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Lesedauer: 7 Minuten

Mein letzter Houellebecq

Das musst du gelesen haben!

Ja, ich gebe zu: Ich bin nicht völlig immun gegenüber dem subtilen Druck intellektueller Kreise, bestimmte Ausstellungen besucht, bestimmte Nischenfilme gesehen und eben auch bestimmte Bücher gelesen zu haben. Man will ja mitreden können und sich nicht durch Unkenntnis des Standes der Bildungsbürger unwürdig erweisen. Wobei dieser Zug bei mir wohl schon seit längerem den Bahnhof verlassen hat.

Mein langjähriges Studium hat leider nicht dazu beigetragen, mir einen feingeistigeren Geschmack in Kulturdingen anzutrainieren.

Auch nach meiner Vereidigung als Doktor der Theologie ist mir James Bond noch sympathischer als James Joyce, Godzilla näher als Goethe und Darth Vader lieber als Van Gogh. Und wenn ich einen Abend frei habe, ziehe ich das Browsen auf Netflix dem Besuch der Oper allemal vor.

Wie dem auch sei: Der neue Roman von Michel Houellebecq – und überhaupt das literarische Werk dieses Autors – wurde mir von zahlreicher Seite so enthusiastisch empfohlen und derart nachdrücklich ans Herz gelegt (»Was, den kennst du nicht? Auf welchem Planeten lebst du denn?«), dass ich eingebrochen bin. Auch wenn ich wohl nie verstehen werde, wie sich jemand mit dem eingängigen und international tauglichen Namen Michel Thomas einen Künstlernamen zulegen kann, der an Unaussprechlichkeit und Unbuchstabierbarkeit kaum zu überbieten ist: Vor den Ferien habe ich mir den Band mit dem Titel »Serotonin« von der Bibliothek ausgeliehen und ihn in unsere Wanderferien im Südtirol mitgenommen.

Scheitern auf Französisch

Zugegeben: Houellebecq kann erzählen. Er entführt die Leser*innen in die Gedankenwelt seines Roman-Protagonisten und Ich-Erzählers, eines 46jährigen Agraringenieurs namens Florent-Claude Labrouste. Auf über 300 Seiten wird sein Abdriften in eine tiefe Depression dokumentiert, die ihm schließlich jeden Mut zum Weiterleben raubt. Auch die Antidepressiva, die er regelmäßig zu sich nimmt, um seinen Serotoninspiegel ins Lot zu bringen (daher der Titel des Buches), lassen ihn nicht mehr glücklich werden. Zwar heben sie seine Stimmung auf ein erträgliches Maß, beeinträchtigen dafür aber seine Libido gehörig. Labrouste kann keinen Sex mehr haben und fühlt sich dadurch irgendwie seines Lebenssinns beraubt.

Melancholisch schaut er darum zurück auf seine früheren Liebschaften und rollt in Gedanken eine Beziehungsgeschichte nach der anderen auf. Alle enden auf ihre Weise tragisch, und auch seine aktuelle Partnerin, eine japanische Nymphomanin, geht ihm nur noch auf die Nerven (um nicht zu sagen: auf den Sack). Er verlässt sie, hängt auch seinen finanziell einträglichen Job an den Nagel und macht sich auf eine unstete Nostalgiereise durch Frankreich.

Als sich dann sein einziger Freund aus Jugendzeiten, ein französischer Milchbauer, aus schierer Verzweiflung an seiner wirtschaftlichen Situation vor seinen Augen erschießt, gehen auch Labroustes Hoffnungsreserven zu Ende.

Er ist bereit, sich wie ein sterbendes Tier ein Lager zu suchen, »um sein Leben zu beschliessen« (317).

Niedergang durch Egomanie

Soviel zur Story. Sicher keine allzu erhebende Lektüre, wenn Houellebecq auch immer wieder unglaublich tragikomische Momente schafft und seinem Antihelden bitterböse Sprüche in den Mund legt. Trotzdem musste ich mich durch weite Strecken des Buches hindurchkämpfen: Der Protagonist ist einfach keine Figur, mit der man sich identifizieren will. Er kann kaum Sympathien wecken, leider aber auch keine Empathie.

Labrouste ist, pardon, ein sexistisches, homophobes, überhaupt misanthropisches Arschloch – und das nicht einmal auf eine aufregende Weise.

Von Anfang an tritt er als Langweiler, als weinerliches Weichei, als Versager in Erscheinung, der seine Leser*innen mit seiner Lebensgeschichte mehr belastet als unterhält.

Vor allem aber ist Labrouste ein ausgemachter Egomane, ein zutiefst selbstbezogener Mensch. Seine ganze Lebensgeschichte lässt sich als rastlose Suche nach Liebe und Sinn lesen, auf der er aber doch immer nur sich selbst begegnet. Unfähig, sich auf jemanden einzulassen, andere als ernsthaftes Gegenüber anzuerkennen, nimmt er seine Mitmenschen nur als Statisten im eigenen Film wahr. Seine Frauen, nach denen er sich zurücksehnt, sein Freund, dessen Untergang er mitverfolgt, die französischen Landwirte, die an den Herausforderungen der Globalisierung scheitern: sie alle scheinen seine Seele nicht eigentlich zu berühren, ihn nicht wirklich aus seiner Selbstverkrümmung herauszuholen.

Pornographie als Stilmittel

Vielleicht sollen die zahlreichen pornografischen Szenen des Buches dazu dienen, eben dieses eingeigelte Lebensgefühl literarisch zu verstärken, vielleicht drücken sie auf zugespitzte Weise den unseligen Verwertungszusammenhang aus, in welchen der Protagonist seine Umwelt intuitiv einordnet: Frauen gelten erst dann als Frauen, wenn man(n) sie zur eigenen Befriedigung »gebrauchen« kann…

Auf jeden Fall finden sich in dem Roman verstörend detaillierte Beschreibungen sexueller Perversionen. So ertappt Labrouste seine Freundin beim Gangbang mit 15 fremden Männern und findet ein Video von ihr, in dem sie es sich von drei Dobermännern besorgen lässt (möglicherweise waren auch andere Hunderassen im Spiel, ich mag es grad nicht nochmal nachlesen). An anderer Stelle wird die Fellatio eines zehnjährigen Mädchens an einem deutschen Touristen eingehend beschrieben (Labrouste bemerkt als Beobachter, die Kleine habe offenbar trotz ihres zarten Alters einen ganz respektablen Job gemacht), und über den ganzen Roman sind diverse (Gedanken-)Ergüsse über »feuchte M*sen« und »harte Schw*nze« zerstreut (nein, das sind jetzt mal keine Gendersternchen…).

Diese Passagen sind vielfach nicht nur unglaubwürdig – wie wahrscheinlich ist es, dass ein französischer Sesselfurzer aus dem Agrardepartement mit einer sexbesessenen Japanerin aus adligem Geschlecht zusammenkommt? –, sondern m.E. auch unnötig (porno-)grafisch und letztlich entbehrlich für den Erzählzusammenhang.

Der Autor mag hier den Sieg über Prüderie und Kleinbürgerlichkeit abfeiern und mit seiner verbalen Freizügigkeit kokettieren, die Geschichte selbst gewinnt dadurch nur billige Schockmomente.

Aber möglicherweise bin ich ja einfach zu sensibel, um derartige Ausführungen unbeschadet zu ertragen…

Reframing im Nachwort

Ich war also schon dabei, die Houellebecq-Lektüre als mindestens zwiespältige und kaum wiederholungswürdige Leseerfahrung zu den Akten zu legen, als ich auf der letzten Seite nochmal ins Stocken geriet.

Es gibt ja diese Filme – um einen mir näherstehenden Vergleich anzustellen –, in denen die Zuschauer buchstäblich in der letzten Minute mit einer Offenbarung konfrontiert werden, die dem ganzen Film neue Vorzeichen gibt. »The Sixth Sense« mit Bruce Willis ist diesbezüglich ein unvergesslicher Klassiker, genauso wie »Fight Club« mit Brad Pitt, beide aus dem Jahr 1999, aber auch der unterschätzte Streifen »The Book of Eli« mit Denzel Washington (2010): In all diesen Filmen wird auf raffinierte Weise mit dem Publikum gespielt, man ist im Kino praktisch schon am zusammenpacken seiner Sachen, kramt noch die letzten Popcornresten aus dem Becher, wenn die hermeneutische Bombe platzt und der ganzen Story ein Reframing verpasst, dass man eigentlich für die nächste Vorstellung gleich sitzen bleiben möchte: »Krass, der war die ganze Zeit schon tot?!» »Was, das sind gar nicht zwei Typen, sondern ein einziger… mit einer Identitätsstörung?« »Das gibt’s ja nicht: der war die ganze Zeit über blind!« (Ja, ich weiß: das waren jetzt ein paar ganz fiese Spoiler, aber wer die Filme noch nicht gesehen hat, dem kann ich ohnehin nicht mehr helfen…)

Hoffnung für eine gescheiterte Menschheit

So ähnlich ging es mir mit dem unerwarteten Ende von »Serotonin«. Das ganze Buch hindurch war von Gott nicht die Rede – aber auf den letzten Zeilen bietet Houellebecq gewissermaßen eine theologische Rahmentheorie für seine Erzählung, ja mehr noch: eine Offenbarung der Gnade für eine gescheiterte Existenz, wie sie Florent-Claude Labrouste eindrucksvoll abstoßend vorführt. Ein kurzer Abschnitt nur lässt mich den ganzen Roman noch einmal mit anderen Augen sehen – mit dem Blick der Liebe Gottes für eine Menschheit, die an sich selbst scheitert und keine Heilung für ihre Zerbrochenheit findet. Das wäre dann auch eine Perspektive, aus der wieder Hoffnung hervorgehen könnte…

Und wer denkt, ich hätte einen säkularen Intellektuellen damit ungebührlich christlich vereinnahmt, der lese diesen Schluss selbst nochmal nach:

»Gott kümmert sich tatsächlich um uns, er denkt in jedem Augenblick an uns, und manchmal gibt er uns sehr genaue Weisungen. Seine überschwängliche Liebe, die in unsere Brust strömt, bis es uns den Atem verschlägt, seine Erleuchtungen, seine Verzückungen, unerklärlich angesichts unserer biologischen Natur, unserer Stellung als einfache Primaten sind äußerst klare Zeichen.

Und heute verstehe ich den Standpunkt Christi, seinen wiederkehrenden Ärger über die Verhärtung der Herzen: Da sind all die Zeichen, und sie erkennen sie nicht. Muss ich wirklich zusätzlich noch mein Leben für diese Erbärmlichen geben? Muss man wirklich so deutlich werden?

Offenbar ja.« (334)

So klappe ich das Buch von Houellebecq doch noch eigenartig bewegt zu. Und gewinne den Eindruck, dass es nicht unbedingt mein letzter Roman dieses Autors gewesen sein muss. Seinen gefeierten Vorgänger »Unterwerfung« hab ich mir von einem Freund jedenfalls schon mal ausgeliehen.

 

Bild: Anna Shvets auf Pexels.

 

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2 Kommentare zu „Mein letzter Houellebecq“

  1. Thalasso, sein aktueller Film geht mit gewissen Szenen in eine ähnliche Richtung. Er hätte allerdings ein besseres Ende verdient…

  2. Samuel Wagner

    Lieber Manuel. Vielen Dank für die tolle Besprechung. Ich lese Houllebecq mit ziemlich gemischten Fühlen. Was mich intellektuell begeistert, ist die ungeschminkte Darstellung der postmodernen Menschen oder vielleicht schon eine neue Zeit danach? H. lässt nichts aus, was mich erschaudert: Umwelt- und Naturzerstörung und was die moderne Landwirtschaft mit dem Menschen oder der Mensch mit der Landwirtschaft anstellt (er ist ja selber studierter Agraringenieur, wenn ich das richtig gelesen habe, sehr nahe an der Hauptfigur von Serotonin), er beschreibt die Verlorenheit der Postmoderne und lässt – wie du schreibst – gar nichts aus bis zu den minutiös beschriebenen Sexpraktiken… Und dann am Schluss: Ein wirklich überraschende Erkenntnis. Das Revival der Selbstreflexion und des Gottvertrauens. Auch ich bin fasziniert, und ich frage mich, ob er hier eine neue Ära beschreibt. Die Moderne in ihrem kalten, nüchternen Verstand und auch die Postmoderne mit ihrer Gefühlsästhetik lässt er hinter sich. Was ist sein Neues? Die Rückkehr zur Vormoderne zum magischen Denken oder ist dies bereits eine Synthese dieser drei Epochen? Man wirft ihm ja vor die Sicht der neuen Rechten zu vertreten, darunter einen Antifeminismus und Islamfeindlichkeit… beides nachvollziehbar, wenn man ihn wortwörtlich liest und seinen Schluss ignoriert …

    P.S. Würde mich sehr freuen, über mehr Literaturbesprechungen im Kontext des Glaubens.

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