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Nachgefragt: Was brauchen Arbeitslose jetzt?

Wir haben deshalb bei Myrta Ruf und ihrem Team – Susanne Keller, Moderatorin und Coach und Hans Peter Murbach, Co-Leitung – nachgefragt, wie es den Stellensuchenden geht. Myrta Ruf muss es wissen! Vor 15 Jahren hat sie das Projekt «auf kurs bleiben» – einen Treffpunkt für stellenlose Fach- und Führungskräfte – mitinitiiert. Heute wird die Gruppe für Berufliche Neu-Orientierung für Fach- und Führungskräfte von einem zertifizierten Coach moderiert. Die Gruppe trifft sich wöchentlich. Normalerweise im Kirchgemeindehaus Oerlikon, mittlerweile seit über einem Jahr online in Zoom-Meetings.

Frau Ruf, wenn Sie 15 Jahre zurückdenken: Was hat Sie damals bewogen, diesen Treffpunkt ins Leben zu rufen? 

Damals wie heute gibt es, ausser dem RAV und dem Sozialamt, keine niederschwellige Anlaufstelle für Stellensuchende, wo sie einerseits einen informellen Gedankenaustausch pflegen können und andererseits konkrete Unterstützung in ihrer belastenden Situation erhalten.  Unser Angebot ist nach unserer Meinung eine wertvolle Ergänzung zur DFA, mit der wir auch in engem Kontakt stehen. Unsere Unterstützung durch den Treff war von Anfang an einerseits spirituell und psychologisch.

Die Menschen schätzen es, sich mit anderen Betroffenen direkt austauschen und unzensuriert über ihre Situation sprechen zu können.

Seit drei Jahren liegt der Schwerpunkt auf der umfassenden beruflichen Neu-Orientierung. Das beinhaltet die Arbeit an sich selbst, Bewerbungsstrategien und z.B. auch online und offline Interviewtrainings.

In der Schweiz ist die Arbeitslosenquote, verglichen mit dem Ausland, ziemlich tief. Man kann den Eindruck gewinnen: Wer arbeiten will, findet Arbeit. Stimmt das?

Auch mit der besten Absicht ist es für die Stellensuchenden, meist mittleren Alters ab 45, nicht leicht, eine neue Anstellung zu finden. Stellensuchende kommen aus jeder Berufsgruppe und aus jeder sozialen Schicht. Wir sehen immer wieder einzelne gut qualifizierte, erfahrene Fach- und Führungskräfte, die ihre Weiterbildung vernachlässigt haben und die teilweise in ihrer beruflichen und oder persönlichen Entwicklung stehengeblieben sind. Andere haben alles richtig gemacht und einfach Pech gehabt. Wenn das Unternehmen Konkurs macht, kann man so gut sein, wie man will.

Wer seit mehr als zwanzig Jahren nie mehr in einem Bewerbungsprozess war, hat keine Vorstellung, wie stark sich die Bewerbungslandschaft verändert hat.

«Wer arbeiten will, findet Arbeit» stimmt nur noch bedingt.

Heute geht es vor allem darum, sich selbst optimal zu vermarkten. Viele Firmen arbeiten mittlerweile mit einem ATS (Application Tracking System), das Bewerbungen digital vorselektioniert. Das muss man wissen und gegebenenfalls seine Bewerbung anpassen. Gerade für über 45-Jährige geht es auch darum, ihre Erfahrung selbst als Vorteil zu verstehen. Wer diese innere Haltung hat, kann das HR leichter davon überzeugen, zu einem Job-Interview eingeladen zu werden.

Wir sind jetzt seit einem guten Jahr in einer Ausnahmesituation. Ist die Lage für die Arbeitslosen schwieriger geworden? Falls ja: Woran merken Sie das?

Wer jetzt nicht digital arbeiten kann oder will, steht auf verlorenem Posten. Wer bisher digital Mühe hatte, hat jetzt noch mehr Schwierigkeiten. Wir haben Teilnehmende, die seit Jahren eine Stelle suchen und hunderte von Absagen kassierten, bevor sie sich auf ein Training einlassen und sich an die neuen Gegebenheiten anpassen konnten.

Der gesamte Bewerbungsprozess geschieht jetzt online. Wer da technisch nicht mithalten kann oder will, ist ausgeschlossen.

Viele Menschen ziehen sich entmutigt und entnervt in ihr Schneckenhaus zurück und hoffen, dass die Pandemie rasch vorübergehen wird. Anfangs dachten viele, es sei eine Grippewelle, die nach einigen Wochen vorübergehen würde. Niemand konnte sich vorstellen, dass diese Pandemie so lange dauern würde. Andere Menschen raffen sich bewundernswert auf, überwinden ihre Ängste und Aversionen, besorgen sich ein modernes Laptop und besuchen Kurse – ein erster Schritt zum Erfolg!

Wir wollen das Selbstbewusstein der Bewerber*innen stärken. Dabei ist auch viel innere Arbeit nötig: Stimmt meine Einstellung? Bin ich selbst noch flexibel genug? Was würde mir dabei helfen? Und ganz praktisch geht es darum, Bewerbungsstrategien zu lernen, sich in Coachings weiter zu entwickeln und in Trainings Interviewsituationen zu meistern. Es ist wie mit allem im Leben: Übung gibt Sicherheit.

Welche konkrete Unterstützung brauchen Arbeitslose jetzt?

Sie brauchen zwei Arten der Unterstützung: Es ist wichtig die strategische Stellensuche, oder vielmehr die Stellenfindung, zu trainieren. 60% aller Stellen werden nicht mehr offiziell ausgeschrieben, sondern sind auf dem grauen Markt verborgen. Diesen zu erschliessen durch gezielte Internet-Recherchen, intensives Networking online und offline und Initiativbewerbungen sind Teile der zielführenden Strategie.

Notwendig sind Unterstützung und Impulse für die Arbeit an sich selbst: Selbstvertrauen stärken, das Bewusstsein für die eigenen Stärken schärfen, eine eigene Strategie entwickeln, sich auf dem Stellenmarkt passend positionieren. Die eigene Sprache der Bewerbungsunterlagen erarbeiten. Wie kann ich durch meine eigenen Stärken überzeugen? Welche meiner Fähigkeiten kann ich auch in einem anderen Gebiet einsetzen? Wie zeige ich dem potenziellen Arbeitgeber, dass ich ihm helfen kann, seine konkreten Probleme zu lösen?

Ihre Treffen fangen mit einem spirituellen Impuls an? Weshalb? Und wirkt das auf manche auch abschreckend?

Spirituell bedeutet nicht notwendigerweise religiös. Meist sind es philosophische Gedanken grosser Denker, die dazu dienen, die Gedanken der Teilnehmenden zu sammeln und auf das geplante Tagesthema hinzuführen. Eine motivationale Phase, bevor die eigentliche Arbeit beginnt.

Wir glauben nicht, dass der spirituelle Impuls abschreckt.

Dieser wird ja nicht offiziell angekündigt, und auf unserer Webseite steht explizit, dass unsere Arbeit konfessionell und politisch neutral ist. Wer unsere wöchentlichen Newsletter liest, wird sehr schnell sehen, dass wir konkrete Hilfestellung zu relevanten Themen der beruflichen Neu-Orientierung bieten.  Wir machen die Erfahrung, dass diese spirituellen Impulse geschätzt werden und dass auch immer wieder gute Gespräche daraus entstehen. Der Stil dieser Impulse passt gut zu uns. Unsere Treffen sind keine Webinare sondern eine lebendige, allseits offene Diskussion. Ich denke mir jede Woche Impulse und Fragen aus, um die TN zu aktivieren. Schon nach kurzer Zeit entwickelte sich eine sehr gute, rücksichtsvolle Diskussionskultur – auch online.

Wenn ein Bekannter von Ihnen jetzt seine Stelle verlieren würde, wozu würden Sie ihm raten?

Rasch handeln. Sich noch vor Ende der Kündigungsfrist Unterstützung holen, damit der Kündigungsschock abgefedert wird. In der Gruppe für Berufliche Neu-Orientierung für Fach- und Führungskräfte werden die Menschen aufgerichtet, ermutigt, psychisch, mental und fachlich gestärkt und unterstützt. Auf jeden Fall nicht zögern, mit einem Coach an sich selbst, seiner Bewerbungsstrategie und der Interviewtechnik zu arbeiten, solange man dafür noch genügend Geld hat.

 

http://www.selbsthilfe-zuerich.ch/
Ein Angebot der Reformierten Kirche der Stadt Zürich
Durchführung: jeden Dienstag

Zeit: 09.30 bis 11.30 Uhr
Online auf Zoom
Voranmeldung obligatorisch an:
info@selbsthilfe-zuerich.ch

 

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