Dein digitales Lagerfeuer
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 Lesedauer: 5 Minuten

Was lerne ich von meiner Einsamkeit?

Einsamkeit ist ein Wort, das schon manchmal Angst macht. Einsam will wirklich niemand sein. Lucky me. Ich fühle mich recht selten einsam. Dachte ich zumindest bevor ich meine Podcast Gespräche geführt habe.

Klar, wenn ich mir vor Augen führe, was alles noch ginge, wo ich mich noch engagieren könnte und wieviel mehr Beziehungen ich noch führen könnte, dann bin ich wohl ein Mensch, der auch öfter mal allein ist. Aber die vorhandenen Beziehungen mit dem Sozialleben anderer zu vergleichen ist auch eher kontraproduktiv.

Die Gespräche in dieser Staffel von I feel you zum Thema Einsamkeit haben mir gezeigt, wie komplex das Thema Einsamkeit ist. Sowohl die Gründe dafür als auch die Strukturen, die Einsamkeit begünstigen sind vielzählig.

Davon, was ich tun müsste, um mich in die Einsamkeit zu stürzen, habe ich eine recht konkrete Idee. Gut also, dass ich mit meinen Gäst*innen auch ganz konkret darüber spreche, wie ich da wieder herauskomme. Johann Hinrich Claussen, Andreas Loos und Nina Goldmann teilen mit mir ihre Gedanken zum Thema, ihre Erfahrungen und Expertise.

Hier lest ihr in 10 Learnings die wichtigsten Erkenntnisse aus den Gesprächen. Und alle, die tiefer einsteigen wollen- hört doch einfach in die Gespräche rein!

1. Einsamkeit ist ein Kloss im Hals

Einsamkeit ist nicht nur im Kopf, ich spüre sie auch im Körper. Wenn das Bedürfnis nach Beziehungen und Verbundenheit nicht befriedigt wird, kann sich gerne mal der Körper melden. Wie bei Hunger oder Schmerz: Der Körper zeigt uns, dass uns etwas Wichtiges fehlt.

2. Einsamkeit ist nicht dasselbe wie Alleinsein

Es geht nicht darum, ob ich physisch allein bin oder unter Menschen. Ich möchte mich als Mensch mit meinen Gedanken, Ideen und Gefühlen gesehen fühlen. Einsam kann ich auch in einer Beziehung oder aber allein und trotzdem zufrieden sein. Resonanz ist das Zauberwort: Jemand sieht mich. Ich bin nicht nur einfach da.

3. Bin ich einsam, mag ich mich selbst nicht mehr

In meiner Anfangszeit in der Schweiz hatte ich vor Ort wenig soziale Kontakte. Das hat dazu geführt, dass ich mich permanent selbst beobachtet habe: Müsste ich nicht eigentlich mehr raus gehen, mehr unternehmen? Kann ich das so machen? Da sind die Selbstzweifel und Selbstentfremdung nicht weit.

4. Jeder Mensch erlebt einsame Zeiten

Ortswechsel, Studienbeginn, Ruhestand, Trennung, Krankheit oder der Tod. Wenn sich meine vertrauten Beziehungsstrukturen verändern, ist die Einsamkeit meist öfter zu Besuch. Resonanzräume fallen weg, Bindungen lösen sich – Einsamkeit ist eine natürliche Reaktion. Aber das Wissen um die temporäre Situation hilft mir auch das Einsamkeitsgefühl einzuordnen.

5. Scham verstärkt Einsamkeit

Sie ist die kleine grosse Schwester, wenn ich mich einsam fühle. Ich schäme mich, dass ich zu wenig Beziehungen oder Verbindungen habe. Ich bin doch selbst schuld – anscheinend bin ich einfach nicht liebenswert. Diese Gedanken sind wenig hilfreich. Was hilft: Selbstmitgefühl! Es ist okay, dass es mir so geht. Es ist okay, dass ich bedürftig bin und mich nach Verbundenheit sehne.

6. Angst und Unsicherheiten werden kleiner, wenn ich sie teile

Ist ja schön und gut, wenn ich viele Kontakte und Freundschaften haben. Bringt aber herzlich wenig, wenn es mir nicht gelingt mit diesen Menschen auch über Sorgen und Ängste zu sprechen. Denn nur wenn ich mich mit diesen Themen auch anderen zumute, entsteht Verbundenheit. Nur zusammen Fernsehen macht nicht weniger einsam.

7. Soziale Interaktion kann ich üben

Wenn ich lange Zeit wenig soziale Kontakte hatte, bin ich mit Smalltalk schnell überfordert. Aber zum Glück werde ich in Gesprächen und sozialen Interaktionen wieder sicherer, je öfter ich sie praktiziere. Soziale Kompetenz ist wie ein Muskel, der gestärkt wird, wenn ich ihn wieder öfter trainiere.

8. Go-to Places sind wichtig

Ich gehe jeden Freitagmorgen bei dem Italiener einen Kaffee holen. Und die Dame in meiner Lieblingsbuchhandlung weiss mittlerweile, was mir gefällt. Klar, mit denen rede ich nicht über meine Unsicherheiten, aber sogenannte «familiar strangers», also kurze wiederkehrende Kontakte, bilden ein Grundgefühl von Zugehörigkeit. Und das tut gut.

9. Dritte Orte sind wichtig

Es sind nicht nur die Go-to Places. Es sind auch Orte im öffentlichen Raum, Parks, Büchereien, Plätze, die Einfluss haben auf mein Wohlgefühl. Wenn es Orte gibt an denen ich Menschen beiläufig und zwanglos begegne, schafft das ein grösseres Zugehörigkeitsgefühl.

10. Ich kann Verbundenheit vorbereiten

Auch wenn ich das Gefühl von Resonanz nicht erzwingen kann, kann ich doch für günstige Bedingungen sorgen. Soll heissen: dasselbe Café besuchen, Rituale schaffen, sich engagieren, in die Natur gehen, offene Räume aufsuchen, Zeit und innere Bereitschaft. Und auch lernen, die Einsamkeit auszuhalten.

Fazit

Einsamkeit ist unangenehm, aber ich kann einiges von dem Gefühl lernen. Wenn ich die Einsamkeit z.B. als Hilfsmittel verstehe, herauszufinden, was mir vielleicht gerade fehlt. Dann kann ich mich aktiv darum bemühen, dem etwas entgegenzusetzen. Niemand muss (dauerhaft) einsam bleiben. Trotzdem gibt es Phasen im Leben, in denen die Einsamkeit länger zu Besuch ist. Ich persönlich muss mich auch immer wieder darin üben, dann besonders freundlich zu mir zu sein.

 

Wenn dich das Thema Einsamkeit interessiert, hör gerne in die Folgen zum Thema rein:

Sind gläubige Menschen weniger einsam, Andreas Loos?

Fehlt uns Nähe – oder die Orte dafür, Nina Goldman?

Was hilft gegen Einsamkeit, Johann Hinrich Claussen?

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