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Lesedauer: 4 Minuten

Hört mir auf mit Sünde!

Soll man über die Sündenlehre der Kirche überhaupt noch ein Wort verlieren? „Schluss mit Sünde“, fordert Klaas Huizing. Was aber, wenn die Menschen jenseits des christlichen Glaubens einfach weitermachen mit den Sprachspielchen? Und sich dabei gegenseitig abwerten und beschämen? Ich habe hingehört, laut gelacht, geschmunzelt, mich selbst ertappt, ein wenig empört und hier und da tief geseufzt.

Sinful Slam

Soll ich mich jetzt aufregen oder schlapplachen? Egal, diese Bausünde lässt sich nur mit der Abrissbirne behandeln. Verdient hat trotzdem jemand daran, vor langer Zeit.

Ach ja, die guten alten Zeiten mit ihren Jugendsünden … sind mega peinlich. Einmal hochgeladen wirst Du sie nie wieder los. Das Internet vergibt nicht. Deine Modesünden bebildern den online Pranger. Google löscht nicht.

Von wegen ungerecht: Wenn Adam und Eva wegen eines Früchtchens aus dem Garten geflogen sind, dann haben sie den Obstsalat. Aber warum dürfen die Steuersünder eigentlich noch in ihren Paradiesen rumhängen?

Ups, das beurteilt man in der Schweiz ein wenig anders. Dafür bestrafen wir hier die Temposünder, aber so was von.

Wo wir gerade dabei sind: Verkehrssünden – nein, das hat nichts mit Sex zu tun. Aber manchmal sind sie halt leider doch geil, vor allem die verborgenen. „Go and blitz Dich selbst!“

Habe ich gerade „geil“ gesagt? Was für eine inflationäre Verrohung des Sündenvokabulares! Die Parksünderin wird so fast zur Kriminellen. Aber dass der Alkoholsünder vielleicht sein Leben ersäuft, klingt kaum noch an.

Vergiss es! Ein kleiner Flirt hat noch niemand geschadet. Du bist ne Sünde wert. Bitte verführ mich! Du bist so sexy, so süß, einfach cremig, sahnig, so schokoladig und … fettig. Hörst Du? Da ruft einer:

„Kommt her zu mir alle Ihr Diatsünder, die ihr ausgemergelt und unterzuckert seid, ich will Euch erquicken. Nehmt auf Euch meine Wage, denn meine Kalorien sind sanft und meine Laster leichter als das weight Eurer watcher. Ihr gönnt Euch ja sonst die ganze Woche nichts – ich bin Dein Cheating Day.“

Jetzt aber bloß nicht den Teufel an die Wand malen, ihr missionarischen Gesundheitsfanatiker. Eure Ernährungssündenlehre macht mir mehr Angst als die sieben Todsünden der Kirche.

Ihr veganen Spassverderber. Wollt Ihr mich bekehren? Lasst mir doch wenigstens noch ein wenig Lust – die Lust des Fleisches.

Igitt, igitt! Lustig sind die Güllegruben der Massentierhaltung echt nicht. Stinken zum Himmel wie ein Sündenpfuhl. Wohin damit? Weniger Fleisch, aber dafür Bio. Den Tieren zuliebe. Kann man so machen, wird dann leider sündhaft teuer.

Die Umweltsünder bringen den Zorn der Mutter Natur über uns. Bis uns der Wasserspeigel an der Halskrause steht. Läuft, dann können wir unsere Klimahände ordentlich in Unschuld waschen. Oder noch besser: Desinfizieren.

Eine Pandemie als Endgericht über unsere Globalisierungssünden!

Und wie viele Opfer müssen wir noch bringen, um nicht vertilgt zu werden? Alles Quatsch, da spinnen ein paar Superreiche ihr sündiges Netz im Hintergrund – ich schwöre!

Behalt die Nerven. Es wird wieder wie früher. Alle tun es, jeder weiß es und die Masse empört sich, wenn es aufgedeckt wird. Ich rede von den Dopingsündern, gesponsert von den großen Marken. Nur so wird es immer krasser, schneller, höher und weiter. Mit Sponsorengeldern kann man sich Olympia kaufen. Brot und Spiele. Ach ja, und wir wollen live mit dabei sein.

Für die Übertragungsrechte verkaufen wir unsere Seele an die Dauerwerbung.

Was für ein freier Sündenfall aus der Höhe des himmlischen Sky-Abos!

Na, den Absturz kennt Ihr doch, Ihr Sünderstaaten. Mit dem Finger zeigen wir auf Euch und machen hinten rum richtig Rendite mit Euren Wirtschaftssünden. Wir haben Euch gnädig erlöst aus Euren Finanzsünden. Und seid froh, weil die passenden Sündenböcke für Eure Gier gefunden sind.

Sorry, dumm gelaufen, ihr schwarzen Schafe aus den Bad Banks. Ihr einsamen Optionssünder von der Wall Street. Eure Investmentbank machen wir zum Sünderbänkchen bevor wir Euch öffentlich zur Schlachtbank führen.

Ach, verzeiht, Ihr seid es ja gar nicht. Stellvertretend gebüßt und geblutet hat ja der einfache Steuerzahler.

Mit Sünde kann man Kohle scheffeln. Und damit machen wir Dir die Hölle heiss, Du arme Seele im Fegefeuer.

Vielen Dank jedenfalls wenn ich mir mein schlechtes Gewissen mit fair gehandelten Ablasslabels und Emissionszertifikaten beruhigen und freikaufen kann.

Es tut uns leid, Fridays for Future, aber ihr werdet wohl Erbsünder bleiben. Für zukünftiges Wachstum müssen wir einfach noch mehr auf Eure Schuldenuhr packen. Tick-Tack … Aber wer weiss? Vielleicht beendet Ihr ja die Hetzjagd auf das optimale Selbst, die den Zeiger schon so oft auf kurz vor Zwölf gedreht hat. Dann könntet Ihr sie entsorgen, die lästige U(h)rsünde.

 

Illustration: Rodja Galli.

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