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«O Haupt voll Blut und Wunden»

Und weiter geht’s mit der aktuellen Staffel von «Ausgeglaubt» – heute mit einer Diskussion des wohl bekanntesten deutschsprachigen Passionslied überhaupt: «O Haupt voll Blut und Wunden» von Paul Gerhard. Das Lied wird in verschiedenen Konfessionen gesungen und malt uns das Leiden Christi sehr (zu?) anschaulich vor Augen.
Stephan und Manuel diskutieren die Fremdheit, aber auch die Faszination dieses Liedes. Dabei kommen sie auf die Tabuisierung von Leiden und Tod in unserer Zeit zu sprechen – und auf das von Verlusterfahrungen erfüllte Leben des Dichters Paul Gerhard.

Stephan ist von dem Lied begeistert und will es auch nicht einfach im Gedanken des stellvertretenden Strafleidens aufgehen lassen. Er findet darin ein grandioses Beziehungsangebot Gottes. Manuel hat mehr Mühe damit, vor allem weil er sich an die Leidens-Pornographie um Mel Gibsons Film «The Passion of the Christ» noch sehr lebhaft erinnert.

Den Trost des Liedes wollen sich aber beide gerne zusprechen lassen – denn wer möchte nicht gern «wohl sterben», wie es in der letzten Strophe heisst?

Hier geht’s zur Spotify-Playlist dieser Staffel, auf der du alle besprochenen Lieder anhören kannst…

… und hier ist der Text von «Ein Haupt voll Blut und Wunden»:

1.
O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn,
o Haupt, zum Spott gebunden
mit einer Dornenkron,
o Haupt, sonst schön gezieret
mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber hoch schimpfieret:
gegrüßet seist du mir!
2.
Du edles Angesichte,
davor sonst schrickt und scheut
das große Weltgewichte:
wie bist du so bespeit,
wie bist du so erbleichet!
Wer hat dein Augenlicht,
dem sonst kein Licht nicht gleichet,
so schändlich zugericht’?
3.
Die Farbe deiner Wangen,
der roten Lippen Pracht
ist hin und ganz vergangen;
des blassen Todes Macht
hat alles hingenommen,
hat alles hingerafft,
und daher bist du kommen
von deines Leibes Kraft.
4.
Nun, was du, Herr, erduldet,
ist alles meine Last;
ich hab es selbst verschuldet,
was du getragen hast.
Schau her, hier steh ich Armer,
der Zorn verdienet hat.
Gib mir, o mein Erbarmer,
den Anblick deiner Gnad.
5.
Erkenne mich, mein Hüter,
mein Hirte, nimm mich an.
Von dir, Quell aller Güter,
ist mir viel Guts getan;
dein Mund hat mich gelabet
mit Milch und süßer Kost,
dein Geist hat mich begabet
mit mancher Himmelslust.
6.
Ich will hier bei dir stehen,
verachte mich doch nicht;
von dir will ich nicht gehen,
wenn dir dein Herze bricht;
wenn dein Haupt wird erblassen
im letzten Todesstoß,
alsdann will ich dich fassen
in meinen Arm und Schoß.
7.
Es dient zu meinen Freuden
und tut mir herzlich wohl,
wenn ich in deinem Leiden,
mein Heil, mich finden soll.
Ach möcht ich, o mein Leben,
an deinem Kreuze hier
mein Leben von mir geben,
wie wohl geschähe mir!
8.
Ich danke dir von Herzen,
o Jesu, liebster Freund,
für deines Todes Schmerzen,
da du’s so gut gemeint.
Ach gib, dass ich mich halte
zu dir und deiner Treu
und, wenn ich nun erkalte,
in dir mein Ende sei.
9.
Wenn ich einmal soll scheiden,
so scheide nicht von mir,
wenn ich den Tod soll leiden,
so tritt du dann herfür;
wenn mir am allerbängsten
wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten
kraft deiner Angst und Pein.
10.
Erscheine mir zum Schilde,
zum Trost in meinem Tod,
und lass mich sehn dein Bilde
in deiner Kreuzesnot.
Da will ich nach dir blicken,
da will ich glaubensvoll
dich fest an mein Herz drücken.
Wer so stirbt, der stirbt wohl.
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5 Kommentare zu „«O Haupt voll Blut und Wunden»“

  1. Ihr lieben Beiden, O Haupt voll Blut und Wunden. Sogar kirchenferne Leute kennen dieses Lied. Vieles mag fremdartig anmuten. Aber er gibt Strophen, welche in Todesnähe und am Grabe fast alle ansprechen, gerade indem man eben gerade nichts erklärt und schon gar nicht mit Mel Gibsons Film vergleicht. Wenn man diesen Film beizieht, macht man das Lied kaputt. Oft sprach ich die Strophe „erscheine mir zum Schilde zum Trost in meinem Tod“ am Grab und wurde immer wieder von kirchenfernen Leuten daraufhin dankbar angesprochen. Ich bin ein recht gesunder und munterer Fünfundachtzig-jähriger, aber was weiss ich, was noch auf mich zukommt, bevor ich nach oben befördert werde. Vielleicht kommt Euch beiden mein Name bekannt vor. Bhüet Ech Gott. Marcel.

    1. @Marcel: Bei allem Respekt, aber wie soll das gehen: ein Lied kaputt machen? Solange Mel Gibsons Film nicht als Ersatz für dieses Lied oder in Verbindung mit dem Lied in Todesnähe und am Grab gezeigt wird, dürfte das Eintreten eines solchen Erfolgs, so muss ich behaupten, nicht ohne weiteres zu realisieren sein. So viel Realitätssinn mute ich zumindest mir selber zu. Selbst dann, wenn ich weiß, dass ich schon als Anfang-20-Jähriger dem Tod als Patient mit ‚Jenseits-Erfahrung‘ im künstlichen Koma einmal ‚von der Schippe gesprungen‘ bin. Man darf und soll den Tod hassen. Man darf diesen seinen Hass auch am Grab eines Menschen zum Ausdruck bringen. Und ich bin mir sicher, dass auch kirchenferne Leute daraufhin nicht mit Undankbarkeit reagieren, lieber Marcel.

  2. Alex aus Cloppenburg

    Danke Euch Beiden für eine sensationell gute Folge!
    Die alten Lieder haben uns so viel zu sagen. Zugleich helfen sie uns, das eigene „Glaubensprofil“ zu schärfen.
    Welche Wirkungsgeschichte geistliche Lieder tatsächlich haben, wurde mir durch diesen Podcast ein Mal mehr bewusst.

  3. Starke Folge! Gratuliere!
    Sehr gute Unterscheidung von Stephan zwischen Mel Gibson Film und Paul Gerhards Gedicht.
    Es geht weder um Leidensverherrlichung oder Leidensporno, sondern um Begegnung/Beziehung, die durch das Lied enstehen kann und soll. Immer wieder, wenn ich es höre, werde ich still und dankbar.

  4. Danke mal wieder für Euer Gedankenfutter!
    Eine Anmerkung noch zur Melodiegleichheit mit dem Adventslied „wie soll ich dich empfangen“: Stimmt, in Weihnachtsoratorium hat Bach diese Melodie verwendet. Im Evangelischen Gesangbuch allerdings hat „wie soll ich dich empfangen“ aber eine ganz andere Melodie: von Johann Crüger 1653 (jedenfalls hier im Deutschland, wo es die Gesangbuch-Nummer 11 trägt).
    Und dass „O Haupt voll Blut und Wunden“ in der Matthäuspassion vorkommt – ist das so überraschend? Bachs Oratorien und Passionen wimmeln doch von Choralstrophen!
    Nun bin ich schon gespannt auf „Großer Gott, wir loben dich“ – also bis bald!

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