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Lesedauer: 6 Minuten

Auf der Suche nach einer relevanten Sprache

Immer wieder begegnet mir ein Phänomen, das mich zunehmend irritiert und nachdenklich macht: ich lese theologische Texte und kann inhaltlich eigentlich allem zustimmen – und trotzdem bin ich befremdet, weil irgendetwas nicht stimmt. Ich meine jetzt nicht die (ebenfalls zahlreichen) Texte, die ihre intellektuelle Brillanz durch pure Unverständlichkeit untermauern wollen. Was ich meine sind Texte, die mit etwas Lesekompetenz verständlich sind und die durchaus nachvollziehbare Aussagen machen.

Als Beispiel nehme ich eine kurze Passage aus Matthias Freudenbergs Einführung in die reformierte Theologie. Er schreibt im Kapitel über die Kirche: „Die Kirche soll auch äusserlich als das erkannt werden, was sie ist: als Volk Gottes, als Gemeinde Jesu Christi, als Stadt auf dem Berg, als wanderndes Gottesvolk. Dass Jesus Christus in seiner Kirche allein herrschen sowie ihre Botschaft, Gestalt und Ordnung bestimmen muss, ist seit Calvin ein Hauptanliegen der reformierten Theologie. Die Ordnung darf von keinen fremden Satzungen oder Gesichtspunkten, auch nicht durch Beliebigkeit, beeinflusst sein.“ (Matthias Freudenberg, Reformierte Theologie. Eine Einführung, Neukirchen-Vluyn 2011, S. 249)

Aus der Zeit gefallen

Wie kommt es, dass hier eigentlich jedes Wort korrekt ist und doch alles wie aus der Zeit gefallen erscheint, obwohl das Buch noch nicht einmal 10 Jahre alt ist?

Als Theologe mit lebenslanger Kirchenbiographie leuchtet mir das alles ein, die Kirchenbilder sind mir vertraut und nachvollziehbar. Dass Jesus Christus in seiner Kirche allein herrschen soll, finde ich richtig, weil ich aufgrund meiner historischen Bildung weiss, was es heissen kann, wenn andere Mächte und Autoritäten in der Kirche an Einfluss gewinnen und die Macht übernehmen, wie verführbar die Kirchen für weltliche Macht und falsche Autoritäten sind und weil ich aus eigener Erfahrung weiss, wie schnell Budgetüberlegungen, Strukturfragen, persönliche Interessen und vieles andere mehr, den Kernauftrag der Kirche überlagern können. Oder wenn das Hauptaugenmerk nicht mehr auf der Botschaft, sondern der (zahlenden) Mitgliedschaft liegt.

Sprache und Wirklichkeit

Aber was wäre dann – positiv formuliert und so, dass man es auch ohne langjährige Kirchenbiographie versteht – dieser Kernauftrag? Ist es die Verkündigung des Evangeliums – oder doch eher die Kommunikation des Evangeliums? Oder müsste beides noch einmal übersetzt werden, weil den meisten nicht einmal verständlich ist, was das eine oder das andere heissen könnte und erst recht nicht, was der Unterschied sein soll? Wer begreift noch, was das heissen soll, dass Jesus Christus in seiner Kirche allein herrschen sowie ihre Botschaft, Gestalt und Ordnung bestimmen muss? Wer versteht noch die herrschaftskritische Pointe dieser Aussage? Und wie passt all das zusammen mit der real existierenden Kirche, die wir in unserem Alltag erleben?

Attraktiv und motivierend

Ich stelle mir eine junge Mutter vor. Sie ist durchaus an der Kirche und am christlichen Glauben interessiert. Sie kennt die reformierte Kirche vom Unterricht ihrer Tochter, von einigen Gottesdiensten für Klein und Gross, von einzelnen Anlässen. Auf der Suche nach neuen Mitgliedern für den Kirchgemeinderat ist sie in Betracht gezogen worden. Wenn ich nun den Auftrag hätte, die Anfrage an diese junge Mutter zu übernehmen und sie mich danach fragen würde, was das eigentlich überhaupt sei, eine reformierte Kirche, die sie eigentlich nur über den Unterricht ihrer Tochter kenne, was würde mir dann die Beschreibung von Freudenberg helfen? Mit den verwendeten Bildern „Volk Gottes, Gemeinde Jesu Christi, Stadt auf dem Berg, wanderndes Gottesvolk“ könnte sie vermutlich wenig anfangen, dass Christus allein herrschen muss, würde wohl eher autoritäre und patriarchale Assoziationen wecken und weniger die gewünschten herrschaftskritischen. Und der Satz zur Ordnung würde vermutlich eher streng und freudlos rüberkommen und so gar nicht zu den erlebten bunten und fröhlichen Familienfeiern passen und das Klischee der strengen und freudlosen Reformierten bestätigen. Attraktiv und motivierend wäre eine solche Beschreibung nicht.

Binnensprache

Mir ist natürlich klar, dass Freudenbergs Buch nicht als Vorstellung der reformierten Theologie für eher Kirchenferne oder als Argumentationshilfe für potentielle Kirchgemeinderätinnen gedacht ist, sondern eher als Studienbuch für Theologiestudierende und Pfarrer*innen. Und es ist eine gute, verständlich geschriebene und lesenswerte Einführung. Aber es bleibt das Problem, dass wir häufig die Übersetzung nicht mehr hinbekommen, in unserer Binnensprache gefangen bleiben und für viele Menschen nicht einmal unverständlich, sondern schlicht irrelevant geworden sind.

Bleibende Substanz

Manche Predigten und theologische Publikationen für ein breites Publikum haben sich weitgehend vom Ballast dieser Sprache befreit und dies als „notwendige Abschiede“ gefeiert. Nicht selten habe ich dabei aber das Gefühl, dass sie sich auch von der Substanz verabschiedet haben und manches klingt dann leider ziemlich banal. Wie könnte eine neue Sprache aussehen, die in unserer Zeit verständlich und relevant ist, die die bleibende Substanz solcher Aussagen wie denen Freudenbergs zur Ordnung und Gestalt einer reformierten Kirche erhalten und zur Geltung bringen kann? Welche neuen Bilder müssten wir heute für unsere Kirche finden?

Kampfbegriffe und Lebenswelten

Ein Hauptproblem der traditionellen Bilder und Begriffe sehe ich darin, dass sie oft als Kampfbegriffe entstanden sind in einer Situation äusserer Bedrohungen – ob das nun in der Reformationszeit ist oder wie bei Barmen der faschistische Staat. Sie sehen die Kirche als gegenüber zur Welt – zum Staat, aber auch zur Gesellschaft. So richtig es ist, dass wir als Christinnen und Christen nie ganz von dieser Welt sein können und nicht im gesellschaftlichen Mainstream (falls es das heute überhaupt noch gibt) aufgehen dürfen, so schräg und problematisch ist das Bild einer Kirche, die sich als Gegenüber zur Welt versteht, als Kontrastgesellschaft zumindest in unseren demokratischen Gesellschaftsordnungen, in denen wir unsere Botschaft und unsere Glaubensüberzeugungen in den zivilgesellschaftlichen Diskurs einbringen können und sollen, selbstbewusst aber ohne Besserwisserei.

Wirklichkeit wahrnehmen, wertschätzen und kritisch reflektieren

Wichtig scheint mir auch, dass wir unsere reformierten Kirchenbilder in Verbindung bringen mit der real existierenden, gelebten Kirche heute. Sie müssen erst einmal die Menschen in ihrem Autonomiebedürfnis und ihrem selbständigen Denken ernst nehmen Dabei hat theologisches Nachdenken stets auch die Funktion, der real existierenden Kirche einen kritischen Spiegel vor Augen zu führen, aber es muss ebenso anschlussfähig bleiben an die gelebte Praxis dieser Kirche und sichtbar machen, was sich darin an reformierter Identität zeigt. Theologie muss empirisch und kritisch sein, um ihre Aufgabe für die Kirche und für die Gesellschaft zu erfüllen. Sie kann sich nicht auf abstrakte Richtigkeiten beschränken und auch nicht auf eine reine Kritik der gelebten Praxis.

Wir brauchen eine neue Sprache. Wir müssen so reden, dass man uns versteht – und vorher wohl so zuhören, dass wir verstehen. Ich habe den Eindruck, dass wir damit ganz am Anfang stehen und habe momentan mehr Fragen als Antworten. Aber wenn wir den Weg nicht gemeinsam gehen, verschwinden wir in der Irrelevanz oder im kirchlichen Ghetto.

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5 Kommentare zu „Auf der Suche nach einer relevanten Sprache“

  1. Johann Hinrich Claussen

    Jeder Satz ist mir aus dem Herzen gesprochen. Dabei zeigt dieser Text schon selbst, wie es doch gehen kann: klar, kritisch, aber nicht unfair, sondern auf Verständigung hin angelegt, in einem einfachen und darin schönen Deutsch. Vielen Dank!

  2. Einverstanden – aber nun konkret: Wie klingt die Anfrage an die junge Mutter. Gesetzt der Fall, Sie würden Ihr eine das Gespräch vorbereitende E-Mail schreiben?

  3. ich schliesse mich grne den kommentierenden Vorgängern an: JA, es ist eine treffende Wahrnehmung eines fast generell ausgeblendeten Problems. Durch die oberflächliche Polemik eines E. Flügge vorgewarnt, ist hier das Mitdenken pos. angeregt. Aber klar: wie geht eine solche Übersetzung, die wohl einen neuen Sprachduktus, – stil erforderlich macht? Hier ist das Gefühl der Hilflosigkeit “nahe-liegend” und es ist wohl diese Hilflosigkeit , die manche Kritik in der Polemik, ja in der Aggression schon enden lässt. Die verbreitete Unbewusstheit diesem Problem gegenüber ist ärgerlich, aber die Wege in eine neue Sprachlandschaft sind noch kaum entworfen, wie auch dieser Text zeigt.
    A. Imhasly imhaslya@bluewin.ch

  4. Simon Pfeiffer

    Wir brauchen eine neue Sprache. Genau. Wofür?
    Was ist es, das wir im brüchigen Gefäss Kirche weitergeben möchten? Kann ich es auch so sagen, dass es die Runde beim Feierabendbier versteht? Die Väter und Mütter auf dem Spielplatz oder an der Schulveranstaltung? Die vielen Pendler täglich unterwegs? Die Fernfahrer, die uns alles liefern, was wir uns träumen können? Die Migranten? Die Klimademonstranten? … ?
    Oder brauchen wir nicht vielmehr ein neues Hören? Suchendes Hören auf göttliches Wort? Hören auf Erzählungen von aktuellen Mitmenschen genau so wie Hören auf kristallisierte Erzählungen in der Bibel? Hören auch auf die zunehmend ausdifferenzierten und aufregenden Erkenntnisse und Fragen der Wissenschaften? Hören mit Herz statt sprechen mit Herz?
    Und wenn gemeinsame Sprache fehlt, könnten wir nicht doch gemeinsam Handeln? Was würde solches Handeln auszeichnen? Vielleicht entstünde daraus auch neues Sprechen, Erzählen von Verbindendem…

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