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Lesedauer: 4 Minuten

Glauben und Verstehen – im Umgang mit der Bibel

Anmerkung: Dieser Blogbeitrag lehnt sich an einen Workshop an, welchen der Autor an der Digitalen Kirchentagung 2021 vom 20. März 2021 halten wird. Anmeldungen noch möglich bis 18.3.: svenja.espenhorst@zhref.ch

Der Protestantismus begann mit dem Versprechen, ein Leben aus und mit der Bibel zu eröffnen. In früheren Zeiten sagte man gern: Lies die Bibel wie einen Liebesbrief Gottes! Oder: halte Dich an die Bibel, sie ist eine Gebrauchsanweisung für ein gelingendes Leben. Ja, diese beglückende Erfahrung kann man mit der Bibel machen. Immer wieder haben Menschen in ihr Liebe und Orientierung gefunden.

Aber schnell merkt man auch: Dieser Liebesbrief war furchtbar lange unterwegs. So vieles darin klingt fremd und unvertraut. Und wenn die Bibel Orientierung geben soll wie eine gute Landkarte, dann hat sie anscheinend viel zu lange keine überarbeitete Neuauflage erfahren. Viele darin verzeichnete Wege gibt es gar nicht mehr. Und eine Reihe von neu entdeckten Kontinenten findet sich nirgendwo in der Bibel.

Scheitert das Leben mit der Bibel daran, dass der geschichtliche Abstand zu diesen Texten längst viel zu groß geworden ist?

Es gibt ein hilfreiches Bild für die Bedeutung der Bibel, das auf die Erfahrung des historischen Vergangenseins biblischer Zeiten gut eingestellt ist.

Betrachte die Bibel als ein mehraktiges Drama! Eine große Geschichte von Gott, der in seiner Schöpfung eine einzigartige Bühne des Lebens entwirft.

Eine Geschichte, die schnell spannungsvoll wird und Zerwürfnisse zwischen Gott und Menschen sowie zwischen den Menschen untereinander vor Augen führt. Und schließlich kommt es in dieser Geschichte zu einer unerhörten Wende: Der Schöpfer dieser Welt verlässt den Produzentenstuhl bzw. den Zuschauerraum und möchte selbst die Geschicke auf der Bühne zum Guten lenken. Aber leider ist das nicht so einfach wie im antiken Theater, wo ein sprichwörtlicher «deus ex machina» die Lösung einer verwickelten Handlung aus der Fülle seiner Macht herbeizwingt.

Nein, der Gott einer bedingungslosen Liebe erzwingt seine Durchsetzung nicht. Er wird zum Helden einer Geschichte, die ihn in Leiden und in den Tod führt, weil er sich anders nicht als der wirklich Liebende an die Seite seiner Geschöpfe stellen kann.

Und inmitten eines verpfuschten Dramas beginnt er einen neuen Handlungsstrang, der inmitten der alten Welt zu einem alternativen Zeitstrahl der Befreiung und Vollendung wird.

Eine Reihe von theologischen Entwürfen (NT Wright, K. Vanhoozer) haben in den letzten Jahren solche Dramadeutungen der Bibel entworfen. Die Pointe dieser Sicht ist: Das Drama der Bibel erweist sich als Fragment. Der fünfte Akt beginnt mit den Auswirkungen der göttlichen Erlösung auf der Erde – und dann bricht der Handlungsfaden einfach ab. Aber einzelne Schnipsel vom Ende des Stücks verheißen ein Happy End, einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt.

Und dazwischen – sind wir.

Die Bibel so zu lesen, heißt sich selbst auf der Bühne wiederzufinden. Und nun geht es nicht mehr darum, den biblischen Texten einfach nur Zustimmung und Applaus zu zollen, genauso wenig wie es darum geht, sie einfach zu wiederholen. Vielmehr ist es nun das Ziel, die in der Bibel begonnene Handlung fortzusetzen.

Und darum möchte man das bisherige Skript gründlich verinnerlichen, um der bisherigen Logik gerecht zu werden, und um angesichts immer neuer Herausforderung zu improvisieren, wie das Stück zwischen dem Beginn und dem Ende des fünften Aktes jetzt eine sinnvolle Fortführung finden kann. Darum ist Bibellesen stets ein kreativer Akt. Denn schon die bisherige Geschichte hat ja gezeigt, dass man ihr nicht gerecht werden kann durch beifälliges Nicken oder bloße Regelbefolgungsbeflissenheit.

Wir selbst sind das Straßentheater Gottes, in dem das größte Drama aller Zeiten seine Wirkung entfaltet.

Und unser Leben wird zu einem permanenten Improtheater kreativer Nachfolge. Wir glauben nicht dadurch an das Drama Gottes, dass wir die bisherige Handlung ins Unendliche kopieren. Und wir verstehen den Geist dieser Story nur darin, dass wir seine Handlung kreativ weiterentwickeln.

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2 Kommentare zu „Glauben und Verstehen – im Umgang mit der Bibel“

  1. Thomas Miertschischk

    Also ich finde das weder eine ermutigende noch eine für den Charakter der Bibel (als Zusammenstellung von unterschiedlichsten Texten, die wiederum aus unterschiedlichsten Textteilen zusammengestellt sind) passende Vorstellung, dass wir Menschen bzw. wir Lebewesen Teil eines riesigen Dramas Gottes sind. Selbst wenn es Impro-Theater ist, so dass wir selbst eigenständige Entscheidungen innerhalb dieses Dramas treffen können, bleibt die Tatsache, dass zig Millionen bis Milliarden bis … in diesem Drama auf der Strecke geblieben sind und vermutlich auch noch bleiben werden.
    Mir scheint das eine aus dem Zeitalter der elektronischen Unterhaltung geborene Vorstellung für die Weltgeschichte zu sein. Von daher sind wir ja daran gewöhnt, dass (egal ob für die „gute“ oder die „böse“ Sache) Mengenweise Material und Leben auf der Strecke bleibt, ohne dass es einen groß jucken muss – ist ja „nur“ Unterhaltung, wo im Zweifelsfall noch extra die beruhigende Botschaft druntersteht, dass bei den Dreharbeiten keine Tiere zu Schaden gekommen sind.

    1. Thorsten Dietz

      Danke für die kritische Bemerkung, kann ich gut nachvollziehen. Mein kleiner Text macht sicher nicht hinreichend deutlich, wie sehr die Weltgeschichte auch als Tragödie wahrgenommen werden muss. Ich glaube, dass die biblischen Erzählungen diese tragische Seite der Wirklichkeit beständig im Blick haben. Letztlich ist es die biblische Hoffnung, dass Gottes Wirken in dieser Welt diese davor bewahrt, nichts anderes als eine Tragödie zu sein bzw. zu werden. Insofern sind unsere Improvisationen immer auch dazu berufen, ein Hoffnungszeichen über Leid und Tod hinaus zu sein.

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