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Lesedauer: 4 Minuten

Weder Mandarin gelernt noch weiser geworden

Als der Bundesrat am 16. März 2020 in einer Pressekonferenz die «ausserordentliche Lage» ausrief, sass ich in einem Restaurant im Appenzell. Ein spätes Mittagessen, ein ungewöhnlicher Montagnachmittag: Zuvor hatte die Beerdigung meines Grossvaters stattgefunden, der nach langer Krankheit gestorben war.

Damit beginnt für mich das Coronajahr. Mit entschuldigenden, unangenehmen Nachrichten im Familienchat, mit denen sich einige Angehörige von der Abdankungsfeier abmelden. Mit der drückenden Sorge in den Tagen zuvor, wie sie sein wird, die Trauerfeier ohne Umarmungen. Mit dem seltsamen Gefühl, als am Grab alle Verwandten nacheinander denselben Weihwasserwedel in die Hand nehmen, um die Urne in der Erde zu besprengen. Und mit dem Bewusstsein, dass wir vermutlich für eine längere Zeit zu den letzten Familien gehörten, die sich von einem sterbenden Menschen relativ normal verabschieden durften.

«Beim Klatschen gestern alle sehr gerührt»

Tagebuchnotiz vom 20.3.2020: «Alles fühlt sich sehr schräg an. Surreal. Das Gefühl, in einem Weltgeschichte-Erlebnis drin zu stecken. Die Fragen, wie es ausgehen wird, wie lange dieser Extremzustand anhalten wird. 800 Neuinfizierte an einem Tag, diese Zahl schockiert. Die nächsten 10 Tage werden die schwierigsten, bis man Ergebnisse der Einschränkungen sieht. Momentan ist die Stimmung noch gut. Solidarität. Beim Klatschen gestern 12.30 Uhr alle sehr gerührt.»

Leergefegte Strassen und Züge – was für ein Unterschied zu heute. Wir haben uns eine Art von «Minimalnormalität» erkämpft. Das Corona-Tagebuch habe ich nicht lange geführt, weil sich die Veränderungen schon nach kurzer Zeit nicht mehr extrem anfühlten. Beziehungsweise, weil Veränderungen so häufig und Anpassungen so alltäglich wurden. «Normal» heisst heute etwas völlig anderes als noch vor einem Jahr.

Man gewöhnt sich an vieles, nur so ist die Belastung über längere Zeit auszuhalten.

Letzten Herbst, Ende Oktober, als die Neuansteckungen in die Höhe schnellten und teilweise bei 10’000 pro Tag lagen, dann nochmals ein Eintrag im Corona-Tagebuch. «Die Stimmung verschärft sich. Am Radio kam die Durchsage, dass alle WKs bis Ende Jahr ausgesetzt werden, um die Bereitschaft der Armee sicherzustellen. Das gibt mir ein mulmiges Gefühl im Magen.» Seit diesem Eintrag war Weihnachten, die Debatte um Skigebiete fand statt, jetzt diejenige um neue Lockerungen. Das ist die Kehrseite davon, dass Corona «normal» wurde: Die allgemeine Solidarität hat abgenommen, man stumpft ab, dafür spitzen sich die Diskussionen zu.

Die Stimmen, die laut werden müssen

Über Corona, das Virus, die Politik, unsere Gesellschaft wird jeden Tag so viel geschrieben, auch sehr viel Kluges, dass mir jede persönliche Reflexion auf dieser öffentlichen Plattform banal vorkommt. Erst recht, weil ich eigentlich die Falsche bin, um über 1 Jahr Corona zu schreiben. Eigentlich müsste hier meine Freundin mit der Vorerkrankung schreiben, die seit einem Jahr niemanden mehr umarmt hat und Besuche nur mit Maske empfängt. Oder diejenige, deren Schwiegervater an Corona fast gestorben wäre und seit Monaten in der Reha ist. Oder der Freund, der damals innert eines Tages Aufträge im Umfang von drei Monatsgehältern verlor und sein Geschäft im Eventbereich ganz neu aufbauen musste. Spitalpersonal, Menschen mit psychischen Erkrankungen, junge Erwachsene, deren Leben auf den Kopf gestellt wurde, Wissenschafter*innen.

Ich bin froh, dass ihre Stimmen immer wieder gehört und verstärkt werden, in Reportagen, Interviews, auf Social Media.

Denn ich selber sitze zu Hause, mache mehr oder weniger die gleiche Arbeit wie vorher, gehe alle 2 Wochen für eine Risikopatientin in der Nachbarschaft einkaufen und übe mich in Geduld.

«Schade, dass die Schokolade so schnell aufgegessen ist»

«Es ist ein Marathon, kein Sprint» – was diese Aussage tatsächlich bedeutet, sickert jetzt, zu Beginn der 3. Welle, langsam ein. Einen Marathon bin ich noch nie gelaufen, aber die Situation erinnert mich an eine Fernwanderung. Bevor ich zu meiner ersten mehrtägigen Trekkingtour losging, freute ich mich darauf, endlich mal Gelegenheit zu haben, über die wirklich wichtigen Dinge im Leben nachzudenken. Und dann waren die Dinge, worüber ich beim Wandern tatsächlich nachdachte, bloss meine schmerzende Schulter, die Frage, wo wir diesen Abend unser Zelt aufschlagen würden und wie schade es ist, dass die Schokolade so schnell aufgegessen war. So war es auch mit dem ersten Corona-Jahr.

Ich habe weder Mandarin gelernt noch täglich jemanden angerufen, der/die womöglich einsam ist. Ich bin nicht weiser geworden. Und unsere Gesellschaft ist es auch nicht, obwohl wir das vor einem Jahr vielleicht gedacht hatten.

Die ganze Situation erinnert mich noch an eine andere Begebenheit an der Beerdigung meines Grossvaters, um nochmals zu diesem Montagnachmittag vor einem Jahr zurückzukommen. Mitten in der Trauerfeier fing ein Teil der Altardekoration Feuer. Zwei meiner Tanten aus der vordersten Sitzreihe eilten hin und pusteten die herzförmig aufgestellten Kerzen und das brennende Deko-Tuch aus. Ein tragikomischer Moment, diese Löschaktion. Tragik, Kopfschütteln, Aktivismus, Hoffnung, Self-Care, Leugnung – meine Wahrnehmung des Corona-Geschehens und der damit verbundenen Ereignisse und Massnahmen besteht aus verschiedenen, sich abwechselnden Phasen. Und dazwischen, oder daneben, oder überhaupt: das Leben, das irgendwie weitergeht.

Foto: Hauptbahnhof Zürich während dem ersten Shutdown. By Ellen Jenni on Unsplash

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