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Lesedauer: 7 Minuten

Wie geht älter werden?

«Mittvierziger»

Es war ein Moment des Erwachens. Vor wenigen Wochen habe ich einen Zeitungsartikel zum Gegenlesen erhalten, der unsere Arbeit im RefLab zum Thema hat. Darin kam auch unser Podcastformat «Ausgeglaubt» zur Sprache, und der Autor hat mich und Stephan Jütte als «debatierfreudige Mittvierziger» vorgestellt.

Mittvierziger? Hallo???

Dass mein acht Jahre jüngerer Kollege unter dasselbe Altersverdikt gestellt wurde, hat mich zuerst natürlich mit hämischer Freude erfüllt. Trotzdem ist die Sache für mich eigentlich bitterer. Was bei Stephan Jütte einfach eine harmlose Fehleinschätzung ist, kommt der Wirklichkeit in meinem Fall ja gefährlich nahe.

Ich bin 44. Und so sehr ich mich innerlich auch noch dagegen wehre: «Mittvierziger» ist für mein Alter doch eine ziemlich zutreffende Kategorisierung.

Ich kann zetern und zaudern, dagegen ankämpfen, ich kann die angesagten Sneaker kaufen und auf Spotify die «Young and Free»-Playlist rauf und runter hören: Es führt nichts an der Einsicht vorbei: Ich werde älter.

Nicht mehr jung

So ganz neu ist diese Erkenntnis natürlich auch wieder nicht. Zwar konnte ich mich als Pastor einer ausgesprochen jugendlichen Freikirche noch erstaunlich lange über die Tatsache hinwegtäuschen, dass ich selbst nicht mehr zur «nachwachsenden Generation» gehöre.

Die Gemeinschaft und Zusammenarbeit mit jungen Menschen hält einen ja bekanntlich eine Weile frisch: Man kennt noch ein paar Bands, die zur Zeit der «heisse Scheiss» sind, man kriegt noch einige Trends auf TikTok mit. Vielleicht schafft man es sogar mal noch, genügend lange wach zu bleiben, um mit «den Jungen» in die Stadt tanzen zu gehen (was am nächsten Tag natürlich seinen gnadenlosen Tribut fordert…).

Aber wenn man dann beim Ausfüllen von Online-Formularen seinen eigenen Jahrgang sucht… und beim Scrollen beinahe wunde Finger kriegt, bis man bei «1976» angelangt ist: dann dämmert auch den Junggebliebenen, dass es Zeit ist, sich mit einem Dasein in der zweiten Lebenshälfte anzufreunden.

In einer kürzlichen Episode ihres Podcasts «Fest & Flauschig» haben Jan Böhmermann (40) und Olli Schulz (47) ebendiese Erkenntnis verarbeitet. Sie sprechen von einer überraschend kurzen Phase des Lebens, in der plötzlich der Schalter kippt: Man realisiert, dass es stimmt, was einen die Kinder sagen:

Man ist nicht mehr jung.

Nasenhaartrimmer

Diese erschütternde Diagnose wird üblicherweise von einer ganzen Menge Symptome belegt.

Der Nasenhaartrimmer, den man von der Partnerin zu Weihnachten geschenkt bekommt, signalisiert unmissverständlich, dass man in einem Alter angelangt ist, in dem die Haare nicht mehr dort wachsen, wo man sie gerne hätte, sondern dort, wo man nie damit rechnen würde.

Im Dönerladen um die Ecke, dessen Angestellte einen jugendlich-euphorischen Umgang mit den Kund*innen pflegen, wird man auf einmal nicht mehr geduzt und ge-high-fived, sondern respektvoll mit «Sie» angesprochen.

Und natürlich die Gesundheit. Oder besser: Die sich anmeldenden Beschwerden und Gebrechen. Seit einem Jahr habe ich zum ersten Mal in meinem Leben mit Knieschmerzen zu kämpfen. Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich mit Joggen angefangen habe, was wiederum daran liegt, dass ich mein Gewicht ohne Sport nicht mehr halten konnte.

Auf jeden Fall lege ich mich jetzt jede Woche (falls meine Physiotherapeutin mitliest: ich meine natürlich: zweimal täglich…) auf eine Schaumgummimatte, um mit einer Blackroll meine Beinmuskulatur zu massieren. Und ich fühle mich derweil, als ob die Anmeldung im Pflegeheim kurz bevorsteht.

Alternativen verabschieden

Um es kurz aber (schon angesichts meiner Knie) keineswegs schmerzlos zu sagen: Den Olympiasieger kann ich definitiv von der Liste meiner Ambitionen streichen. Zum Rockstar oder Astronauten werde ich es in diesem Leben gleichfalls kaum mehr schaffen.

Und natürlich sind auch viele realistischere biographische Optionen bereits der Weisheit zum Opfer gefallen, dass jede Lebensentscheidung auch die Verabschiedung von Alternativen impliziert. Die Wahl eines Studienfaches ist gleichbedeutend mit der Abwahl aller anderen Fächer. Das Jawort der einen Frau gegenüber schliesst, zumindest in traditionellen Lebensentwürfen, den Rest der Frauenwelt aus. Und der Entschluss zur Gründung einer Familie geht ohnehin – nebst vieler freudiger Erfahrungen – mit zahlreichen Sachzwängen und Freiheitseinbussen einher.

Vielleicht ist es das, was Menschen besonders Mühe macht, wenn sie sich der Schwelle zur zweiten Jahrhunderthälfte nähern: Die Einsicht, dass der weit ausgreifende Baum offener Möglichkeiten allmählich zu einem überschaubaren Zweiglein zurechtgestutzt wird. Dass die realistischen Optionen der Lebensentwicklung mehr und mehr schrumpfen – und dass sie sich eben darum langsam aber sicher mit dem anfreunden müssen, was aus ihnen geworden ist.

Versöhnung mit sich selber

Das ist wohl der schlagende Grund für das Phänomen, das man gemeinhin «Midlife-Crisis» nennt. Menschen wird unweigerlich bewusst, dass sie eben nicht mehr alles werden können. Dass die Zeiten der Selbstvertröstung auf die Zukunft vorbei sind:

«Ich bin ja erst im Studium, da draussen wartet noch die ganze Welt auf mich…»; «Das ist meine erste Stelle, ich könnte auch noch völlig andere Wege einschlagen…»; «Wir sind gerade in einer Beziehungskrise, aber mit der Familiengründung (oder auch: in einer neuen Partnerschaft) wird sich das alles legen…». Das zieht irgendwann nicht mehr.

Da fehlt dann das Geld, der Mut oder auch die Kraft, sich beruflich noch einmal ganz neu zu erfinden. Da sind die Kinder längst im Teenageralter und halten einem Erziehungsfehler und Widersprüchlichkeiten im eigenen Verhalten vor. Da blickt man auf eine zerbrochene Beziehung oder auf einen herben Karrieknick zurück.

Und vielleicht steht man vor dem Spiegel, und der Blick in die eigenen Augen ringt einem das Zugeständnis ab, dass man nicht der Ehemann oder die Mutter geworden ist, der oder die man einmal sein wollte. Dass man einmal mehr bewegen, einen grösseren Unterschied machen, mit seinen Gaben unverschämter wuchern wollte, als es jetzt der Fall zu sein scheint.

Ein geliebter Mensch

Sicher, manche Lebensverläufe machen es leichter, ein Ja zu den bereits verflossenen Jahren zu finden. Aber auch Menschen, die vom Leben privat und beruflich verwöhnt wurden, kommen nicht umhin, mit ihrem fortgeschrittenen Alter und den sich verändernden Rahmenbedingungen Frieden zu schliessen.

Oder sagen wir: Sie altern nicht gut ohne eine solche Versöhnung.

Auch in Biographien ohne nennenswerte Brüche kommt es ja vor, dass Männer oder Frauen mittleren Alters den unbändigen Druck verspüren, ihre Jugend noch einmal nachzuholen. Was zuweilen in hochnotpeinlichen Auftritten resultiert (und ich zähle hier auf meine Freunde, die mich hoffentlich (bitte!) warnen, wenn es bei mir einmal soweit kommen sollte…). Oder in Versuchen, sich komplett neu zu erfinden – nur um dann zu merken, dass man sich selbst mitnimmt, wohin man auch geht.

Ganz so einfach ist diese Versöhnung mit dem, was man geworden ist, aber nicht. Ich glaube nicht, dass ich sie auch nur ansatzweise hätte finden können, wenn mich nicht eine Wahrheit eingeholt hätte, die für mich im Zentrum des christlichen Glaubens steht. Der katholische Priester und Schriftsteller Henry Nouwen (1932–1996) hat sie in einem Buch auf die (titelgebende) Formel gebracht: «Du bist der geliebte Mensch».

Ja

Das ist für mich viel mehr und etwas anderes als eine fromme Floskel.

Es ist eine Gewissheit, mit allen Begabungen und mit aller Zerbrochenheit, mit allen Errungenschaften und allen verpassten Chancen, mit allen Fähigkeiten und Schrulligkeiten, mit allem was war und sich nicht mehr ändern lässt, ebenso wie mit allem was noch kommen mag… geliebt zu sein. Umfangen zu sein in einem Ja, das ich mir selbst nicht geben kann, das ich aber nachsprechen, in das ich einstimmen kann.

Es ist der Zuspruch Gottes, der über jedem Menschenleben steht.

Überall, wo ich dieses «Ja» entdecken oder erringen konnte, bin ich nicht nur glücklicher, sondern (nach Beobachtung von Freunden und Familie) auch erträglicher geworden.

Und das ist es auch, was ich mir für die Zukunft wünsche – auch wenn ich einmal (in viiiiielen Jahren) die Fünfzigergrenze überschreiten werde: Dass ich dieses Ja immer wieder finde. Dass die Nervosität, Dinge noch aufholen zu müssen, die Bitterkeit über Gelegenheiten, die ich nicht wahrgenommen habe, das bohrende Fragen «Was wäre wohl aus mir geworden, wenn…» immer wieder eingeholt wird von der Gelassenheit, zwar nicht alles richtig gemacht zu haben, aber doch genau so wie ich herausgekommen bin geliebt zu sein. Und zum Glück gibt es im Leben auch immer wieder Menschen, die diesem Geliebtsein ein Gesicht geben.

So lässt sich eigentlich ganz gut älter werden.

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1 Kommentar zu „Wie geht älter werden?“

  1. Das Kraut, dass ich mir habe wachsen lassen, um meinen 50er Blues zu überwinden:
    1. Schaue schon heute meinen Lebens Film mehrmals die Woche bewusst rückwärts. Dieses „Film-ab“ Erlebnis, dass man Menschen zu schreibt die im Sterbeprozess sind. Mache mir dazu eine epische Musik an, schaue über die Landschaft und lasse rertrospektiv bestimmte Episoden meines Lebens an mir vorbeiziehen, auf die ich gerade Lust habe. Das lässt stetig die Wertschätzung meines eigenen Lebens gegenüber in der Empfindung als auch Dankbarkeit wachsen. Dabei hilft mir, dass ich eh die größte Träumerin bin und retro episch und emotional genießen kann (mit der richtigen Musik 😉 )
    2. “der letze Tag meines Lebens”-Übung:ich stelle mir vor, dieser Sommer sei mein letzter (oder dieser Tag) nicht um depressive Gefühle zu stimilieren sondern ganz im Gegenteil: ich tue das spielerisch und erreiche damit, dass meine Lust( und mein Ehrgeiz) diesen Tag total zu geniessen punktuell erhöht und ich insgesamt bewusster (tiefer wahrnehme). Das hat mir aus meinem Altersblues ( Gemeinde weg- Kinder weg- christl. Lebensgemeinschaft weg- was nun? geholfen) bin nun 53 und diese 2 Gedankenspiele sind zur Gewohnheit geworden, weil Retrospektion hilft, Altes wertschätzend intergrierend abzuschließen um inneren Raum für die 2. Jahrhunderthälfte zu bekommen.

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