Sommerzeit ist Gartenzeit. Selbst dann noch, wenn es brüllend heiss ist. Es muss nur ein Pool vorhanden sein. So wie in den Hochkulturen Ägyptens und Mesopotamiens. Deren Kunst des Gartenbaus war wesentlich eine Kunst der Bewässerung. Ein Wasserbecken bildete das Zentrum, von wo aus sich zwei Kanäle erstreckten, die den Garten in vier Teile aufteilten und in alle Himmelsrichtungen mit Wasser versorgten. Wir bewässern uns heute selbst in unseren Gartenbädern, um im Schatten der Bäume wenigstens ein wenig Kühle halten zu können.
Was zieht und treibt uns nach draussen?
Dass Gärten Leben stiften und heilend, vitalisierend wie beglückend auf uns wirken, liegt auf der Hand. Um jedoch die Bedeutung des Gartens für uns Menschen auszuloten, lohnt es sich, ein wenig tiefer zu graben: Welche Kräfte animieren uns, wenn wir Gärten erschaffen, kultivieren oder aufsuchen?
In Uwe Habenichts Buch «Draussen abtauchen» habe ich dazu von der Psychologin Antje Flade eine interessante Unterscheidung von Push- und Pull-Faktoren gefunden.
Druck und Sog
«Push meint das Streben, an einen anderen Ort zu gelangen, weil man es dort, wo man ist, unangenehm und belastend findet, wohingegen Pull bedeutet, dass es einen zu einem bestimmten Ort hinzieht.»
Was treibt uns weg von den Orten, an denen wir herkömmlich leben und arbeiten? Und was zieht uns aus unseren alltäglichen Behausungen hinaus in die Natur? Gehen wir den Push- und Pull-Faktoren ein wenig nach.
Der Sog: «Raus in die Natur»
Schuhe aus, unbesohlt auf der Erde stehen, den Sand zwischen den Zehen, die Luft in den Haaren, das Salz auf der Haut, während die Augen sich im weiten Horizont verlieren. Oder andersherum: Schuhe an und gut schnüren, Rucksack auf, im Wald verschwinden und auf einem ausgesetzten Grat wieder auftauchen. In den Bergen lassen wir mit jedem Höhenmeter den eingezwängten Alltag unter uns zurück. Eine Anderswelt, in der auf weiten Strecken der Weg das Ziel ist und unsere Aufmerksamkeit so mühelos umgeleitet wird.
Das Verlangen nach Resonanz
Nur schon das Schreiben dieser Zeilen entfacht meine Vorfreude auf die nächste Naturerfahrung.
Unsere spätmoderne Gegenwartskultur sehnt sich nach Resonanzerfahrungen in und mit der Natur. Danach, dass die Welt, die wir uns zu lange vom Leib gehalten haben, ganzheitlich berührt und zu uns spricht.
Auf dass wir wiederum unsere eigene Stimme hören und bei uns selbst ankommen. Inmitten der Natur, die uns zugleich so endlos, ungezähmt, unverfügbar und widerständig gegenübersteht.
Der Druck: «Einfach nur weg hier»
Der Pull-Faktor Resonanz geht einher mit den passenden Push-Faktoren, durch die wir unsere Lebensräume erdrückend finden und sie immer mal wieder verlassen. Etwa die gesellschaftlichen Ansprüche, die familiär, beruflich oder freizeitlich an uns gestellt werden. Wir müssen Rollen ausfüllen, funktionieren und etwas leisten.
Der krankmachende Speed des Lebens, mit dem wir auf die moderne Zeitnot reagieren, um in der zur Verfügung stehen Zeit doch noch das schaffen und erleben zu können, was uns glücklich machen soll.
Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, durch die unser Handeln durchgängig verzweckt und gesteigert werden muss. Denn die Ressourcen für ein gelingendes Leben werden in der Konkurrenz zu allen anderen zugeteilt.
Natur tut gut
Die Natur da draussen ist der Ort, an dem wir anders in der Welt und zu uns selbst stehen.
Einfach da sein, sich mit allen Sinnen in ihre Weite, Farben, Rhythmen, Geräusche, Ruhe und Kräfte hineinhalten und schauen, was das mit uns macht.
Die heilsamen Wirkungen der Natur und ihrer Landschaften auf uns werden mittlerweile immer besser erforscht. Grünsucht ist eine, die uns gesund macht.
Was ist nun das Besondere am Garten?
Wozu brauchen wir dann noch den Garten, wenn wir doch in die Natur gehen können? Mit dieser Frage erschliesst sich, was den Garten für unser Menschsein so besonders macht. Denn einerseits lassen sich Naturerfahrungen oft nicht stabil in unseren Alltag integrieren. Sie sind punktuell, weil sie mit einem gewissen Aufwand verbunden sind. Andererseits zeichnen sich Naturerfahrungen dadurch aus, dass der Mensch sich darin eher passiv und empfangend verhält. Ja mehr noch, wir sind den Kräften der Natur in gewissen Situationen auch ausgeliefert. Sie kann sich uns nicht nur entziehen, sondern uns auch bedrohen.
Ein geschützter Hort
In der Natur kann uns alles und jede:r begegnen. Und das ist nicht immer lebensdienlich, sondern oft auch unangenehm, hemmend oder gar bedrohlich. Es ist deshalb für uns wichtig, Grenzen zu ziehen. Unsere eigenen Ressourcen sind nämlich begrenzt. Wer sich den Natur- und Sozialkräften grenzenlos aussetzt, wird sich wahrscheinlich schädigen. Die grundlegend menschliche Funktion des Gartens als (lateinisch) hortus conclusus, (indogermanisch) ghordo oder (altpersisch) pairi-daé-za liegt genau hier:
Ein eingehegter, umfriedeter Ort, der von Mauern, Zäunen oder Flechtwerk gegen aussen abgegrenzt und geschützt ist. Räumlich klammern wir das aus, was unerwünscht oder gefährlich ist. Damit unser Leben gedeihen kann.
Wo Kinder frei rumlaufen
Am deutlichsten wird das für mich, wenn wir unsere Kinder in den passenden Gärten mehr oder weniger von der Leine lassen können. Abenteuerlich bleibt es, durchaus auch gefährlich, aber bei Weitem nicht so, wie in der offenen Wildbahn. Nirgendwo lernen Kinder den Umgang mit der Natur – und dabei mit sich selbst – so gut, so aufgehoben wie in einem Garten.
Der Charme des Gartens
Einen Garten anzulegen und zu pflegen bedeutet, ein Stück Natur zu kultivieren. So entsteht ein Raum, in dem es uns einfacher fällt, nach draussen zu gehen. Weil wir Naturerfahrungen hier in einem für uns passenden Mass ausprobieren können. Weil wir ohne grossen Aufwand oder organisierte Schutzmassnahmen in der Natur sein können.
Im Garten lernen wir, jene Bedingungen zu kultivieren, die Resonanzerfahrungen mit der Natur begünstigen.
Ab in den Garten und darüber hinaus
Gärten sind charmante Einladungen nach draussen.
Meistens gehen Menschen in irgendeinen Garten vor der Türe oder um die Ecke, wenn sie sagen: «Ich bin mal draussen.»
Der Balkon, die Terrasse, der eigene Garten – sie alle sind uns im Sommer zusätzliche Räume unserer Wohnungen und Häuser. Leicht entsteht hier die Lust auf das ganz weite, wilde und unkultivierte Draussen. Dann schnallen wir wirklich den Rucksack auf und lassen selbst den Gartenzaun hinter uns. Wie leicht der Garten uns doch mit der Natur verbinden kann. Schon, wenn wir seine Gäste sind, noch mehr, wenn wir aktiv gärtnern.
Kultur, Natur und das Charisma des Gartens
Durch die Ökokrise liegt es offen zutage, wie zerstörerisch es wird, wenn der Mensch sich und die von ihm erschaffene Kultur dualistisch gegenüber der Natur positioniert. Auch beim Gärtnern handeln wir kulturschaffend. Die Natur wird hier zu einem Gestaltungsraum menschlicher Freiheit. Aber der Garten bleibt immer zurückgebunden an seinen naturhaften Ursprung. Deshalb lernen wir beim Gärtnern besonders gut, dass die Natur nicht Objekt, sondern Voraussetzung menschlicher Freiheit ist.
«Das Charisma des Gartens liegt in seiner Ursprünglichkeit und bleibenden Naturnähe. Er ist gerade nicht mehr nur blosse Natur, sondern schon Kultur; als naturnahe Kultur stellt er aber kein Gegenwelt dar, sondern bleibt an Natur zurückgebunden: Der Garten ist Kultur in-über Natur.» (Steinmetz)
Die Natur nachahmen
Wir lernen die unverfügbare Eigenwirklichkeit der Natur kennen und schätzen, hören auf sie und orientieren uns an ihr. Die Jahreszeiten mit Regen, Frost, Hitze und Wind. Wie man ein Beet bestellt, düngt und pflanzt, um es dann auch leidenschaftlich in Ruhe zu lassen, damit die Grünkräfte wirken können. Das ungestüme Wachstum, durch das ein Garten auch wieder verwildern kann. Und in all dem werden wir uns unserer eigenen Naturhaftigkeit bewusst, erfahren uns als Teil von allem, das lebendig ist.
«Ein guter Garten ist daher ein Versuch, die Natur nachzuahmen, so sehr, dass manchmal die Absicht des Gärtners darin besteht, selbst unsichtbar zu werden und hinter seinem eigenen Tun zu verschwinden.» (Zaborowski)
Urban und Guerilla Gardening – Gärtnern als Freiheitskampf
Ohne eine letzte Pull-Kraft – oder ist sie eher eine Push-Kraft? – wäre dieser Blog nicht vollständig. Denn Gärtnern wird heute genau andersherum gedacht als bisher beschrieben. Weil die Einzäunung der Natur durch die Städte ein lebensfeindliches Ausmass angenommen hat. Deshalb errichten Menschen an allen möglichen Orten in der Stadt Beete, Grünflächen und Wiesen. Oder auch illegalerweise an allen unerlaubten Orten, indem sie Saatbomben aus Erde, Dünger und Samen abwerfen. Gärtnern meint hier nicht, Natur zu kultivieren, sondern Kultur zu renaturieren.
«Der Mensch verbündet sich mit der Natur gegen die eigene Zivilisation, unterstützt den Wildwuchs gegen die Ordnung und feiert jeden Zentimeter, den die wilde Wiese gegen den gepflasterten Weg, der Acker gegen die steinerne Stadt an Boden gewinnt.» (Gassmann)
Dahinter steckt eine grosse Sehnsucht nach Freiheit von allem, was als lebenszerstörend empfunden wird: Städtebau, Wirtschafts- und Konsumformen, Globalisierung und Fremdbestimmung. Die Anzeichen mehren sich, dass unsere Gartenbäder nicht mehr genügen, im heissen Sommer die Temperatur zu halten.
Das Charisma des Gartens besteht darin, uns aus der Zivilisation in die Natur zu bringen. Es besteht aber auch darin, der Zivilisation die Natur zu bringen … trotzig, pfiffig und rebellisch.
Literaturhinweise:
Margit Eckholt: Was ist ein Garten? Gedanken einer Theologin, in: Erbe und Auftrag. Benediktinische Monatsschrift EuA 85 (2009), S. 258-269.
Michael Gassmann: Kisten und Saatbomben. Was Urban und Guerilla Gardening über unser Verhältnis zum Garten sagt, in: Internationale katholische Zeitschrift „Communio“ IKaZ 46 (2017), S. 401-402.
Uwe Habenicht: Draußen abtauchen. Freestyle Religion in der Natur, Würzburg 2022.
Andreas Loos: Me(er)ditationen. Teil 1: Sandläufig, https://www.reflab.ch/meerditation-1-sandlaeufig/
Brigitte Schäfer (Hrsg.): Gestaltete Lebensräume. Gärten als Orte der Verwandlung, WerkstattBibel 8, Stuttgart 2005.
Karl-Heinz Steinmetz: Paradies im Quadrat. Spiritualität des Gartens bis zum Beginn der Neuzeit, in: Internationale katholische Zeitschrift „Communio“ IKaZ 46 (2017), S. 372-381.
Holger Zaborowski: Gärten. Orte des Menschlichen, in: Internationale katholische Zeitschrift „Communio“ IKaZ 46 (2017), S. 392-40.
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