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Mein Wort des Jahres [4]: Intimität

Sie hat sich mir eher aufgedrängt, als dass ich sie suchen gegangen wäre. Zumindest in dieser Form versuchte ich sie sogar eher zu vermeiden. Sie, das ist die Intimität im Sinne von Nähe oder Offenheit, spezifisch in der Begegnung oder Beziehung mit einem anderen Menschen.

Die letzten Jahre verbrachte ich damit, tiefste Intimität mit dem Ganzen zu entdecken und Intimität mit all meinen Aspekten zuzulassen. Für «Andere» hatte es wenig Platz, und ich bin im Nachhinein froh, dass ich mir viel Distanz und gute Grenzen erlaubt habe.

Herausforderung im Miteinander

Doch diesen Sommer drängte sich mir das Thema – ja, es ist eher ein Thema, denn ein Wort des Jahres – vehement auf. Lustigerweise in einer ganz Leela-typischen Art, über den Körper. In einem dreitägigen Workshop mit Bruno Caverna entdeckte ich, dass die über die Jahre kultivierte Intimität mit dem Ganzen auch mit einem Gegenüber über den Körper erfahrbar ist.

Das unmittelbare Erleben vom Hier und Jetzt ist weder ans Alleinesein noch ans Stillsitzen gebunden. Es kann in einem Miteinander in Bewegung vielleicht sogar noch tiefer erfahren werden. Das hat mich zutiefst herausgefordert und getriggert, und ja, ich wollte manches Mal weglaufen. Doch es war so klar: Da ist etwas, was mich fasziniert, was mich tiefer fallen lässt, was das Erleben des Moments noch farbiger macht.

Der hellste Scheinwerfer im hintersten Winkel

Seither habe ich weiter in dieser Art geübt – manchmal voller Freude, manchmal total frustriert. Genauso wenig, wie ich als Person mein Sitzen in der Stille machen oder kontrollieren kann, kann ich das Üben genau derselben Qualität mit einem anderen Menschen machen oder kontrollieren. Unglaublich herausfordernd. Unglaublich erfüllend, wenn sich ein gemeinsames einfach Sein einstellt.

Die echte Begegnung oder Intimität mit einem Menschen in dieser Weise fühlt sich an, als liesse man den hellsten Scheinwerfer noch jeden Winkel des eigenen Wesens ausleuchten.

Ufenart ist auch das wieder gleichzeitig furchteinflössend und schön. Furchteinflössend für jene Winkel des eigenen Wesens, die sich unzulänglich fühlen oder Angst vor Bewertung haben.

Ein Tanz zwischen Offenheit und Abgrenzung

Da haben sich all die Jahre der Auseinandersetzung mit dem eigenen Wesen und all seinen Schatten bewährt, all die Jahre des Sehens, dass auch diese Schatten nichts anderes sind als das Ganze.

Es ist ein spannender Tanz herauszufinden, wo Grenzen wichtig und notwendig sind und wo sie sich auflösen dürfen.

Als Beispiel: Ein grosser Teil dieser Arbeit ist im warmen Wasser geschehen, in einem Umfeld, wo es für den Körper einfacher ist, sich zu entspannen. Doch so spärlich bekleidet zu sein, heisst auch umso sorgfältiger zu sein mit sich und nicht davon auszugehen, dass man mit jeder, mit jedem diese Nähe erleben möchte. Ich empfand es in diesem Setting als umso unerträglicher, auf Gespieltes oder Gekünsteltes zu treffen. Und so war der Kreis der Menschen, mit denen ich übte, extrem klein. Aus Liebe zu mir, diesem Wesen Leela.

Platz fürs Unbekannte

Ja, Intimität und Verbindung mit einem Gegenüber, so lerne ich, lebt davon, dass ich mich nicht aufgebe. Dass sich das Gegenüber nicht aufgibt. Dass es gleichzeitig aber auch diese Offenheit gibt, damit Raum dazwischen aufgeht. Raum, in dem Überraschendes geschehen kann. In dem Platz ist fürs Unbekannte, das stets sowohl meine Bedürfnisse als auch die der anderen Person wahrnimmt oder hört. Und dann mit den unglaublichsten, grossartigsten Dingen ever fürechunnt.

Weil ich das unmittelbare Erleben im Körper am einfachsten und hilfreichsten finde, um Neues zu lernen, gefällt es mir, all das Gesagte als Bewegungspraxis zu üben. Das ist mir nicht neu, Intimität im eigenen Körper und mit der Stille als Bewegung zu erleben, das ist zu hundert Prozent mein Ding. Neu ist das Element des Gegenübers. Und das fühlt sich an, als sei ein weiteres Puzzleteil dazugekommen, das Bild bekommt mehr Tiefe, mehr Schärfe. Mehr Details. Fantastisch.

 

Wer sich ein genaueres Bild der beschriebenen Praxis («Formless Arts») machen möchte, findet hier (Play-Fight Practice), hier und hier (Liquid Body Practice) Einblicke und Anregungen.

Photo by Noah Buscher on Unsplash

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