auf meine Kindheit zurückgeht? Ich fühlte mich schlecht.

Aber warum?

Und es kam schlimmer als ich befürchtete. Normalerweise fällt Theo mittags wortwörtlich mit der Türe in unsere Wohnung, hat Hunger und erzählt ganz viel von der Schule, also vor allem vom Pausenplatz. Diesen Mittag nicht. Er war kleinlaut, abwesend und wollte alleine in seinem Zimmer sein. Später erfuhr ich, dass ein paar Viertklässler ihn ausgelacht und seinen Teddy «verprügelt» hatten. Es war offensichtlich: Das war kein kleiner Streit oder eine kleine Krise, die bis am Abend vergessen sein würde. Ihm war etwas passiert, das er nicht verstehen und nicht einordnen konnte. Immer wieder schluckte er und fragte:

«Aber warum schlagen sie den Teddy? Ich habe ihn doch so gerne…»

Am Mittwochabend beim zu Bett gehen konnten wir länger darüber sprechen. Ich war etwas hilflos und spürte meine Wut gegen diese Rüpel und noch deutlicher, dass gerade sie jetzt überhaupt nicht helfen wird. Ich hatte keine Antwort. Er hat nichts falsch gemacht. Was passiert ist, ist ungerecht. Daraus gibt es nichts zu lernen. Ja, im Gegenteil wurde mir klar: Ich will nicht, dass er daraus lernt und sich das nächste Mal fragt, ob seine Mitbringsel, seine Baseball-Cap oder seine Schuhe cool genug sind.

Erzählen…

Ich erinnerte mich an eine Kindergeschichte. Punchinello ist ein Wemmick. Die Wemmicks sind geschnitzte Holzfiguren. Den ganzen Tag kleben sie sich Sticker an: Sterne für die coolen Wemmicks. Punkte für die Loser. Punchinello ist von so vielen Punkten überklebt, dass er sich kaum aus dem Haus traut. Mittlerweile kleben ihm andere Wemmicks schon nur dafür Punkte an, dass er so viele Punkte hat. Es ist ein Teufelskreis! Zum Glück trifft er Lucia: Lucia hat weder Punkte noch Sterne. Und wenn ihr jemand einen aufkleben will, bleiben sie einfach nicht haften. In der Originalgeschichte des amerikanischen Pastors Max Lucado besteht Lucias Geheimnis darin, dass sie täglich bei Eli vorbeigeht. Eli ist der Schnitzer, der alle Figuren hergestellt hat. Er erinnert Lucia – und später auch Punchinello – daran, dass er sie perfekt und einmalig gemacht hat. Wemmicks, die das glauben, sind gegen Sticker immun.

… und interpretieren

Diese Geschichte habe ich ihm erzählt. Theos Quintessenz war etwas säkularer aber ziemlich clever. Heute morgen jedenfalls strahlte er wieder: «Ich nehme den Teddy heute wieder mit!» Ich, zwischen Rührung und Sorge schwankend, wollte wissen, was ihn dazu bringe. «Papa, ich habe es mir überlegt: Es ist voll oke, wenn ich meinen Teddy mag. Und das dürfen ruhig alle sehen. Eli mag ja seine Holzfiguren auch alle!» Gerührt verabschiedete ich ihn in die Schule und war mir sicher: Wer die Geschichte von Punchinello so verstehen kann, an dem klebt heute kein Punkt.

 

Photo by Oxana Lyashenko on Unsplash

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