Less noise – more conversation.

 Lesedauer: 5 Minuten

Mehr als eine Visitenkarte

Someone special

Etwas Besonderes sein, oder zumindest etwas Besonderes hinterlassen. Ein Buch schreiben, oder Schauspieler:in werden, oder ein neues Getränk, eine neue Sportart erfinden. Oder zumindest irgendwas tun, etwas Bedeutsames, nicht nur für mich, sondern bestenfalls auch für meine Familie und Freunde und ein paar meiner Bekannten. Für die Menschen, die ich jeden Tag in dem Coffee Shop treffe und auch die Leute im Yoga-Studio bei mir um die Ecke und meine 1573 Instagram Follower.

Kurz um, ich möchte, dass mein Leben von Bedeutung ist. Ich will wichtig sein. Für den Rest der Welt. Nicht mehr und nicht weniger. Wer kennt es nicht?

Marina Keegan schreibt in ihrem Essay «Song for the special»

«Wir sind alle Individuen. Das trichtert man uns an Versammlunge  am Martin-Luther-King-Tag (ein Einzelner kann etwas bewegen!) und in Plakatprojekten in der vierten Klasse (was möchtest du später mal werden?) ein. Wir können alles sein! […] Irgendwie und insgeheim wissen wir, dass wir berühmt werden.

Abends, beim ziellosen Blättern auf dem Bildschirm, erinnere ich mich an die Wandbilder in der Grundschule. Schon ein Mensch kann etwas bewegen! Aber die Leute, die mich fragen, was ich später werden möchte, wollen keine Plakate mehr von mir. Sie wollen, dass ich Formulare ausfülle und ihnen rechteckige Visitenkarten überreiche, auf denen steht HALLO ICH MACHE DAS UND DAS.»

Hier ist meine Visitenkarte

Dieses kleine rechteckige Etwas, auf dem mein Name steht. Sorgfältig ausgewählte Farbkombinationen. Ein paar grafische Elemente. Das ein oder andere Symbol. Hier noch ein Unterstrich, da noch ein dezenter Rahmen. Bloss nicht zu viel. Die Schriftart, modern, aber nicht zu aufdringlich. Seriös, aber nicht zu steif. Die Stärke des Papiers, die Haptik, fest und griffig soll sie sein, die Visitenkarte.

Mit einer «verspielten» Visitenkarte gelingt allenfalls ein peinlicher Auftritt, in welchem sich der Wunsch, etwas Besonderes zu sein, allzu sehr auf dem kleinen Papierkarton niedergeschlagen hat.

Ein Miniaturausdruck der Persönlichkeit

Die Informationen, die sich auf dem papiergewordenem Mini-Me finden, liegen irgendwo zwischen einer vereinsamten Emailadresse und einer vollständigen Privatanschrift inklusive Tiktok Name und Sternzeichen.

Die Visitenkarte ist der papierne Ausdruck einer individualisierten Leistungsgesellschaft, die nach gemeinschaftlicher Selbstoptimierung strebt.

Auf dieser, meiner, Visitenkarte, soll bitteschön deutlich werden: Ich, Janna Horstmann, bin etwas Besonderes und ich werde irgendetwas Besonderes in diese Welt bringen, jawohl!

be the best version of yourself

Worüber ich mir meistens zu wenig Gedanken mache: Will ich das wirklich? Oder will ich das, weil Menschen das von mir erwarten? Oder will ich das, weil ich denke, dass Menschen das von mir erwarten?

Woher kommt dieses Menschlein in meinem Kopf und warum ist es so hartnäckig darin, meine Gedanken in Beschlag zu nehmen? Erwartungshaltungen sind wirklich unhöflich. Sie entstehen nämlich, um einem Kontrollbedürfnis nachzugeben. Wenn ich mich auf alles einstelle, bin ich auf alles vorbereitet. Denke ich zumindest. Aber zurück zu der Visitenkarte.

Times they are a changing

Wenn ich als 15-Jährige eine Visitenkarte gehabt hätte, wäre vermutlich ein Foto von mir mit meinem Lockenkopf darauf gewesen, meine ICQ-Nummer, das Ganze auf orangenem Karton und unten in der Ecke würde eine kleine Giraffe neben meiner witzigen ersten Emailadresse prangen. Ausdruck meines Besonders-Seins als 15-Jährige. Mit 20 wäre sie vermutlich pink gewesen und, weil ich furchtbar verliebt in meinen ersten langjährigen Freund war, wären es vielleicht Pärchen Visitenkarten gewesen.

Zu jedem Zeitpunkt in meinem Leben war ich anders besonders. Oder wollte zumindest anders besonders sein.

Vor 15, vor 10 aber auch vor einem Jahr war ich ein anderer Mensch, als ich es jetzt bin. Und vor 15, vor 10 aber auch vor einem Jahr wollte ich andere Dinge, als ich es jetzt will. Wie absurd zu denken, ich verändere mich permanent, aber was ich tue oder denke hat Bestand und ist vonBedeutung.

Ich bin mehr als meine Frühstücksroutine

Was auch hilft: Multiperspektivität. Ich bin mehr, als meine Eigenarten, Redeweisen, meine Schuhe, Frisuren, Lieblingsgerichte, mein Beruf, Extremsportarten, Reiseerfahrungen, Bücher, die ich besitze und bestenfalls gelesen habe. Sich auf eine Eigenschaft oder ein Merkmal zu reduzieren ist sich selbst nicht fair gegenüber. Trotzdem mache ich es viel zu häufig.

Dabei  muss ich mich bloss fragen, wie unterschiedlich mich schon die Menschen wahrnehmen, denen ich durch Zufall begegne. Für den Coffee Shop Menschen bin ich der Smoothie mit Erdbeere und Holunderblütensaft. Für den Menschen, der mir im ÖV gegenübersitzt, bin ich die Frau, die ihre Kopfhörer über der Mütze trägt. Meine Eltern sehen in mir die jüngste von drei Töchtern, die gerade in der Schweiz lebt. Für meine Arbeitskolleg:innen bin ich die, mit den silbernen Schuhen und der Diskokugel.

Mein Gegenüber hat nur diese eine Visitenkarte von mir, nicht alle potenziellen Visitenkarten meines Lebens inklusive der zusätzlichen aktuellen Informationen. Jeder sieht etwas Anderes von und in mir. Vielleicht auch etwas Besonderes. Und ich habe absolut keine Ahnung in welchem Leben ich Bedeutung habe oder auch nicht. Mich befreit dieser Gedanke seltsamerweise. Meine aktuelle Visitenkarte ist übrigens rosa, mit der Aufschrift: Less noise, more conversation.

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