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Russland verstehen?

Der Schriftsteller und Journalist Michail Schischkin wurde 1961 in Moskau geboren und lebt in der Schweiz. Zusammen mit Fritz Pleitgen, ehemaliger ARD-Korrespondent in Moskau, hat er 2019 ein Buch herausgegeben, das aus heutiger Sicht prophetisch wirkt: «Frieden oder Krieg. Russland und der Westen – eine Annäherung.»

Das Buch hat mich ratlos gemacht (insbesondere bei den Ausführungen des russischen Autors), nicht weil es nicht nach Lösungen suchen und die aktuelle politische Lage historisch und kulturell treffend analysieren würde, sondern vielmehr, weil es mir die Aussichtslosigkeit und das Dilemma dieses Ost-West-Konfliktes vor Augen geführt hat. Aber gehen wir der Reihe nach vor.

Sprachverständnis

Im Kapitel «Paradox der Lüge» zeigt Schischkin auf, dass Begriffe und Definitionen in Russland ganz eigene Wahrheiten erschaffen:

«Im russischen Weltall haben grosse Wörter eine andere Funktion. Sie dienen zur Tarnung. Was für einen Aussenseiter als Lüge erscheinen mag, trägt innerhalb des russischen Sprachgebrauchs zur allgemeinen Verständigung bei. Das ist kein Paradoxon, sondern die russische Wirklichkeit der Wörter.» (S. 40)

Parlament, Verfassung, Demokratie und Freiheit seien Begriffe, die bei der Überquerung der russischen Grenze ihren immanenten Sinn verlieren würden. Die Folge? Ein Riss in der Persönlichkeit der russischen Nation, ein gespaltenes Bewusstsein, denn die Leute würden oft etwas sagen, aber in Wirklichkeit etwas anderes tun oder denken.

So zum Beispiel als Schischkin von Tschernobyl erfahren hat. Er arbeitete damals in einer Schule und ein Physiklehrer informierte die Kollegen im Lehrerzimmer über die Katastrophe. Nicht die Regierung, sondern er forderte alle auf, die Kinder in die Häuser zu holen, damit sie nicht verstrahlt werden. Die offiziellen Kanäle schwiegen noch lange:

«Irgendwann berichteten sie über die Ereignisse, beschwichtigten aber gleichzeitig, es bestehe überhaupt keine Gefahr. Die Bevölkerung wusste bereits, was das bedeutete: Wenn sie sagten, es gäbe keine Gefahr, dann stand es wirklich nicht gut.» (S. 45)

Daher würde ein gravierendes Missverständnis unter den politischen Kreisen des Westens rühren, wenn es um Russland gehe. Man kann das Regime in Moskau, die politischen Analysen und Begründungen nicht nach westlichem Massstab erklären und verstehen, selbst dann wenn in diplomatischen Kreisen mit Ambiguität gearbeitet wird.

Man müsse die russischen Machthaber nicht nach ihren Worten beurteilen, sondern vielmehr nach ihren Taten.

Die historische Perspektive

Schischkin zeigt in seiner Rückschau auf, wie sich der Staat als Okkupationsmacht seit der Gründung verhält. Von den Wikingern und Fürst Oleg über die Mongolen und ihren Khan im russischen Ulus, weiter über die Zaren und Politiker der Neuzeit. Die Strategien ähnelten sich immer: Machtvertikalen werden aufgebaut, stürzen irgendwann ein, was Chaos erzeugt, das wiederum von neuen Machtverhältnissen unter Kontrolle gebracht wird und zwar auf der Grundlage von Repression und Schrecken:

«Das russische Imperium aber war kein Imperium der Russen. Die Russen waren das am meisten unterdrückte und ausgebeutete Volk im ganzen «sozialistischen Lager». Das Lebensniveau der Titelnation in der Sowjetunion war das niedrigste, die meisten Opfer und Entbehrungen forderte das System von den Russen. Wessen Imperium war denn das? Der russische Ulus existiert nicht für die Russen, sondern für die Macht. Die einzige Ideologie des Ulus bleibt der Machterhalt.» (S. 94)

Nicht eingehaltene Versprechen

Einschneidende politische Ereignisse erlebt das russische Volk stets ambivalent:

«Für einige bedeutete Perestroika vor allem Demokratisierung des Systems, für die anderen das Fehlen der für die Ordnung sorgenden Hand, bevorstehendes Chaos und Anarchie. Die eroberten Völker sahen wieder die Möglichkeit, ihr Gefängnis zu verlassen. An den Rändern des Reiches floss bereits Blut.» (S. 125 f.)

Nach dem Fall der Mauer führte die fortschreitende Demokratisierung zu einer prekären Versorgungslage. Es mangelte an Lebensmitteln und Medikamenten.

Für die ältere Generation, die am 2. Weltkrieg teilgenommen hatte, war der Zerfall der Sowjetunion ein Verrat. Für die jüngere, die auf eine freiere Zukunft hoffte, scheiterte die demokratische Revolution kläglich.

Die Privatisierung führte zu wenigen Profiteuren. Russland wurde zum Schlachtfeld, auf dem rivalisierende Businessbanden und Politiker heftige Verteilungskämpfe austrugen. Hyperinflation, zahnlose Reformen und eine marode Wirtschaft trugen zum weiteren Elend bei. Wer fliehen konnte, emigrierte ins Ausland.

«Die Erhebung von den Knien»

In Russland war die Unzufriedenheit gross. Und da kam Wladimir Putin ins Spiel:

«Der neue Zar versprach dem Volk, was es wünschte: Stabilität, Ordnung und die Grösse des Reiches. […] Die messianische Idee schrumpfte zur Behauptung, Russland sei das letzte Bollwerk moralischer Prinzipien, traditioneller, nationaler, kultureller, religiöser und selbst sexueller Werte, die im Westen verlorengingen. Für das eigene Volk reichte das vollkommen aus.» (S. 169 f.)

Die wichtigste und erste Reform der neuen Machtelite war die Schwächung und Enteignung der Oligarchen (beispielsweise Wladimir Gusinski oder Boris Beresowksi). Ihr Eigentum gehörte wieder dem «Volk».

Die neu aufgebaute «institutionelle Machtvertikale» sah zwar demokratisch aus, im Grunde genommen war sie aber eine in der Sowjetunion längst bekannte und strikte Befehlshierarchie, die an Machterhalt und -ausbau interessiert war.

Patriotische Narrative schürten neue Expansionsgelüste, wie zum Beispiel in der Ukraine. Schischkins Mutter stammte aus der Ukraine, sein Vater war Russe:

«In Russland und in der Ukraine gibt es Millionen solcher Mischehen. Manchmal denke ich: Es ist gut, dass sie beide bereits gestorben sind und diesen Krieg zwischen Russland und der Ukraine nicht mehr erleben. Wir sind Brudervölker. Wie sollte man unsere gemeinsame Schmach und unseren gemeinsamen Kummer trennen – unsere ungeheure Vergangenheit? […] Eine gemeinsame Geschichte bedeutet auch eine gemeinsame Kultur. Wie kann man sie trennen, bei lebendigem Leib aufschneiden? Wie kann man Gogol aufteilen? Ist er ein Klassiker der russischen oder der ukrainischen Literatur? Gogol gehört uns beiden, er ist unser gemeinsamer Stolz. Es ist eine verbrecherische Gemeinheit, unsere Völker aufeinanderzuhetzen.» (S. 183)

Nach der Erhebung von den Knien, fing die Oppression anderer Länder an. Der russische Journalist schreibt bereits im Jahr 2019:

«Der Konflikt im Donbass wird weiter angeheizt, man wird ihn mal etwas verglühen lassen, dann wieder anfachen und so weiter. Er wird zum unlösbaren Knoten wie im Gazastreifen. Nachgeben wird der Grosskahn nie. Das würde ihm als Zeichen der Schwäche ausgelegt, und Schwächlinge mögen die Russen nicht. […] Der Westen will den unberechenbaren russischen Partner nicht ärgern, der andere Länder angreift und mit neuen Massenvernichtungswaffen prahlt. Man will auf keinen Fall einen Krieg provozieren. Aber das ist ein Missverständnis. Der Moskauer Ulus ist bereits im Krieg gegen den Westen.» (S. 189)

Genau hier liegt eine Zäsur im Buch, die mich bitter, nachdenklich und traurig macht, als wäre bereits alles geschrieben und könne nicht mehr rückgängig gemacht werden. Die Sehnsucht nach Europa sei für die Ukrainer:innen gleichbedeutend mit einem menschenwürdigen Leben bei sich zu Hause, weg von der russischen Oppression. Das könne und werde man im Kreml nicht verzeihen und auch nicht akzeptieren. Genau deswegen würde der Westen im russischen Fernsehen mit dem Faschismus gleichgesetzt und Millionen von Russen würden aus diesem Grund glauben, dass die NATO die Ukraine für eine Schwächung Russlands instrumentalisiert. Eine Sackgasse für alle Beteiligten.

Eine neue Kriegsführung

Die Instrumente der Macht wurden in den letzten Jahren erweitert. Wo früher Wahlmanipulationen, heimliche Vergiftungen, Medienhetze und schmutzige Politstrategien genügen mussten, kam nun eine neue Form hybrider Kriegsführung hinzu. Die Propaganda fand neu mittels Fake-News in den sozialen Medien und über Fake-Accounts statt, digitale Cyberattacken hatten konkrete analoge Auswirkungen. Die Dialogfähigkeit wurde aufgrund dieser Kriegsführung sicher nicht verbessert, weder im Inland noch mit dem Ausland.

Wie kommen wir nun aus diesem Schlamassel raus? Nach Meinung von Schischkin kann die Demokratie nicht von Einzelgängern erkämpft werden, es müssen Menschenmassen auf die Strassen gehen und notwendige Voraussetzungen bestehen:

«Für eine demokratische Bürgergesellschaft in Russland fehlt das Wichtigste: die Bürger. Verantwortungsvolle Bürger erscheinen nicht über Nacht, sie müssen durch Initiativen von unten erzogen werden. Aber der Staat unterbindet eben diese Entfaltung einer bürgerlichen Initiative mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln.» (S. 353)

Aus diesem Grund stieg die Zahl der Auswanderer aus Russland enorm. Die offizielle Statistik ignoriert zudem die stille Emigration: Wissenschaftler:innen, Jurist:innen, Expert:innen und Unternehmer:innen, die das Land verlassen aber sich nicht offiziell abmelden. Im Grunde genommen genau die Menschen, die ein reformbedürftiges Land benötigt. So wie Michail Schischkin, der sein Land immer noch liebt:

«›Russische Patrioten‹ beschuldigen mich der Russophobie. Ich glaube, die Antwort sind meine Bücher. Meine Romane sind meine Liebeserklärung an mein monströses Vaterland.» (S. 328)

Man muss auf ein Wunder hoffen, auf eine Generation von Menschen, die bereit ist, für ihre Menschenwürde alles aufs Spiel zu setzen. So wie’s die Menschen in der Ukraine nun unfreiwillig tun.

 

Quellenangabe: Frieden oder Krieg. Russland und der Westen – eine Annäherung. Fritz Pleitgen und Michail Schischkin, 2019, 2. Auflage.

Die ref. Landeskirche Zürich hat eine Infoseite eingerichtet, auf der sie umfassend über Spende- und Unterstützungsmöglichkeiten im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg informiert. 

Photo by Nikita Karimov on Unsplash

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