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Lesedauer: 7 Minuten

Wir machen einfach «Klick»

Die Presse ist da. Die neugierige Menge zückt Handykameras. Ein schwarzer Jesus wird zu elegischen Orchesterklängen ans Kreuz geschlagen. Das Rot der Umhänge römischer Soldaten kontrastiert mit dunklen Wolken, die sich über karstiger Landschaft türmen. Eine Stadtansicht rückt in die Totale und bildet die Kulisse von Schmerzensschreien, die die Dämmerung zerreissen. Und dann mischen sich auf einmal Kirchenglocken aus dem nahegelegenen Städtchen in die Kreuzigungsszene und erinnern daran: Hey, das Christentum existiert ja schon!

In unzähligen Gotteshäusern diverser christlicher Denominationen wird an Sonn- und Wochentagen der auferstandene Jesus beschworen, und doch wird Jesus gleichzeitig gequält, gemartert und getötet. Wie? Wo? Der für aufwühlende Inszenierungen bekannte Schweizer Theater- und Filmregisseur Milo Rau ist für sein jüngstes Filmwerk «Das neue Evangelium» an Orte gegangen, wo das Recht suspendiert und der Mensch «homo sacer» ist, nacktes ausgeliefertes Leben: in Flüchtlingslager.

Der Regisseur Milo Rau legt den Finger in die Wunden der Gegenwart, genau dorthin, wo sich heutige Passionsdramen abspielen.

Das italienische Jerusalem

Konkret spielt die deutsch-schweizerische Koproduktion in der süditalienischen Kleinstadt Matera. Der Schriftsteller Carlo Levi, der in faschistischer Zeit als Regimekritiker in die Gegend verbannt worden war, hatte von einem Meer aus Felsen und Städtchen gesprochen, die allesamt wie Jerusalem aussähen. Das liess Matera zur Bibelfilmstadt werden. Hier drehten Pier Paolo Pasolini 1964 sein Schwarzweißepos «Das 1. Evangelium – Matthäus» und Mel Gibson 2004 seine drastische «Passion Christi».

In der Nachkriegszeit galt Matera als Inbegriff von Rückständigkeit. Mitte der 1950er-Jahre verbot der italienische Staat das Wohnen in den malariaverseuchten Sassi. 2019 war die Stadt in der Basilikata am unteren Rand des italienischen Stiefels «Europäische Kulturhauptstadt» – und in diesem Rahmen entstand Milo Raus Idee für ein Evangelium des 21. Jahrhunderts.

Es sei von «großer Ironie», dass das ‹Jerusalem› des Weltkinos heute von Flüchtlingslagern umzingelt sei, sagt der Regisseur und Schöpfer von Werken wie «Europa-Trilogie» (2014-16) oder  «Das Kongo-Tribunal» (2017).

«Wo könnten die Widersprüche des modernen Europas sichtbarer sein als hier und was wäre sinnvoller, als in dieser so unglaublich schönen wie armen Region einen politischen Jesus-Film zu drehen, in dem biblische Erzählung und echte Revolte ineinanderfließen?»

Hommage an Pasolini

Für seine Docufiction castete Milo Rau Protagonisten seiner Vorläufer. Der im Vorjahr verstorbene Jesus-Darsteller aus dem Pasolini-Drama, Enrique Irazoqui, ist im «Neuen Evangelium» Johannes der Täufer und gibt zwischendurch jüngeren Kollegen Rollentipps. Die Maria aus dem Gibson-Film, Maia Morgenstern, ist als gealterte Mater Dolorosa fast noch eindrucksvoller. Solche liebevollen Hommagen an gealterte Leinwandstars kennt man sonst vor allem vom cinephilen amerikanischen Regisseur Quentin Tarantino.

In der Einbeziehung von Laiendarsteller*innen wie auch elegischen Close-ups, die Gesichter, Emotionen und Lebensspuren ins Blickfeld rücken, knüpft Milo Rau unmittelbar an Pasolini an. Das  Making-of inklusive Castings ist Teil des Films, der wesentlich getragen wird von der menschenfreundlichen Lässigkeit des charismatischen Hauptdarstellers Yvan Sagnet. Die Musikuntermalung kommt von Bach, Pergolesi, Wagner und dem italienischen Cantautore Vinicio Capossela, der den Tonfall der italienischen Klassenkampffolklore beimischt.

Blutige Pomodori

Yvan Sagnet ist 1985 in Kamerun geboren. Er ist Aktivist und selbst ein Geflüchteter. Er wird als «erster schwarzer Jesus der europäischen Filmgeschichte» beworben. Zu Beginn des Films steht Milo Rau mit ihm auf einem Plateau und die beiden blicken auf ein Meer aus Lichtern in der Dämmerung und geisterhafte Felsformationen. Dort, auf dem Murgia-Plateau, sei «Golgatha», erklärt Rau und zeigt mit dem Finger in die Nacht. Genau dort hätten Pasolini und Gibson die Kreuzigungsszene gefilmt und praktischerweise gäbe es noch die Löcher im Gestein. Man brauche nur ein Kreuz hineinstellen. «Wenn wir dort drehen, machen wir einfach ‹Klick› und es sitzt fest.»

Jesus Jünger leben in den Camps. Wir lernen Menschen kennen, die es durch die Sahara und über das Mittelmeer geschafft haben, um am Rande Europas in einer Falle zu landen: einem mafiös-ausbeuterischen System, das sich den Status der Illegalität der Geflüchteten zunutze macht, um diese wie Sklaven auszubeuten. In Orangenplantagen und vor allem für die Ernte der für die italienische Küche unverzichtbaren Pomodori.

Der Jesus-Darsteller Sagnet hat selbst auf Tomatenplantagen geschuftet und ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben. 2011 ist er eine treibende Kraft beim allerersten Streik von Feldarbeitern gewesen. 2017 ist er mit dem Verdienstorden der Italienischen Republik geehrt worden. Heute setzt er sich mit seiner Vereinigung «No Cap» für faire Produkte («ohne Mafia») ein und streitet für Menschenrechte. Allein in den Flüchtlings-Ghettos Italiens hausen schätzungsweise 500 000 Menschen.

Revolte der Würde

Zwischen dokumentarische Szenen mischen sich übergangslos Bibelepisoden, gespielt von schwarzen Laiendarsteller*innen: die Versuchung in der Wüste, die Steinigung der Ehebrecherin oder die Vertreibung der Händler aus dem «Tempel» – hier, im kapitalistischen System, ein Supermarkt. Verschüttete Tomatenmasse weckt Assoziationen an Blut.

Unter dem Banner «Rivolta della Dignità» formiert sich ein Protestzug der Geschundenen und Müden, bestehend aus Migrant*innen und italienischen Kleinbauern, die durch Grossproduktion ebenfalls unter die Räder kommen.

Auslöser ist die willkürlich erscheinende Räumung von Elendsbehausungen durch die italienische Polizei. Die Menschen werden buchstäblich auf die Strasse gejagt. Die Räumaktion wirkt wie absurdes Theater im Theater. Unklar bleibt, wo bei der «Revolte der Würde» die Realität aufhört und die Filmwunschfantasie beginnt.

Die kleine Demo verrennt sich zunächst auf Landstrassen, bis sie in einer Art Prozession in die «Europäische Kulturhauptstadt» ein- und der Kreuzigung ihres Anführers entgegenzieht. Das schwere Kreuz wird Jesus bei seinem Weg entlang der Via Dolorosa von Materas Bürgermeister persönlich eine Weile abgenommen. Der alte Sindaco hatte selber vorgeschlagen, lieber als den Pontius Pilatus den Simon von Cyrene zu spielen. Mit heiligem Ernst schleppt der Politiker die symbolschwere Last.

Systemischer Rassismus

Während Pasolini sein Bibelepos um die Figur des tief liebenden Gottessohnes herumgebaut hat, dessen pure Anwesenheit eine erfüllte Zeit Realität sein lässt und Gesellschaftsnormen aufhebt, und Mel Gibson das Folterdrama bis hin zum Splatter-Movie ausreizte, rückt Milo Rau das säkulare Motiv des politischen Kampfes ins Zentrum. Der Jesus des «Neuen Evangeliums» und seine Jüngerschar sind vollauf beschäftigt mit dem Kampf um Gerechtigkeit auf Erden. Sie suchen Erlösung nicht bei Jesus Christus, zumal viele von ihnen Muslime sind. Am Ende des Films sieht man sie beim islamischen Gebet.

Der Jesus-Darsteller Sagnet lässt keinen Zweifel daran, dass er sich für religiöse Bedeutungsdimensionen, gar nicht interessiert. Wohl sei er gläubig, worum es ihm aber gehe, reiche «über die Religion hinaus». Der Aktivist Yvan Sagnet spielt im «Neuen Evangelium» den Aktivisten Yvan Sagnet.

Der ästhetische Ansatz des rund 100 Minuten langen Filmwerks lässt sich gewiss kritisieren. Kunst, die Realität «castet» läuft immer Gefahr, das Elend zu ästhetisieren oder gar Elendspornografie zu betreiben.

Das Eindringen von Filmkameras in die Schattenwelt der rechtlosen «Wanderarbeiter» Europas erscheint brutaler als die finale Folterszene und die Kreuzigung des Filmjesus.

Aber wäre es besser, nicht auf diese Realität zu blicken?

«Diese Wirtschaft tötet»

Milo Rau fasst das Credo seines Jesusfilms mit dem berühmten Ausspruch von Papst Franziskus zusammen: «Diese Wirtschaft tötet». «Das neue Evangelium» ist das Drama der Menschen, die die Globalisierung als Strandgut angeschwemmt und der Kapitalismus als «Ausschussware» ausgeschieden hat.

Die Verfassung der Menschen in den Elendslagern lässt schmerzlich nachempfinden, wie vollständig den Rechtlosen jegliches Gefühl eines Daseinssinns, ja einer Existenzberechtigung entglitten ist. Und wie verzweifelt sie die Würde als das letzte, das ihnen geblieben ist, in einem rassistischen Umfeld zu verteidigen versuchen. Der Film bindet die Ausgestossenen, zumindest für die Dauer der Dreharbeiten, in einen Sinnhorizont ein. Als Zuschauer, der sich berühren lässt, bleibt man innerlich aufgewühlt und mit der (leninistischen) Frage zurück: Was tun?

Wer sich den Film «Das neue Evangelium» von Milo Rau in der Schweiz anschauen möchte, kann sich hier ein Ticket kaufen. Die deutsche Streaming-Plattform findet sich hier. Kinos werden am Erlös  beteiligt.

Foto: © Fruitmarket, Langfilm IIPM: Thomas Eirich-Schneider

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